Mittwoch, 4. Juli 2007




Heer im Wandel  –  1955 - 2017

überarbeitete Version Juli 2016

Die in der alten Version  grafischen Übersichten zur früheren Heeresstationierung und dieser Text befinden sich weiterhin auf  www.bw-duelmen.de.  
Dort befindet sich auch im Downloadbereich auf der Startseite eine ständig aktualisierte Version des Textes mit zahlreichen Verlinkungen und einem Materialanhang. Der Blog enthält nur noch die einfachen Texte von Teil I und Teil II.

Autor: Jürgen Dreifke



Grundsätzliche Vorbemerkung

Die Aufrechterhaltung von Frieden und äußerer Sicherheit gehört zu den elementaren Aufgaben einer staatlichen Ordnung und setzt umfangreiche Mittel und Maßnahmen voraus. In Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik wurde diese existentielle Frage häufig kontrovers diskutiert, aber bei der Mehrheit der Bürger herrschte immer Konsens, dass zur Friedenswahrung auch militärische Vorbereitungen gehören.

Die in dieser Betrachtung dargestellten militärischer Planungen, Einsatzspektren und Szenarien sollten nicht als „Kriegsspiele“ missverstanden werden.  Es geht dabei grundsätzlich um die Frage der Verhinderung oder Eindämmung militärischer Gewalt im Rahmen eines breiten Zusammenhangs politischer, militärischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bemühungen um Frieden und Sicherheit. Nach Lage der Dinge bleiben Störungen des Friedens durch international agierende Gewalttäter ein Menschheitsproblem für das Vorsorge zu treffen ist. Dazu gehört auch ein funktionierendes militärisches Instrument zur Abschreckung und Wiederherstellung der Rechtsordnung.

Eine militärische Auseinandersetzung in Mitteleuropa wäre mit hohen Opfern und Verwüstungen verbunden gewesen. Sie war nur  in einem Bündnisrahmen, nicht in nationalem  Alleingang zu verhindern. Dies gilt aber nicht minder für die Bürgerkriege außerhalb Europas und Aggressionen gegen unsere Partner an der Peripherie der westlichen Allianzen. Die Verhinderung von Kriegen und die Wiederherstellung von Frieden sind  hohe Ziele.
Nach dem Umbruch der neunziger Jahre blieb die Stabilisierung der internationalen und nationalen Ordnung und Entwicklung, nicht  Eroberung und Machterweiterung,  eine militärische Verpflichtung.

Der Verzicht auf militärische Optionen ist zu bejahen, sofern er auf einer realistischen Bewertung der aktuellen und zu erwartenden Risiken beruht! Diese Bewertung muss sich aber auch der Kritik stellen.





Heer im Wandel  –  1955 bis 2017

"Nichts ist so beständig wie der Wandel". Diese Grundregel gilt auch für die Entwicklung des Heeres, das in den mehr als vier Jahrzehnten seines Bestehens mehr als viele andere gesellschaftliche und staatliche Institutionen den technischen, politischen und ökonomischen Veränderungen angepasst und umgeformt wurde. In den Jahren 1996-98 hatte das Heer sein sechstes Strukturmodell eingenommen. Mit den Entscheidungen der politischen Führung zur Bundeswehrreform in den Jahren 2001/2002 begann ein weiterer, viel umfassenderer Umbauprozess, der mittlerweile auch schon wieder zweimal revidiert wurde. Zum Jahresende 2004 erschienen als Folge der neuen verteidigungspolitischen Kursbestimmung vom Mai 2003 ganz neue Planungsvorgaben für die größte Teilstreitkraft, die ihr Gewicht innerhalb der Bundeswehrstruktur verringern werden. Nach der Aussetzung der Wehrpflicht stellt die 2011 verkündete Neuausrichtung der Bundeswehr den vorläufigen Sachstand der Planung dar. Mit dem Weißbuch 2016 zeichnet sich ein erneuter Paradigmenwechsel ab, bei dem die Bündnis- und Landesverteidigung und Friedensmissionen wieder gleiche Priorität erhalten.


Die Anfänge 1956 – 1959 >> Inhalt

Mit dem politischen Entschluss zur Aufstellung der Bundeswehr standen die Planer unter erheblichem Druck. Bundeskanzler Adenauer drängte auf rasche Durchführung des ehrgeizigen  Aufbaus einer Streitmacht von 500.000 deutschen Soldaten,  um seiner Politik der Westintegration bei den Bündnispartnern Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dennoch musste Verteidigungsminister Strauß angesichts zu knapper Ressourcen an Personal und Infrastruktur das Aufbautempo drosseln.

Die Aufbaujahre waren durch eine große Unrast und Unbeständigkeit gekennzeichnet,  die mit andauernden Neuaufstellungen,  Personalabgaben, Teilungen und Verlegungen der Verbände das militärische Leben bestimmte. Das ursprüngliche Konzept einer rein konventionellen Verteidigungsstreitmacht musste durch die politische Entscheidung zur Ausstattung mit nuklearen Trägerwaffen schon in einer sehr frühen Phase modifiziert werden.

In den Aufbaujahren orientierte man sich weitgehend an traditionellen Modellen, vor allem an der amerikanischen Heeresorganisation.  Aufgrund der Kriegserfahrungen  und angesichts der neuen nuklearen Bedrohung sollte der Kern des Heeres aus gepanzerten Kampfverbänden bestehen. Grundlage der Planung war ein deutsches Kontingent von drei Korps und zwölf Divisionen für die NATO.

Eine Division umfasste im Kern drei Kampfgruppen und ein Artillerieregiment plus einige  Unterstützungstruppen. Die Kampftruppen bestanden vorwiegend aus mit LKW motorisierten Grenadierbataillonen und Panzer- oder Panzerjägerbataillonen mit Kampfpanzern  M 47 zu ihrer Unterstützung  Die  vorhandenen Truppen einer Division sollten im Einsatz auf drei Kampfgruppenstäbe verteilt werden. Da sich diese Gliederung bei den ersten Großübungen Ende der  50er Jahre nicht bewährte,  wurde eine eigene deutsche Struktur entwickelt,  in deren Mittelpunkt das Modell der "Division 59" stand,  welche die folgenden Heeresstrukturen prägen sollte und auch von einigen alliierten Partnern zum Vorbild genommen wurde.

Die Ausrüstung der ersten Jahre bestand weitgehend aus US-Gerät und war nicht immer einheitlich. Eine erste größere eigenständige Beschaffungsentscheidung war die Auswahl des Kampfpanzers M 48. Ein neuer Kampfpanzer sollte zusammen mit Frankreich entwickelt werden. Bei der Auswahl eines Kampfschützenpanzers fiel die Entscheidung für den nur als Modell existierenden HS 30.

Unter dem neuen Verteidigungsminister Strauß wurden entsprechend der konzeptionellen Ausrichtung der Bündnispartner und US-Führungsmacht auch nukleare Trägerwaffen eingeführt. Das sollten neben Jagdbombern, Flugabwehrraketen und Boden – Boden - Flugkörpern der Luftwaffe auch Raketen und Geschütze der Artillerie sein. Die nuklearen Gefechtsköpfe blieben in amerikanischem Gewahrsam. Diese Entwicklung stieß auf großen Widerstand in der Öffentlichkeit. Beim Heer wurden als erste nuklearfähige Systeme die Raketen  HONEST JOHN (Reichweite ca.40 km) eingeführt.  Diese verfügten über keine besondere Flugkörperlenkung und wurden nach artilleristischen Richtverfahren ins Ziel geschossen. Die HONEST JOHN gehörten anfangs zur Korpsartillerie, wurden dann aber auf die neu aufgestellten Raketenartilleriebataillone der Divisionen verteilt. Es folgten Feldhaubitzen Kaliber 203 mm (Reichweite ca.16 km) bei den Divisionsfeldartilleriebataillonen und die Lenkrakete SERGEANT (Reichweite ca. 150 km) als weitere Träger für nukleare Munition auf Korpsebene. In späteren Jahren standen auch die Panzerhaubitzen M 109 G der Brigadeartillerie für Atomgranaten (Reichweite ca.18 km) und Pionierspezialzüge für den Einsatz nuklearer Sprengladungen zur Verfügung.

Der Nuklearauftrag des Heeres blieb über alle Strukturen hinweg bis 1992 unverändert erhalten. Das Raketensystem HONEST JOHN der Raketenartilleriebataillone  in den Divisionen schied bis 1980 aus. Auf Korpsebene und in Schleswig Holstein gab es seit etwa 1965 vier „schwere“ Raketenartilleriebataillone mit dem Raketensystem „SEGEANT“ (Reichweite 150 km) auf Radfahrzeugen als Träger für nukleare Gefechtsköpfe. Das ab 1976 folgende leichter zu handhabende Nachfolgesystem „LANCE“  (Reichweite ca. 120 km) auf Kettenfahrzeugen blieb im Bestand des Heeres bis 1992.

Unverändert konnten die Geschütze der Kaliber 203 mm (letzte Version M 110 A2) in den Artillerieregimentern der Divisionen bis zum Ende der nuklearen Ära im Heer Atomgranaten einsetzen  Durch die Einführung von je zwei  Artilleriespezialzügen in den elf Divisionsartillerieregimentern konnten bei Bedarf ausgewählte Geschütze der Kaliber 203 mm und 155 mm Panzerhaubitzen M 109 G nuklear einsatzfähig gemacht werden, so dass die Einsatzflexibilität gesteigert werden konnte. Die Einsatzführung der nuklearen Mittel unterstand dem Artilleriekommando des Korps, die Einsatzentscheidung und Freigabe lag aber nur bei der NATO und den USA. Mit dem Ende des Nuklearauftrags schieden LANCE und die Haubitzen  M 110 A2 aus dem Heer aus, obwohl letztere immer auch eine konventionelle Rolle hatten und ursprünglich durch „intelligente“ Submunition kampfwertgesteigert werden sollten. Mit dem Ende des Nuklearauftrags waren auch die Sicherungskräfte  entbehrlich geworden (je eine Begleitbatterie in den Divisionen und vier nicht aktive Sicherungsbataillone in den Korps). Die für Transport und Sicherung der Munition aus den Sonderwaffenlagern zuständigen Nachschubbataillone Sonderwaffen wurden aufgelöst (Nr. 320 Herbornseelbach, Kompanie Nr. 611 Flensburg) oder in logistische Transportbataillone umstrukturiert (Nr. 120 Werlte, Nr. 220 Günzburg)


      Heeresstruktur II  (ca. 1960 - 1970) >> Inhalt

Das  erste bundeswehreigene Heeresmodell von 1959 ist in vielen Grundzügen auch im heutigen Heer noch wiederzuerkennen. Kern des Heeres war und ist immer noch die Brigade mit drei bis vier  unterstellten Kampfbataillonen,  einem eigenen Artilleriebataillon und Einheiten zur Unterstützung und Versorgung. Dieser flexible und relativ selbstständige Verband sollte in der Lage sein,  das Gefecht unverzüglich aufzunehmen und zu Beginn eines Konflikts nicht zu sehr von den übergeordneten Führungs- und Unterstützungsebenen abhängig sein. In der Struktur II verfügte jede Brigade über ein eigenes Versorgungsbataillon mit Sanitäts-, Transport- und Instandsetzungskompanien.
In der Regel wurden drei Brigaden einer Division unterstellt, die weitere divisionseigene Truppen für Führung und Unterstützung bereit hielt ( u.a. Fernmeldebataillon,  Panzeraufklärungsbataillon,  Pionierbataillon,  Flugabwehrbataillon,  Artillerieregiment, Heeresfliegerbataillon)

Höchste nationale Führungsebene waren die drei Korps, auf welche zwölf Heeresdivisionen verteilt waren. Das I. Korps (Stab Münster) bildete in der norddeutschen Tiefebene mit den Divisionen 1, 3 und 11 den stärksten Verband innerhalb der "Schichttorte" der von Norden nach Süden aufgereihten alliierten NATO-Korps. Für Schleswig-Holstein gab es eine Sonderregelung, da die dort stationierte truppendienstlich zum I. Korps gehörende  6. Panzergrenadierdivision im Befehlsbereich AFNORTH mit der dänischen Jütland-Division das gemeinsame NATO-Korps LANDJUT (Rendsburg) bildete, das heute im NATO-Korps Nordost (D, DK, PL) in Stettin einen Nachfolger gefunden hat.  Im Mittelgebirge lag der Stationierungs- und Verteidigungsraum des III. Korps (Koblenz) mit den Divisionen 2, 5 und 7. Das II. Korps (Ulm) rundete mit den Divisionen 4, 10, 12, der Gebirgsdivision und der Fallschirmjägerdivision die Stationierung im Süden ab.

Die Gebirgsdivision nahm mit einer Panzergrenadierbrigade (Nr. 24) und zwei Gebirgsbrigaden (Nr. 22 und 23) eine Sonderstellung in der Gliederung ein. Eine gewisse konzeptionelle Unsicherheit gab es bei der Rolle der Fallschirmdivision,  die man anfangs auch mit schweren Truppenteilen ausstattete, um sie auch im Erdkampf in der Vorneverteidigung einsetzen zu können. Später entschied man sich für eine rein infanteristische und luftbewegliche Rolle der Fallschirmtruppe. In der Struktur II konnten nur zwei Fallschirmbrigaden (Nr. 25 und  Nr. 26) voll aufgestellt werden.

In zunehmendem Maße wurde in den Strukturen II bis IV auch die Komponente korpseigener Unterstützungstruppen (Fernmelder, Pioniere, Artillerie, Logistik etc.) ausgebaut. In der Struktur II war die Logistik oberhalb der Brigadeebene noch weitgehend durch die Korps organisiert.

Mitte der sechziger Jahre stand der Rahmen für das Heer nach dem Strukturplan von 1959. Der Zulauf moderner Waffen (LEOPARD 1, amerikanische Artilleriepanzer etc.) beschleunigte sich ab Mitte der sechziger Jahre. Dennoch konnte die Konsolidierung und Modernisierung zahlreiche Defizite nicht verdecken. Es fehlte an Unteroffizieren und die erste Konjunkturkrise um 1966 begrenzte die finanziellen Möglichkeiten.

Eine Reihe von Einheiten, die in der Regelgliederung vorgesehen waren,  konnten noch nicht aufgestellt oder angemessen ausgestattet werden. Die Panzerbrigaden 28 und 20 blieben ein Torso; die Panzerbrigade 34 war erst gar nicht aufgestellt worden. Ebenso fehlte mit der Fallschirmjägerbrigade 27 der dritte Brigadeverband für die Luftlandedivision. Die dafür schon aufgestellten Fallschirmjägerbataillone 291 und 313 hatte man zwei Panzergrenadierbrigaden als drittes Infanteriebataillon zugeordnet.

Unvollständig blieben auch Teile der Divisionstruppen,  wie die Artillerieregimenter 8 und 12 oder die Panzeraufklärungsbataillone 8 und 12,  die erst gegen Ende der sechziger Jahre voll aufgestellt wurden,  indem man auf die Substanz anderer Verbände zurückgriff  (z.B. durch Auflösung der Fallschirmartillerie). Es gab auch Kampfbrigaden in denen noch ein drittes Kampfbataillon fehlte. Die enge Finanz- und Personaldecke hatte dazu gezwungen,  auf Kosten der Einsatzbereitschaft die Grundausbildung in den Einsatzverbänden und nicht in einer eigenen Ausbildungsorganisation durchzuführen. Einige aktive Kampfbataillone bestanden nur als Ausbildungsverbände.

Von einer durchgehenden Mechanisierung des Heeres konnte ebenfalls nicht die Rede sein. Eine einheitliche Ausstattung der Panzergrenadierbataillone mit dem pannenanfälligen Schützenpanzer HS 30 war gestoppt worden.  In der Regel hatten nur das Panzergrenadierbataillon der Panzerbrigaden und eines der drei Panzergrenadierbataillone in den Panzergrenadierbrigaden dieses Kampffahrzeug. Das zweite Panzergrenadierbataillon in den Panzergrenadierbrigaden erhielt den amerikanischen Mannschaftstransportwagen M 113 als leicht gepanzertes Transportfahrzeug, das dritte Bataillon musste als „Panzergrenadierbataillon (mot.)“ weiterhin mit UNIMOG 1,5 t  vorlieb nehmen oder diente nur als Führungsstab für Ausbildungskompanien. Es gab sogar Panzergrenadierbrigaden mit zwei nicht gepanzerten motorisierten. Bataillonen (z.B. Panzergrenadierbrigade 4). Die motorisierten Bataillone verfügten allerdings wie die anderen Bataillone in der schweren Kompanie auch über Mörser, leichte Schützenpanzer mit 20 mm-Kanonen (SPZ kurz HOTCHKISS), drahtgelenkte Panzerabwehrraketen auf LKW 0,25 t (KOBRA) und Jagdpanzer (meist M 41). Der Wehrdienst dauerte in der Struktur II nach einer durch den Mauerbau 1961 veranlassten Verlängerung 18 Monate.

Mit geringerer Priorität entwickelte sich die auch im Verteidigungsfall unter nationalem Befehl bleibende territoriale Verteidigung. Ihre Aufgabe bestand darin,  die Operationsfreiheit der NATO-Streitkräfte durch den Schutz der rückwärtigen Gebiete und Unterstützungsleistungen (z.B. Fernmelde- und Pionierwesen, Sicherungsaufgaben, Logistik, Lazarette, Krankentransport) zu gewährleisten. Gleichzeitig sollten die materielle Einsatzbereitschaft der deutschen Streitkräfte und die Aufrechterhaltung der militärischen Führungsfähigkeit und Ordnung gewährleistet bleiben. Den territorialen Stäben und Dienststellen oblag die Verbindung zu zivilen Einrichtungen und Verwaltungen. Deshalb lehnte sich die territoriale Militärorganisation an die föderalen und kommunalen Strukturen an. Bis 1969 unterstand die Territorialverteidigung einem eigenen  Amt in Bad Godesberg, dann wurde sie ins Heer überführt,  behielt aber eine eigene Organisationsstruktur. In der Territorialverteidigung dienten und dienen bis heute Angehörige aller Teilstreitkräfte, mehrheitlich natürlich vom Heer.

In den ersten 10 Jahren der Bundeswehr bildete sich schrittweise und mit sich verändernden Bezeichnungen eine eigene territoriale Kommandostruktur in der Fläche aus. In Anlehnung an die Ländergrenzen entstanden die Wehrbereichskommandos I (Schleswig-Holstein, Hamburg) II (Niedersachsen, Bremen) III (NRW) IV (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) V (Baden-Württemberg) und VI (Bayern). In jedem WBK wurden als militärische Ansprechpartner für die Regierungsbezirke  aus regionalen Territorialstäben die Verteidigungsbezirkskommandos (VBK)  gebildet, denen wieder Verteidigungskreiskommandos (VKK) unterstanden. Am Ende gab es ca. 30 VBK und 80 VKK.

Die grundlegenden Aufgaben der Territorialverteidigung wurden dabei auf den drei Führungsebenen jeweils für ihren Bereich wahrgenommen. Für die Unterstützung deutscher und alliierter Truppen wurden zuerst eine Reihe von aktiven Fernmeldebataillonen und Pionierbataillonen aufgestellt. Dazu kamen Feldjägerbataillone für den militärischen Ordnungsdienst im rückwärtigen Bereich, obwohl es Feldjägereinheiten auch bei den Korps und Divisionen gab. Für die Eigenversorgung  der Territorialverteidigung und als Kader für die Anschlussversorgung der deutschen Streitkräfte wurden ebenfalls einige aktive Einheiten benötigt (Versorgungsbataillone der WBK, Transport- und Nachschubbataillone). Ein großer Teil der Depotorganisation im rückwärtigen Bereich wurde vom Territorialheer betrieben. Es gab auch teilaktive Sanitätsbataillone im Rahmen des Territorialheeres, die vorwiegend Ausbildungsaufgaben hatte und die Mobilmachung des umfangreichen territorialen Sanitätsdienstes vorbereiten sollten.

Nachdem das 1963 geplante Projekt einer freiwilligen territorialen Reserve nicht erfolgreich war, wurde ab 1966 durch Einberufung von Reservisten  eine Heimatschutztruppe für infanteristische Kampfaufgaben aufgestellt. Bei den VBK entstanden schrittweise  je ein nicht aktives Jägerbataillon für den Raumschutz und bei den VKK Sicherungskompanien und –züge für den Schutz von Objekten.

Der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr erhielt vom Parlament den Auftrag in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, interessierte Reservisten im Rahmen der freiwilligen Reservistenarbeit militärisch zu fördern und sicherheitspolitische Bildungsarbeit zu leisten.

Für die Anschlussversorgung der deutschen Streitkräfte aus den Depots, der Industrie und logistischen Einrichtungen im Gebiet der Bündnispartner gab es im Territorialheer gekaderte logistische Einheiten für Transport und Umschlag. Kadereinheiten hatten nur einen kleinen Kern von aktiven Soldaten und waren nur nach Einberufung von Reservisten einsatzbereit. Die meisten Einheiten der Territorialverteidigung bestanden nur als Geräteeinheiten, die außer einigen Soldaten und Zivilbeschäftigten zur Betreuung des gelagerten Materials vollkommen von der Mobilmachung abhängig waren. Viele Fahrzeuge und Gerät des Territorialheeres mussten durch Bereitstellungsbescheide aus der Zivilwirtschaft „einberufen“ werden.
Ein  besonderes hohes  Maß von Kaderung galt  für die Sanitätskräfte im Feldheer und Territorialheer.

In der Verantwortung des Territorialheeres entwickelte sich auch die Personalersatzorganisation. Wehrleitstellen, dann Wehrleitersatzbataillone der VKK sollten über einen längeren Zeitraum die personelle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr durch Eingliederung,  Ausbildung und Zuführung von Reservisten aus der Personalreserve sicherstellen.

Im Rahmen des Territorialheeres gab es auch die sog. „Deutschen Bevollmächtigten“ als Verbindungsstäbe zu den NATO–Heeresgruppen Nord (NORTHAG) und Mitte (CENTAG) und dem an der Elbe beginnenden NATO-Befehlsbereich Nordeuropa (AFNORTH). Daraus entwickelten sich ab 1969 die Territorialkommandos Nord, Süd und Schleswig-Holstein, denen zahlreiche aktive und nicht aktive Einheiten, vorwiegend Logistik, Sanitäter, Pioniere und Fernmelder  unterstellt wurden. Etliche dieser Einheiten hatten vorher den Wehrbereichen unterstanden. Das Territorialkommando Schleswig-Holstein übernahm auch die Aufgabe des WBK I und die Bereitstellung von deutschen Korpstruppen für das deutsch-dänische Korps LANDJUT.

Die aktive Heeresstärke umfasste nach dem Abschluss des Aufbaus 1966 ca.315.000 Soldaten, die Aktivstärke der noch eigenständigen Territorialverteidigung war bis 1967 auf etwa 35.000 Mann gewachsen. Dort dienten Soldaten aus allen Teilstreitkräften. Dazu kam in der TV ein Ergänzungsbedarf von 154.000 Reservisten.  Für die Territoriale Reserve (Heimatschutztruppe) von 50.000 Mann waren bis zu dem Zeitpunkt etwa 35.000 durch Wehrübungen ausgebildet worden. 1968 sank die Heeresstärke  zeitweise auf ca. 285.000 Soldaten, stieg dann aber wieder durch Übernahme der Territorialverteidigung an. Derartige Schwankungen waren ohne große Personalstrukturmaßnahmen möglich, indem man die Zahl der kurzdienenden Freiwilligen
(SAZ 2) reduzierte oder weniger Wehrpflichtige einzog. Die erste Konjunkturkrise von 1966 hatte Einsparungen erzwungen. 1972 hatten das zur Struktur III umgeformte  und fusionierte Feldheer und Territorialheer zusammen mit dem Heeresamt 314.000 aktive Soldaten, den Umfang von Berufsförderungsdienst (ca. 6000 – 7000) und Wehrübungsplätzen (ca. 4000) nicht mitgerechnet. Die letzte Zahl beschreibt die Zahl von Reservisten, die sich in der Truppe jeweils zeitgleich zur Ausbildung befinden und auf die Truppenstärke in Haushaltszahlen und Abrüstungsdokumenten angerechnet werden müssen. Der Gesamtumfang der Bundeswehr wird zu diesem Zeitpunkt mit 485.400 angegeben, wobei bei den genannten Zahlen oft nicht klar ist, inwieweit die Wehrübungsplätze inbegriffen sind. Die in Weißbüchern genannten Zahlen sollten immer kritisch auf Soll- und Ist-Daten überprüft werden. In Publikationen über die Bundeswehr wird als angestrebte maximale Regelgröße meist die Zahl von 495.000 (inklusive 5000 Wehrübungsplätzen) aktiven Soldaten genannt.

Zu diesem Zeitpunkt schien sich  unter den Vorzeichen der Entspannungspolitik die sicherheitspolitische Lage etwas günstiger darzustellen, was aber durch die massive sowjetische Aufrüstung schnell wieder in Frage gestellt wurde.
Heeresstruktur III (1970-1981) >> Inhalt

Die  angedeuteten finanziellen Engpässe und die Diskussionen um eine Neubewertung der leichten  Infanterie für bedecktes Gelände und rückwärtige Aufgaben führten schließlich zu einer veränderten Struktur ab 1970. Bei allen Strukturreformen stellte sich immer wieder das Problem, das militärisch Wünschbare (aus der Lagebeurteilung abgeleitete Forderungen an Stärke, Ausbildung, Einsatzbereitschaft)  mit den vorhandenen Mitteln (Finanzen, Personal, Gerät) in Einklang zu bringen.

Zentrales Merkmal der neuen Heeresstruktur III war die Umwandlung von drei Panzergrenadierbrigaden (4, 10, 11) in Jägerbrigaden, die sich auf die Verteidigung im Mittelgebirge spezialisieren sollten. Außerdem wurden zwei Panzergrenadierbataillone der Panzergrenadierbrigaden 16 und 17 in Schleswig-Holstein in Jägerbataillone umgegliedert. Die Jägerbrigaden 4,10 und 11 sollten ohne Schützenpanzer und Kampfpanzer auskommen. Die Umstellung war de facto gar nicht so gravierend, da in den Brigaden 4 und 11 in der Struktur II zwei Panzergrenadierbataillone ohnehin nicht mit HS 30 bzw. M113 ausgestattet worden waren. Das Panzerbataillon wurde durch ein Panzerjägerbataillon ersetzt. Hier waren aber neben den beiden Jagdpanzertypen Kanone und Rakete auch noch Kampfpanzer M 48 zu finden, die nur in einer anderen taktischen Funktion eingesetzt wurden. Zusätzlich zu den bestehenden zwei Gebirgsbrigaden (Nr. 22 und 23) und drei Fallschirmbrigaden (Nr. 25, Nr. 26 und jetzt auch Nr. 27) sollten damit drei neue Jägergroßverbande im Rahmen des Feldheeres entstehen.

Die Panzer-, und Panzergrenadierbrigaden  des Heeres verfügten jetzt nur noch über drei aktive Kampfbataillone (Infanterie, Panzer). Bis 1971 konnten alle Brigadeartilleriebataillone mit der Panzerhaubitze M 109 G ausgestattet werden. Einige Panzergrenadierbrigaden (z.B. 10, 11, 32) hatten bis dahin noch Feldhaubitzen 105 mm in ihrem Artilleriebataillon eingesetzt. Diese waren in in den frühen 60er Jahren leistungsgesteigert worden und sollten noch in der Korpsartillerie und später in der Heimatschutzbrigaden weiter genutzt werden. Die Gebirgsjägerbrigaden 22 und 23 verfügten mit ihren zerlegbaren Gebirgshaubitzen 105 mm weiterhin über leichte Feldartillerie. Die beiden Fallschirmartilleriebataillone 255 und 265 waren 1969 aufgelöst und für Vervollständigung der Feldartilleriebataillone 121 und 81 herangezogen worden.

Mit der weiträumigen Verlegung des Fallschirmjägerbataillons 291 (neu: 271) von Stetten nach Iserlohn wurde im Norden nun auch die noch fehlende dritte Luftlandebrigade 27 (Lippstadt) aufgestellt. Damit waren im Feldheer 8 von 33 Brigaden des Heeres Infanteriegroßverbände. Die auch in der alten Struktur bereits zahlreich vorhandene nicht gepanzerte Infanterie war nun mit neuer Konzeption (Verteidigung im bedeckten Gelände), Terminologie (Jäger) und Uniform (grünes Barett) aufgewertet worden.

Auf die vollständige Aufstellung der drei noch fehlenden Panzerbrigaden wurde vorerst verzichtet. Stattdessen verwendete man die vorhandenen Panzer-  bzw. Panzergrenadierbataillone der unvollendet gebliebenen Panzerbrigade 20 und Panzergrenadierbrigade 28 zur Bildung von zwei gemischten Panzerregimentern (Nr. 100 im sauerländischen Hemer und Nr. 200 in Dornstadt bei Ulm), die als Verfügungstruppe des I. bzw. II. Korps vorgesehen waren. Zur Aufstellung des Panzerregiments 300 kam es nicht mehr.

In der Führungsorganisation gab es Unterstellungsänderungen mit dem Wechsel der 7. Panzergrenadierdivision (Unna) zum  I. Korps und der 12. Panzerdivision (Veitshöchheim) zum III. Korps.

Neu in der Struktur III und ganz im Sinne der "Jägerrenaissance" war auch die Aufstellung von Heimatschutzkommandos in jedem der sechs Wehrbereiche des Territorialheeres. Zusätzlich zu den seit den 60er Jahren aufgestellten nicht aktiven Jägerbataillonen in den Verteidigungsbezirkskommandos und Sicherungskompanien bzw. -zügen in Verteidigungskreiskommandos erhielt das Territorialheer mit den Heimatschutzkommandos nun auch Kampfverbände in Brigadestärke.

Die Gliederung des Heimatschutzkommandos sah zwei Jägerregimenter mit je einem aktiven und einem nicht aktiven Jägerbataillon vor. Jedes Regiment hatte auch je eine aktive und nichtaktive Mörserkompanie und aktive bzw. nicht aktive Panzerjägerkompanie, die man mit Kanonenjagdpanzern oder Kampfpanzern M48 (90mm) ausstattete. Dazu kamen ein Pionier- und ein Versorgungsbataillon. Für die Ausbildung der zahlreichen Reservisten stellte man Ausbildungszentren auf.

Die aktiven Jägerbataillone der Kommandos waren vor allem aus den oben mehrfach erwähnten Panzergrenadierbataillonen (mot.), entstanden, die als drittes nicht mechanisiertes Infanteriebataillon der Panzergrenadierbrigaden bestanden hatten und im Grunde nur die Bezeichnung und Unterstellung änderten.  Die Zahl der Kampfbataillone im Heer wurde also nicht wesentlich erhöht.  Es gab allerdings auch Umgliederungen aus Ausbildungsbataillonen oder Einheiten anderer Waffengattungen zu einem Jägerbataillon. So wurde das Transportbataillon 270 (alt) des II. Korps in Böblingen zum Jägerbataillon 501.

Die Heimatschutzkommandos sollten im rückwärtigen Gebiet durchgebrochene oder luftgelandete Feindverbände bekämpfen. Es war bei ihrer Aufstellung in der Presse von einer „zweiten Welle“ die Rede und die Nummerierung der personalstarken sechs Heimatschutzkommandos 13 bis 18 in Fortsetzung der Divisionsnummern 1 bis 12 nährte die immer wieder geäußerte Annahme,  dass es sich auch um den Kern von Reservedivisionen für die Vorneverteidigung handeln könne. Sie unterstanden aber den Wehrbereichskommandos. Für Einsätze gegen mechanisierte Stoßtruppen fehlten  weitgehend der Panzerschutz und schwere Waffen.  Die Jäger der Heimatschutzkommandos hätten aus Stellungen bzw. in bedecktem Gelände kämpfen müssen.

Die nationale Territorialverteidigung wurde nach der Auflösung des zentralen  Amtes für Territoriale Verteidigung in Bad Godesberg Anfang 1969  dem Heer unterstellt,  behielt aber eine eigene Organisationsstruktur. In der Terminologie unterschied man zwischen dem Feldheer und dem Territorialheer. Auch in den Köpfen gab es noch manche Barrieren. Die zentrale Rolle des Territorialheeres bei der rückwärtigen Unterstützung der Bundeswehr und Sicherung des Verteidigungsauftrages der NATO-Heeresgruppen blieb unverändert und wurde in der Folgestruktur allmählich auch mehr gewürdigt und geübt.

Höhepunkt war viele Jahre später am Ende der Struktur IV die große Heeresübung „Landesverteidigung 1988“, bei der die Mobilmachung und der Einsatz der aktiven, teilaktiven und vor allem nicht aktiven Truppenteile des Territorialheeres in der Südhälfte der Bundesrepublik in einem bisher noch nicht erreichtem Umfang erprobt und demonstriert wurde. Diese Übung war auch als außenpolitisches Signal gedacht, um der Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik in ganzem Umfang Glaubwürdigkeit zu verleihen.  Dabei gelang es, den Leistungsstand des Territorialheeres deutlich besser zu präsentieren, als die immer noch vorhandenen Defizite erwarten ließen.

Beim Territorialheer wurden nach Auflösung des Kommandos TV oberhalb der Wehrbereichskommandos analog zur Führungsstruktur der NATO die drei Territorialkommandos 800 (Mönchengladbach), 850 (Heidelberg) und 600 (Flensburg) im Norden, Süden und in Schleswig-Holstein gebildet. Das Territorialkommando  600  unterstützte mit seinen Verfügungstruppen auch das deutsch-dänische NATO-Korps LANDJUT. Diese drei Territorialkommandos hatten zentrale Aufgaben bei der Logistik und Sicherstellung der Operationsfreiheit im rückwärtigen Gebiet und verfügten auch über eigene Fernmeldekräfte (Bataillone mit 800er- oder 600er-Nummern). Für diese Fähigkeiten waren bei jedem der drei Territorialkommandos Führungsstäbe  mit wenigen aktiven und vielen nicht aktiven Einheiten aufgestellt worden (insgesamt drei Fernmelde-, Pionier-, Sanitäts- und  vier Logistikkommandos).

Um die Führungsfähigkeit der obersten Führung sicherzustellen, bestand eine eigene Führungsfernmeldebrigade mit drei Fernmeldebetriebsbataillonen (Nr. 910 – 930) für die Hauptquartiere des BMVg und der Teilstreitkräfte und zwei Fernmeldeverbindungsbataillonen (Nr. 960 und 970) für den mobilen Aufbau und Betrieb einer nationalen Richtfunkkette in Nord-Südrichtung .

Die intensivere Nutzung des Reservistenpotentials und Aufstellung von immer mehr Geräteeinheiten (Pioniere,  Infanterie,  Artillerie) war nach 15 Jahren  Wehrpflicht überfällig. In der neuen Struktur war u.a. auch die Reduzierung der Wehrpflicht von 18 auf 15 Monate zu berücksichtigen gewesen.  Auf diese Weise wollte man die Wehrgerechtigkeit erhöhen, da bis dahin längst nicht alle tauglichen wehrpflichtigen Männer auch tatsächlich eingezogen werden konnten. Mit der neuen Verfügungsbereitschaft sollten die gerade entlassenen Wehrpflichtigen ohne Mobilmachung jederzeit in ihre Einheiten zurückgerufen werden können, um deren volle Einsatzbereitschaft sicher zu stellen.

Insgesamt stellte die Struktur III aber keine wirklich neue militärische Konzeption, sondern  nur eine Anpassung an die begrenzten Mittel dar. Das wachsende Bedrohungspotential des Warschauer Paktes veranlasste sehr schnell neue Überlegungen,  wie man die "schwere" Kampftruppenkomponente doch noch verstärken konnte.

Bereits ab Mitte der 70er Jahre wurde in einigen Modellbrigaden erprobt, wie man mehr, aber vom Umfang her kleinere Bataillone für die Brigaden verfügbar machen konnte. Im Mittelpunkt stand die Idee eines "vierten" Kampfbataillons in jeder Brigade.  Im Rahmen dieser Modellversuche wurden endlich auch die fehlenden Panzerbrigaden 20 (Hemer), 34 (Koblenz) und 28 (Dornstadt) aufgestellt.

Dabei kam es innerhalb des III. Korps zu umfangreichen Unterstellungswechseln und Umstrukturierungen von Bataillonen, die auch mit Änderungen der Verbandsnummern verbunden waren und zur Verwirrung beim Studium der Truppenchroniken führen können. Es erfolgte ein Ringtausch von Brigaden zwischen der 2. Panzergrenadierdivision (Kassel), der 5. Panzerdivision (Diez) und der 12. Panzerdivision (Veitshöchheim).  Die neu aufgestellte Erprobungsbrigade 34 in Kassel wurde dabei am Ende die "neue" Panzerbrigade 6 der 2.Panzergrenadierdivision. Die bisherige Panzerbrigade 14 "alt" in Koblenz machte man zur Panzerbrigade 34 der 12. Panzerdivision, die endlich ihren dritten Brigadeverband erhielt.  Die 5. Panzerdivision erhielt als Ersatz für die an die 12. Division abgetretene Brigade die "alte" Panzerbrigade 6 (Stadtallendorf) der 2. Panzergrenadierdivision und führte sie künftig als Panzerbrigade 14 "neu".

Jägerdivisionen sollte es in der Nachfolgestruktur nicht mehr geben. Das Konzept war ohnehin nie vollständig realisiert worden. So hatte man in der 2. Jägerdivision nur die Panzergrenadierbrigade 4 zu einem Jägergroßverband umstrukturiert.  Eine Remechanisierung der acht Jägerbataillone der  2., 4. und 6. Division zeichnete sich bereits im Laufe der siebziger Jahre durch Einführung des neuen Schützenpanzers MARDER in diesen Bataillonen ab. Zeitweilig erwog man sogar die Einführung des MARDERS in den vier Gebirgsbataillonen der Gebirgsdivision, die bisher alle Strukturänderungen überdauert hatten.

Ein baldiges Ende der Struktur III war mit diesem Mechanisierungsschub bei der Kampftruppe absehbar. Wegen des veränderten Mischungsverhältnisses von Panzer- und Panzergrenadierbrigaden wurden in der Folgestruktur  die 1., 7. und 10. Panzergrenadierdivision in Panzerdivisionen umbenannt.

Es gab auch Veränderungen in der Struktur III, die dauerhafteren Bestand haben sollten.

Bei den logistischen Truppen kam es im Zeitraum 1972-75 zu einer stärkeren Gewichtung der Divisionsleiste. Die bisher den Korpsinstandsetzungskommandos unterstehenden Instandsetzungsbataillone 410 bis 520 wurden endgültig den Divisionen unterstellt,  denen sie ohnehin schon vorher einsatzmäßig zugewiesen waren. Die Ersatzteilversorgung wurde an die Nachschubtruppe übertragen und die Ersatzteilkompanien der Instandsetzungsbataillone in die aktiven oder teilaktiven Nachschubbataillone der Korps integriert. Die Brigadeversorgungsbataillone wurden aufgelöst.  Aus ihren Transportkompanien und Teilen ihrer Instandsetzungs-  und Stabsversorgungskompanien bildete man eine selbständige Nachschubkompanie der Brigade. Die Instandsetzungskompanie wurde ebenfalls selbstständige Brigadeeinheit. Die Sanitätskompanien dieser Versorgungsbataillone waren schon 1971 dem Sanitätsbataillon der jeweiligen Division zugeordnet worden.

Hier sei die Anmerkung erlaubt, dass im Heer der Transformation nach 2001 das alte Brigadeversorgungsbataillon eine Neuauflage als Logistikbataillon in jeder Heeresbrigade erlebt hat.

Die Führungsteile von je einem Brigadeversorgungsbataillon innerhalb jeder Division blieben erhalten, um unter Hinzuziehung von Teilen der Korpsnachschubtruppen daraus ein Divisionsversorgungsbataillon, ab 1975 Divisionsnachschubbataillon zu bilden. Im Laufe der 70er Jahre wurde unter der Regie der Korpsnachschubkommandos auch immer mehr vorgeschobene Versorgungsdepots in den potentiellen Einsatzräumen eingerichtet, die vor allem Mengenverbrauchsgüter für die ersten Einsatztage lagerten.

Bei der Heeresfliegertruppe löste man ab 1970 die Heeresfliegerbataillone der Divisionen und Korps auf, um Heeresfliegertransportregimenter auf Korpsebene und leichte Verbindungsstaffeln auf Divisionsebene zu bilden.  An die Stelle der kolbenmotorgetrieben Sikorsky S 58 und Vertol H 21, die aus den Fernsehbildern der Sturmflutkatastrophe von 1962  bekannt waren, traten die mittleren Transporthubschrauber CH 53 G und leichte Transporthubschrauber UH-1 D. Die Ablösung des leichten Verbindungshubschraubers Alouette II durch die Bölkow BO 105 sollte sich allerdings über einen längeren Zeitraum hinziehen.

Weitere nachgeschobene Strukturmodifikationen ergaben sich ab 1976 durch den Zulauf neuer Waffensysteme  (z.B. Raketenwerfer LANCE, Flugabwehrpanzer GEPARD ) oder durch das Freiwerden von vorhandenem Gerät. Aus den Heeresflugabwehrbataillonen wurden Regimenter und auf ein eigenes technisches Bataillon zur Unterstützung der „Sonderwaffen“* konnte man nach Einführung der LANCE-Raketen bei den vier nuklearfähigen Raketenartilleriebataillonen der Korps (Nr. 150, 250, 350, 650) verzichten. Die drei technischen Bataillone Sonderwaffen (Nr. 160, 260, 360) wandelten sich angesichts des erhöhten Materialerhaltungsbedarfs elektronischen Geräts bei der Flugabwehr,  Artillerie, Panzerabwehr und Fernmeldetruppe zu „Elo-Inst“- Bataillonen (Nr. 110, Nr. 210, Nr. 310).
* nuklearfähige Systeme wurden mit diesem  Begriff verschleiert und verharmlost

Bei der Korpsartillerie konnte man in den Jahren 1968 bis 1970 die durch den Zulauf der Artilleriesysteme M 109, M 107 und M 110 abgelösten älteren Feldhaubitzen 105 mm und 155 mm für die Aufstellung von teilaktiven oder nichtaktiven Feldartilleriebataillonen als konventionelle Verstärkungsartillerie der Artilleriekommandos nutzen. Ehemals von der Luftwaffe im Objektschutz eingesetzte und später in den Divisionsflugabwehrbataillonen verwendeten 40 mm Flak-Geschütze 40/L 70 wurden zur Aufstellung von  drei aktiven und vier nichtaktiven Korpsflugabwehrbataillonen genutzt.  Die 40/L70 - Bataillone verfügten bereits über eine radar- und  rechnergestützte Feuerleitung für die Feuerzüge.

Da die Ausrüstung der Panzertruppe mit dem LEOPARD I  nur  im „Halbgenerationswechsel“ erfolgte, blieb der Kampfpanzer M 48 (90 mm) während der Heeresstruktur III  immer noch beim II. Korps und bei der 6. Panzergrenadierdivision in Verwendung. 650 M 48 wurden ab 1978 durch Einrüstung der Waffenanlage des LEOPARD I mit seiner 105 mm-Kanone im Kampfwert gesteigert. Die ersten Beschaffungslose des LEOPARD I wurden bis 1975 durch den Zulauf der Versionen  A 2 (verstärkter gegossener Turm), A 3 (eckiger geschweißter Turm mit höherem Schutzgrad) und A 4 (Eckturm, integrierte Feuerleitanlage ) ergänzt,  mit denen weitere M 48 abgelöst wurden. Die älteren LEOPARD I erhielten eine Zusatzpanzerung. 1977 erfolgte dann die Beschaffungsentscheidung für den LEOPARD II, der nach dem Scheitern des ambitionierten deutsch - amerikanischen Kampfpanzer 70 - Projekts national entwickelt worden war und bei dem eine hohe Optimierung der Faktoren Feuer, Schutz und Bewegung gelang.  Es waren 1800 Exemplare genehmigt, deren Zahl später noch um ca.300 weitere Fahrzeuge aufgestockt werden sollte.

Ab 1977 begann auch die Ablösung der ersten Kraftfahrzeuggeneration.  Um 1966 hatte die Bundeswehr den höchsten Grad an Motorisierung mit  ca. 125.000 Fahrzeugen erreicht. Die kantigen MAN-Fünftonner, die luftgekühlten, heulenden Motoren der LKW von MAGIRUS und FAUN und die Zweitaktmotoren des DKW-Geländewagen hatten das Bild der Bundeswehr optisch und akustisch bestimmt. 1971 gab es im Heer ca. 60.000 Fahrzeuge der verschiedenen Gewichtsladeklassen und 40.000 eingeplante Fahrzeuge aus der zivilen Mobilmachungsergänzung. An ihre Stelle trat im folgenden Jahrzehnt ein Mix von aufwändigen geländegängigen Neukonstruktionen der Gewichtsladeklassen 5t, 7t und 10 t eines von MAN geführten Herstellerkonsortiums und einer viel größeren Zahl von an militärische Bedürfnisse angepassten „teilmilitarisierten“, nur begrenzt geländetauglichen LKW aus der Zivilproduktion von DAIMLER BENZ, IVECO und MAN in den gleichen Gewichtklassen. Beim MERCEDES  UNIMOG wählte man als Nachfolger eine stärkere Version mit 2 Tonnen Nutzlast des gleichen Herstellers. Als Bundeswehr-„Jeep“ folgte dem DKW - MUNGA der in der Karosserie ähnlich konstruierte VW IILTIS, der aber dann nach anderthalb Jahrzehnten  dem Mercedes G  WOLF weichen musste. Die zahlreichen Kofferfahrzeuge mit speziellen Rüstsätzen, z.B. für Instandsetzung oder Fernmeldemittel, ersetzte man durch verlastbare Kabinenaufbauten, für die jedes Pritschenfahrzeug als Träger in Frage kam.

Die Gesamtzahl der Fahrzeuge mit Y-Nummer wurde im Zuge der Neuausstattung allmählich abgebaut. Nicht alle Fahrzeuge wurden für den Grundbetrieb ständig gebraucht. Die Forderung einer ständigen Einsatzbereitschaft und Mobilität hatte bisher das Vorhandensein von sehr vielen, meist geländegängigen LKW bedingt, mit denen die Truppe sofort und komplett in die Einsatzräume ausrücken konnte. So gab es zum Beispiel bei der Nachschubtruppe der Strukturen II und III zahlreiche damals noch relativ neue LKW, die nur als Lagerfahrzeuge für Ersatzteile dienten und wenig bewegt wurden. Hier gab man sich in Folgestrukturen mit weniger aufwändigen teilmilitarisierten Transportfahrzeugen zufrieden.

In den Jahren der Entspannungspolitik ging man auch von längeren Vorwarnzeiten und der rechtzeitigen Ergänzung von Gerät aus der zivilen Mobilmachungsergänzung aus. Eine einsatzbereite Armee wird ihren Wagenpark aber niemals wie eine Spedition nach rein ökonomischen Maßstäben managen können, sondern immer einen Kompromiss zwischen einem Mindestmaß an Präsenzbestand und effizientem Einsatz im Truppenalltag finden müssen.

Während die teilmilitarisierten Fahrzeuge der II. Generation mittlerweile wieder verschwunden und  in deutlich geringerer Zahl durch neue handelsübliche, allerdings geländegängigere Modelle  der Bundeswehr-Fuhrpark-Gesellschaft ersetzt worden sind, stehen die geländegängigen LKW der  II. Generation und ihre modernisierten Nachbeschaffungen heute immer noch im Dienst und haben das Einsatzalter ihrer Vorgänger aus der I. Generation längst übertroffen. Ihr äußeres Erscheinungsbild hat das Design vieler neuerer Militär-LKW im In- und Ausland  bestimmt. Die später beschafften voll geländegängigen LKW 15 t  für das Wechselpritschensystem MULTI und die  PATRIOT-Raketen der Luftwaffe sind für den Laien äußerlich kaum von den Fahrzeugen der II. Kfz-Generation zu unterscheiden.

Neben den Einsatzverbänden benötigte das Heer immer eine administrative Behörde, die für Konzeption, Ausbildung. Materialwesen, Personalwesen und zentrale Spezialaufgaben verantwortlich war. Diese Rolle übernahm das Heeresamt in Köln mit zahlreichen Dienststellen im Bundesgebiet. Es war 1956 in Köln aufgestellt worden, wurde 1970 von Truppenamt in Heeresamt umbenannt und erst 2013 aufgelöst. Seine verbleibenden Aufgaben haben als Nachfolger das Amt für Heeresentwicklung in Köln und das Ausbildungskommando in Leipzig übernommen.

Das Heeresamt führte viele Jahrzehnte die Schulen des Heeres, steuerte die Ausbildung (u.a. Truppenübungsplätze), leitete Truppenversuche und Erprobungen, erstellte Vorschriften und lenkte Heeresverbindungsstäbe zu anderen Teilstreitkräften und im  Ausland. Mit der Stammdienststelle des Heeres war es auch für die Personalführung verantwortlich.  Das unterstellte Materialamt in Ahrweiler überwachte und steuerte die Ausrüstung des Heeres. Das Heeresamt blieb in den folgenden Jahrzehnten ein stabiler Anker der Heeresorganisation und erfuhr erst  ab 2011 im Rahmen der Zentralisierung und Rationalisierung der Führungsstrukturen eine grundlegende Umgestaltung.

Wichtige unterstellte Dienststellen waren die Heeresschulen, die hier in nur mit ihrer Funktion bei wechselnden Bezeichnungen umschrieben seien: für gepanzerte Kampftruppen in Munster, für Infanterie in Hammelburg, für Artillerie in Idar-Oberstein, für Pioniere in München, für Heeresflugabwehr in Rendsburg, für die Heeresflieger in Bückeburg, für die Luftlandetruppe in Schongau, für Fernmelder in Feldafing, für  ABCAbwehr/Selbstschutz in Sonthofen, für die Instandsetzungstruppe in Aachen, für die Nachschubtruppe in Bremen, für Stabsdienst und Feldjäger in Sonthofen (heute: Hannover), für Gebirgs- und Winterkampf in Mittenwald und die Offiziersschule des Heeres in Hannover (heute: Dresden). Um 1990 wurden eigene Unteroffizierschulen des Heeres in Münster-Huhndorf und Weiden aufgestellt, die nun bei der Heeresunteroffizierschule Delitzsch zusammengeführt werden.

In der Heeresstruktur III dienten im Feldheer und Territorialheer um 1975 ca. 330.000 Soldaten bei einer Aktivstärke der ganzen Bundeswehr von 475.000 . Vom Präsenzheer der Struktur II war man etwas abgerückt und hatte eine abgestufte Präsenz für vertretbar gehalten. Brigaden waren nur zu etwa 85 %, Divisionstruppe zu 70 % und Korpstruppen zu 50 % der Einsatzstärke präsent und mussten mit Verfügungsbereitschaft und Alarmreservisten aufgefüllt werden.



Heeresstruktur IV (1981 bis 1991) und Übergang zur Armee der Einheit >> Inhalt

Den größten Organisationsgrad seiner bisherigen Geschichte sollte das Heer mit 345.000 aktiven Soldaten in den achtziger Jahren erhalten. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Potenzial des Warschauer Paktes als besonders bedrohlich eingeschätzt. Gleichzeitig hatte die Kompensation durch die westliche Nuklearabschreckung aufgrund der sowjetischen Atomrüstung an Glaubwürdigkeit verloren. Nachdem auch nicht davon auszugehen war, die konventionelle Unterlegenheit des Westens allein durch überlegene Waffentechnik ausgleichen zu können,  stand die Frage konventioneller Verstärkungen der NATO an erster Stelle. Analog zu Rationalisierungsmaßnahmen in der Wirtschaft wurde überlegt,  wie man das vorhandene, aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht beliebig vermehrbare Potenzial von knapp unter 500.000 aktiven Soldaten, das Millionenheer von Reservisten und die immer knappen Haushaltsmittel optimal zur Steigerung der Kampfkraft einsetzen könne.

Grundgedanke beim Heer war die personelle und materielle Verkleinerung der Bataillone. Die „schlankeren“ Bataillone waren im Einsatz besser zu führen und setzten Gerät und Dienstposten für die Aufstellung eines vierten Panzer- oder Panzergrenadierbataillons in jeder Brigade frei. So entstanden im Feldheer aus der Substanz von 99 aktiven Kampfbataillonen der Infanterie und Panzertruppe des Jahres 1975 im Jahre 1981 in 36 Brigaden insgesamt 147* verkleinerte Kampfbataillone, von denen aber  ein gutes  Fünftel  nur bei Übungen und im Einsatz zusammentrat.  Hinzu kamen die aktiven und teilaktiven Kampftruppenteile des Territorialheeres (Heimatschutzbrigaden)  *laut Quellenangaben,  147 = Feldheer plus Heimatschutzbrigade 56, aber ohne die teilaktiven Jubel 66 u. 67 der 6.Div;  unter Einschluss der 8 aktiven Jägerbataillone des Territorialheeres (511,512,521,522,531,532,541,551)  u. der Bataillone 66 u 67  käme man auf 157

Zeitgleich löste in der Struktur 4 der Zulauf von 1800 neuen Kampfpanzern LEOPARD II ca. 650 ältere, modernisierte Kampfpanzer M 48 und einige LEOPARD I  ab, die man zur Aufstellung von zusätzlichen Panzerbataillonen und  Reserveeinheiten im Territorialheer nutzte. Mannschaftstransportpanzer M 113 dienten als geschützte Fahrzeuge für die vierten Kompanien der Panzergrenadierbataillone in den Panzergrenadierbrigaden, weil nicht genug Schützenpanzer MARDER zur Verfügung standen. Der M113 war allerdings nur ein geschütztes Transportfahrzeug und  kein Kampfschützenpanzer,  der den  infanteristischen Kampf vom Fahrzeug aus und Feuerunterstützung durch Maschinenkanonen ermöglichte.

Nach einer Intervention des neuen Verteidigungsministers Apel im Jahre 1977 wurden die vierten Kampbataillone aber dann doch nicht als voll aktive Bataillone geplant und nicht neu stationiert, auch aus sozialer Fürsorge für die immer durch das Problem der ständigen Wohnungswechsel belasteten Soldaten  Die Kompanien aller Kampfbataillone wurden ab 1980  in der Tat verkleinert. Die Kompanien des künftigen vierten, aus Panzer- und Panzergrenadierkompanien gemischten Kampfbataillons blieben aber aus sozialen und finanziellen Gründen den bestehenden Bataillonen unterstellt und traten nur bei Übungen unter das Kommando des als Kader bestehenden vierten Bataillonstabes.

Die Gebirgsbrigade 22 wurde in eine Panzergrenadierbrigade umgegliedert. Ihre zwei Gebirgsjägerbataillone kamen zur Gebirgsbrigade 23, die nun über vier Kampfbataillone und weiterhin ein Gebirgsartilleriebataillon und eine Tragtierkompanie gebot. Ihren Platz in der Vorneverteidigung im Rahmen der Gebirgsdivision nahm im Laufe der 80er Jahre die Heimatschutzbrigade 56 ein.

Bei den Kampfunterstützungsverbänden (u.a. Artillerie, Pioniere) wollte man durch das Konzept der Einsatz/Ausbildungskompanien Personal sparen und sich verstärkt auf Reservisten abstützen. Diese Einheiten bildeten im Frieden Rekruten aus, konnten aber bei einer Mobilmachung durch Verfügungsbereite und Alarmreservisten sofort zu Einsatzkompanien aufwachsen.

Bei der Artillerie wollte man ab 1985 durch die Erhöhung der Batteriestärken von 6 auf 9 Rohre und Verminderung um eine Feuerbatterie das vorhandene und durch Zulauf der Feldhaubitze 70 (FH 155-1) vermehrt Gerät ohne personellen Mehraufwand optimal nutzen. Das Rohrbataillon einer Division wuchs dabei auf 36 Geschütze (FH 155-1, M 110 A2 ) in vier Feuerbatterien an. Die konventionelle Verstärkungsartillerie der Korpsartilleriekommandos waren ab 1979 noch mit den 175-mm Kanonen M 107 ausgestattet worden, die in der Divisionsartillerie durch die FH 155-1 abgelöst worden waren. Alle M 107 und M 110 im Heer wurden auf ein längeres Rohr des Kalibers 203 mm zum Standard A 2 nachgerüstet. Mit der Artilleriestruktur 85 wurde die konventionelle Korpsartillerie aufgelöst und ihre M 110 A2 auf die Divisionsartillerie verteilt, die so  auf 36 Rohre in jedem Regiment aufwuchs.

Mit freiwerdenden älteren Kampfpanzern, Mannschaftstransportwagen M 113  und den Feldhaubitzen 105 mm der konventionellen Korpsartillerie wurden die sechs Heimatschutzkommandos der Wehrbereiche zu  "schweren" Kampfverbänden umstrukturiert (Panzerbataillon aktiv, Panzerbataillon teilaktiv, Jägerbataillon MTW, Jägerbataillon LKW, Feldartilleriebataillon 105 mm plus selbstständige Kompanien).

Diese neuen teilaktiven Heimatschutzbrigaden Nr. 51 bis 56 waren mit ihrer  Mischung aus zwei gepanzerten und zwei nicht gepanzerten Verbänden  nicht unumstritten. Die Heimatschutzbrigade 56 in Bayern wurde schon bald zu einer echten Panzergrenadierbrigade mit Kampfpanzern LEOPARD 1, Schützenpanzern MARDER und Panzerhaubitzen M 109  G und wurde der Gebirgsdivision unterstellt. Sie sollte die Gebirgsjägerbrigade 23 in der Vorneverteidigung ablösen und für den möglichen Einsatz an der Alpengrenze im Falle einer Verletzung der österreichischen Neutralität freisetzen können.  Ähnlich verfuhr man mit der Heimatschutzbrigade 51 in Schleswig-Holstein, die auch für die Vorneverteidigung eingeplant wurde und LEOPARD I erhielt, ansonsten aber ihre Jägerbataillone und das leichte Feldartilleriebataillon behielt. Die holsteinische Knicklandschaft in und die Sicherung der Ostseeküste gegen amphibische Angriffe stellten spezielle taktische und  operative Anforderungen.

Das vorhandene Gerät und Reservistenpotential reichten aus, um parallel zu jeder teilaktiven Heimatschutzbrigade noch eine ähnlich strukturierte nicht aktive Heimatschutzbrigade  (Nr. 61 bis 66) auszustatten, die nur aus Geräteeinheiten bestand.  Als vollwertige Panzergrenadierbrigaden waren diese Verbände wegen des Fehlens von gepanzerter Artillerie und  mechanisierter Infanterie nicht anzusehen. Ihnen wurde primär die Rolle zugewiesen, im  rückwärtigen Bereich Luftlandungen zerschlagen und gegen Durchbrüche verteidigen  zu können.

Für den Raumschutz entstanden auf die WBK verteilt aus den schon vorhandenen Jägerbataillonen der VBK und Umgliederungen anderer Geräteeinheiten 15 Heimatschutzregimenter zu je drei Heimatschutzbataillonen und je einer Mörser- und Versorgungskompanie. In der Stabskompanie gab es sogar ein Zug mit Kanonenjagdpanzern. In den meisten der ca. 80  Verteidigungskreiskommandos gab es abhängig von der Lage und Infrastruktur bis zu vier Heimatschutzkompanien  und Sicherungszüge zum Objektschutz. Viele Objekte wie Depots oder Fernmeldeeinrichtungen hatten auch eigene Sicherungszüge. All diese Kräfte waren personell und materiell mobilmachungsabhängig und mussten ihre Mobilmachung, Einsatzbereitschaft und Reservisten durch gelegentliche Übungen erproben.

Dazu kommen dann im Territorialheer noch zahlreiche weitere Geräteeinheiten für Logistik, Fernmeldedienst, Pionierwesen, Sanitätsdienst und Personalersatz.

Zur mobilen taktischen Führung von Einsätzen im rückwärtigen Gebiet waren die Kader von drei Verfügungstruppenkommandos (Schleswig, Munster, Hammelburg) gebildet worden, die verfügbare Truppenteile verschiedenster Art, Heimatschutzbrigaden und –regimenter, Pionierkräfte  oder aushilfsweise auch Einheiten der Ersatzorganisation bei Bedarf einsetzen konnten. Das Personal dieser Stäbe sollte aus Heeresschulen kommen, die Stab/Stabskompanie des Verfügungstruppenkommandos 41 in Schleswig war sogar teilaktiv. Eine ähnliche Rolle als Stab zu besonderer Verwendung sollte auch der Stab der Luftlandedivision aus Bruchsal spielen, der im Kriege seine Luftlandebrigaden an die Korps abgegeben hätte.

Das Heer verfügte in der Heeresstruktur IV jetzt über 57 **aktive Panzerbataillone, 49** aktive Panzergrenadierbataillone, 23** aktive Jägerbataillone in der Fallschirmdivision, Gebirgsdivision, der 6.Panzergrenadierdivision und den Heimatschutzbrigaden und 37 Panzerjägerkompanien. Genannt seien auch noch 21 aktive Pionierbataillone (ohne Schwimmbrückenverbände und Spezialpioniere) für Kampfaufgaben. Die 32 gemischten vierten Bataillone (Panzer- und Panzergrenadiere) für Übungen und Einsatz und die nicht aktiven Bataillone der genannten Truppengattungen sind hier nicht mitgerechnet. Es erübrigt sich zu sagen, dass die nicht genannten Waffengattungen gleichermaßen zum Konzept der verbundenen Waffen beigetragen haben. ** eigene Berechnung; Feldheer plus Territorialheer und Jägerbataillone 66 u. 67 ergeben 129 aktive Bataillone. Mit den 32 gekaderten gemischten Bataillonen, deren Kompanien in den anderen Bataillonen ja aktiv vorhanden waren, ergeben sich 161 aktive Kampfbataillone im Heer der achtziger Jahre.

Dieses aktive Aufgebot wäre durch Mobilmachung von ca. 25 nicht aktiven Kampftruppenbataillonen in den aktiven- und nicht aktiven Heimatschutzbrigaden des Territorialheeres und 20 nicht aktiven Jägerbataillonen in den Divisionen aufgestockt worden. Die Heimatschutzbataillone (45), Sicherungskompanien (~ 150) und Sicherungszüge (~ 300) hätten die Kampfkraft im Hinterland durch Schutz von Räumen und Objekten infanteristisch verstärkt, wären aber für einen Einsatz gegen mechanisierte Kräfte zu schwach bewaffnet gewesen. Die in einschlägigen Foren zuweilen erörterte Diskussion um mögliche infanteristische Einsätze der sehr zahlreichen Feldersatz-, Wehrleitersatz- und Feldausbildungsbataillone übersah den Kernauftrag dieser Einheiten (Ausbildung und Weiterleitung von Reservisten für den Personalersatz) , die Beschränkung auf Handwaffen, die unterschiedlichen Ausbildungsvoraussetzungen   und geringe Beweglichkeit . Die verlustreichen Erfahrungen mit solch improvisierten Formationen in den letzten Kriegsmonaten des II. Weltkrieges waren ein warnendes Beispiel. Die  hohe Zahl von am Ende mehr als 1,3 Millionen Soldaten im Mobilmachungsumfang der Bundeswehr darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht alle für Kampfaufgaben im Gefecht ausgebildet und eingeplant waren.

In der Struktur IV war auch die Pionierkomponente der Korpstruppen durch Unterstellung von  Pionierbataillonen des Territorialheeres verstärkt worden. Die Korpsflugabwehr erfuhr mit dem  Ersatz der Flugabwehrkanonen 40/ L70  in den Regimentern 100,200, 300 und 600 (L)durch den  Flugabwehrraketenpanzer ROLAND eine beachtliche Verstärkung. Die Heeresflieger stellten mit drei Regimentern (16, 26, 36) des leichten PANZERABWEHRHUBSCHRAUBERS 1 erstmals eine luftbewegliche Panzerabwehrkomponente auf, deren Personal durch Einsparungen in anderen Bereichen gewonnen wurde.

Für die Fallschirmtruppe brachte die Heeresstruktur IV eine Klärung ihrer Rolle. Die Verfügbarkeit neuer leistungsfähiger Hubschraubermuster (CH 53 G, Bell UH 1D) machte aus den Fallschirmbrigaden nun Luftlandebrigaden, die im Hinterland als Verfügungstruppe hinter den Korps mit Hubschraubern abgesetzt werden konnten. Neue Panzerabwehrlenkwaffen (MILAN, TOW)und Kraftkarren (KRAKA) erhöhten ihre Feuerkraft und Bodenmobilität. Massenabsprünge mit dem Fallschirm gehörten nicht mehr zur Einsatznorm, auch wenn die Fallschirmausbildung für ein breites Spektrum anderer Einsatzformen erhalten blieb.

Als neue Sonderformation entstand aufgrund der engen politischen Zusammenarbeit zwischen Bundeskanzler Kohl und dem französischen Präsidenten ab 1989 eine deutsch- französische Brigade, für die man bei der Formation des deutschen Anteils vor allem auf die Substanz der Heimatschutzbrigade 55 in Baden-Württemberg zurückgriff.

Eine weitere Herausforderung bildete ab Mitte der 80er Jahre der Aufbau einer Unterstützungsorganisation für US-Verstärkungstruppen, deren Personal aus den USA eingeflogen werden konnte (Returm of Forces to Germany. Für diese „War Host Nation Support“- Organisation (Nachschub, Transport, Sicherung etc.) mussten zusätzliche nichtaktive Bataillone aus Reservisten aufgestellt werden, die in der Zielstärke über 100.000 Mann hinausgingen. Zu deren Ausbildung mussten eigene Ausbildungseinrichtungen eingerichtet werden. Es entstanden sechs Unterstützungskommandos (Nr. 3, 4, 5, 7, 8, 9) mit zahlreichen nicht aktiven Nachschubbataillonen für Mengenverbrauchsgüter, Transportbataillonen, Sicherungs- und ABC Abwehr-Bataillonen plus einigen Spezial- und Führungseinheiten.  Ganz zum Abschluss kam diese Aufstellung aber nicht mehr.

Insgesamt musste die Struktur IV zwangsläufig zu einer dünneren Personaldecke in den Verbänden führen, da überall Dienstposten für  neu aufgestellte Verbände  eingespart wurden. Bei allen Konzepten, in denen eine höhere Quantität von Truppen durch Abstriche bei der Qualität, d.h. Lücken in der Personalpräsenz und Ausbildung erkauft werden muss, spielten verfügungsbereite Reservisten eine besondere Rolle. Sie konnten in den Monaten unmittelbar nach ihrer Entlassung vom BMVg bei Bedarf zurückgerufen werden, um in ihrem alten Verband nicht vorhandenes oder noch nicht einsatzbereites Personal (Rekruten) zu ersetzen. Die Verfügungsbereitschaft war noch Bestandteil der zu abzuleistenden Wehrpflicht und bedurfte  nicht der Erklärung des Spannungs- oder Verteidigungsfalls durch den Deutschen Bundestag. Über die Verfügungsbereitschaft hinaus stellte das Reservistensystem mit zahlreichen Geräteeinheiten, Ausbildungszentren, Mobilmachungsstützpunkten und Wehrübungen den Aufwuchs der Bundeswehr auf eine Kriegsstärke von 1,3 bis 1,4 Millionen Soldaten sicher. Die Strukturmodelle III und IV hatten aus dem Präsenzheer ein Mobilmachungsheer gemacht.

Die Bundeswehr der 80er Jahre war neben den US-Streitkräften zum Hauptpfeiler der Verteidigung der NATO in Mitteleuropa geworden. Das Heer konnte in kurzer Zeit mit 36 Kampfbrigaden in der Vorneverteidigung präsent sein und im rückwärtigen Gebiet  27 Heimatschutzverbände in Brigade- und Regimentsstärke mobilisieren, die Objektschutzkräfte nicht mitgerechnet (ca. 150 Kompanien und 300 Züge). Drei Korps, elf mechanisierte Divisionen und drei Territorialkommandos stellten ein breites Spektrum an Kräften und Infrastruktur zur Verstärkung, Kampfunterstützung und Logistik bereit. In der Luftlandedivision und Heeresfliegertruppe  wurde auch die dritte Dimension für die Verteidigungsplanung der Landstreitkräfte genutzt, die nun auch durch den PANZERABWEHRGUBSCHRAUBER I  verstärkt wurde.  Heer und Luftwaffe trugen mit zahlreichen taktischen Atomwaffenträgern zur Glaubwürdigkeit der Abschreckung auf den unteren Stufen der Eskalationsleiter bei. Es hatte einen  Ausrüstungsschub mit neuen leistungsfähigen Waffen gegeben: ca. 2100 LEOPARD  II, 2400 modernisierte LEOPARD I und 650 M 48 (105 mm) waren zugleich „Schild und Schwert“ der Verteidigung,  Panzerabwehrraketen MILAN, TOW und HOT übertrafen die älteren Modelle nach Zahl, Wirkung und Bedienung. Die Artillerie erhöhte die Effizienz des Feuerkampfes ihrer eingeführten Rohr- und Raketenwaffen durch elektronische Einsatzführungssysteme und  neue Aufklärungsmittel

In der Pioniertruppe wurde die Sicherstellung der Beweglichkeit durch neues Brücken- und Arbeitsgerät (Brückenlegepanzer BIBER, Pionierpanzer DACHS, M3-Amphibie, FALTSCHWIMMBRÜCKE) und die Sperrfähigkeit durch neues Minengerät (Minenwurfpanzer SKORPION, Panzerabwehrmine AT-2, Richtminen) erhöht.
Die Heeresflugabwehr konnte mit ca. 450 radargelenkten Flugabwehrkanonenpanzern GEPARD und 140 Flugabwehrraketenpanzern ROLAND einen „Schirm“ zum Schutz der Heeresoperationen gegen Fliegerangriffe aufspannen.

Die Fernmeldetruppe stellte  auf dem Gefechtsfeld mit HEROS ein flexibles Kommunikationssystem für die Führung und mobile Systeme für die elektronische Kampfführung zur Verfügung. Die elektronische Datenverarbeitung erhöhte die Leistungsfähigkeit von Logistik und Personalführung. Die ABC-Abwehrtruppe erhöhte mit dem SPÜRPANZER Fuchs als „rollendem Labor“ die Aufklärungsfähigkeit gegenüber dem Einsatz von Kampfstoffen.

Das große Reservepotential durch die Wehrpflicht war durch die Aufstellung weiterer teilaktiver und nicht aktiver Einheiten auf allen Ebenen in größerem Umfang als vorher genutzt worden. In den Divisionen war auf diese Weise auch zwei nicht aktive Jägerbataillone und ein Sicherungsbataillon aufgestellt worden. In Schleswig-Holstein bei der 6. Panzergrenadierdivision waren die beiden Jägerbataillone 66 und 67 sogar teilaktiv und verfügten über Mannschaftstransportpanzer M113.

Um 1985  umfasste der Umfang des Heeres 345.000 aktive Soldaten. Davon dienten 248.000 im Feldheer, 64.000 im Territorialheer und 28.000 im Bereich des Heeresamtes. Die restlichen 5000 Uniformträger des Heeres verteilten sich auf Ministerium, Streitkräfteamt und NATO. Pro Jahr wurden 170.000 Wehrpflichtige bzw. Freiwillige und 135.000 wehrübende Reservisten eingezogen. 60.000 zivile Mitarbeiter waren im Heeresbereich tätig. Die Gesamtstärke der aktiven Bundeswehr erreichte  1986 einen Spitzenwert von 489.000 aktiven Soldaten und 6000 Wehrübungsplätzen, der aber bis 1989 wieder auf 468.000 sank. Nach dem WHNS-Abkommen sollten die 762.000 mobilmachungsbeorderten Reservisten  noch mal um weitere 90.000 Posten für die Unterstützungskräfte aufgestockt werden.  Der Verteidigungsumfang aller Teilstreitkräfte sollte 1987 ca. 1,34 Millionen Soldaten umfassen. Im Rahmen der Verfügungsbereitschaft konnten 60.000 Soldaten aus Heer und Luftwaffe bis zu einem Jahr nach ihrer Entlassung jederzeit in Rahmen der Wehrpflicht vom Verteidigungsminister zurückgerufen werden.

Die Struktur IV wurde im Laufe der 80iger Jahre durch rückläufige Zahlen von Wehrpflichtigen und knappe Finanzmittel schnell wieder in Frage gestellt. Erste Truppenversuche mit der Kaderung von bisher aktiven Bataillonen  und deren Betreuung durch aktive Patenbataillone wurden angestellt (Panzergrenadierbrigade 4, Panzergrenadierbrigade 31). Neue luftmechanisierte Verbände unter Einbeziehung von Kampfhubschraubern wurden erwogen, um eine absehbare Truppenverminderung durch neue Technologien und mobile Konzepte zu kompensieren. Die Planungen zur Heeresstruktur 2000 sahen wieder einer stärkere Differenzierung der Verbände  und noch größere Abstützung auf die Mobilmachung vor. Das Konzept von Grenadierbrigaden neben den Panzer- und Panzergrenadierbrigaden tauchte wieder auf. Das Weißbuch von 1985 nennt für die künftige  Bundeswehr der neunziger Jahre ein Plansoll von 456.000 aktiven Soldaten, 15.000 Wehrübenden und 24.000 Verfügungsbereiten. Für die Panzerabwehr wurden elevierbare Startplattformen für Lenkflugköper auf Rad- oder Kettengestellen entworfen, die aus Deckungen heraus wirken sollten. Man erwog auch die Kampfwertsteigerung des LEOPARD I mit der 120-mm Kanone seines Nachfolgers. Die Artillerie sollte durch die neue Panzerhaubitze 2000 einen Modernisierungsschub erhalten.

Diese Überlegungen waren in vollem Gange, als die politische Wende von 1989 eine völlig neue politische und  militärische Lage schuf, auf die mit einer viel umfassenderen Strukturreform als jemals zuvor reagiert werden musste.

Mit dem Beitritt der neuen Länder entstand eine Sondersituation,  die viele schnelle Entscheidungen und Improvisationsvermögen forderte.  Die Bundeswehr hatte die Truppenteile der Nationalen Volksarmee zu übernehmen und aufzulösen bzw. in die eigene Organisation zu integrieren. Ca. 20.000 Soldaten der NVA wurden in die Bundeswehr übernommen. Für kurze Zeit hatte das Verteidigungsministerium Verantwortung für mehr als eine halbe Million Soldaten plus Zivilangehörigen (550.000 Soldaten Ist-Stärke am 3.10.1990).

Für das Beitrittsgebiet musste bis zum vollzogenen Abzug der ehemaligen Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) eine eigene nationale Führungsstruktur unterhalten werden, das Bundeswehrkommando Ost in Potsdam.  Die Gesamtstärke der deutschen Streitkräfte wurde vertraglich auf 370.000 Soldaten fixiert. NATO-Stationierung und nukleare Waffen sollte es im Beitrittsgebiet nicht geben. Aus der Substanz der NVA entstanden im Heer zwei neue Divisions- bzw. Wehrbereichsstäbe in Neubrandenburg und Leipzig mit sechs Brigadeverbänden, die als Heimatschutzbrigaden geführt wurden, welche noch nicht der NATO unterstanden. Mit der Nummerierung 37 bis 42 wurde allerdings unterstrichen, dass sie zu gegebener Zeit in die Formation des Feldheeres eingereiht werden würden. Auch die Wehrbereichsnummern VII (Leipzig) und VIII (Neubrandenburg) setzten die Reihenfolge aus dem Westen fort.

Einige Truppenteile, welche die zahlreichen Umstrukturierungen der letzten Jahrzehnte „überlebt“ haben, tragen noch heute die 700er- und 800er Nummern der Divisionstruppen aus der Anfangszeit der Bundeswehr in den neuen Ländern (Pionierbataillone 701 und 803), andere wurden sehr schnell mit 13er und 14er-Nummern der neuen Divisionen versehen (Artilleriebataillon 131 Mühlhausen, Versorgungsbataillon 141 usw.). Die Kampftruppen der Brigaden wurden von Anfang an nach den traditionellen Regeln mit Brigadenummern und waffengattungsspezifischer Endnummer bezeichnet  (Panzergrenadierbataillon 391,Panzerbataillon 414, Panzerartilleriebataillon 375 usw.)

Mit dem  Abzug der GSSD wurde im Rahmen des allgemeinen Umbauprozesses der Bundeswehr um 1994 mit zahlreichen Auflösungen und Neuaufstellungen eine einheitliche Strukturierung abgeschlossen. Aus dem Bundeswehrkommando Ost in Potsdam wurde das IV. Korps mit der 13. und 14. Panzergrenadierdivision, die auch die territorialen Aufgaben von Wehrbereichen wahrnahmen. Kurzfristig waren nach 1990 eine Vielzahl territorialer Dienststellen und Stäbe in Anlehnung an die kommunale Struktur entstanden. So gab es für kurze Zeit 45 zusätzliche Verteidigungskreiskommandos, da die Landkreise im Beitrittsgebiet noch nicht neu gegliedert worden waren. Am Ende blieben neun VBK übrig  und VKK waren in der neuen Bundeswehrstruktur ohnehin nicht vorgesehen.

Bei der Übernahme von Waffensystemen der NVA zeigte sich die Bundeswehrführung sehr zurückhaltend. Grundsätze der NATO-Standardisierung, Sicherheitsvorschriften, Ausbildungsgrundsätze und logistische Überlegungen sprachen meist dagegen. So blieb die Übernahme modernisierter Kampfschützenpanzer BMP für die Panzergrenadiere nur Episode und die Artilleristen mussten ihre sowjetischen 122 mm- Feldhaubitzen gegen die älteren Feldhaubitzen 105 (L), die zuletzt noch im Territorialheer gedient hatten, austauschen, bevor auch sie auf den M 109 G-Standard der Brigadeartillerie kamen. Diese Panzerhaubitzen waren durch die beginnenden  Auflösungen frei geworden und waren möglicherweise als nuklearfähiger Waffenträger in den neuen Ländern vorerst nicht erwünscht, solange es dort noch russische Truppen gab.

Die Hauptherausforderung der Einnahme der Bundeswehrstruktur in den neuen Ländern war sicher die begrenzte Übernahme von Personal aus der Nationalen Volksarmee sowie die Übertragung der Wehrpflichtorganisation  und Gewinnung von Freiwilligen im Beitrittsgebiet. Viele Soldaten und Zivilbeschäftigte aus dem Westen waren in den Aufbau der Bundeswehr Ost eingebunden.

Zum Ansehen der Bundeswehr hat sicher auch der Einsatz bei den Flutkatastrophen an Elbe und Oder in diesem Jahrzehnt des Umbruchs beigetragen. Die Armee der Einheit wurde sehr schnell Realität und aufgrund der Stationierung und des Freiwilligenaufkommens gehören die neuen Länder sicher nicht zu den bundeswehrfernen Regionen.
Heeresstruktur V N  (ab 1993) und "Heer für neue Aufgaben" (ab 1996) >> Inhalt

Mit der Wiedervereinigung war die geordnete Übernahme der NVA sicherzustellen, die Reduktion der Bundeswehr im Westen und Osten auf die Höchstgrenze von 370.000 Soldaten einzuleiten und zugleich die neue Bundeswehr im Osten aufzubauen. Angesichts der veränderten Bedrohungslage war von langfristig geringeren Finanzmitteln für den Einzelplan 14 im Bundeshaushalt auszugehen.

Sehr schnell wurde aber auch deutlich, dass die veränderte Weltlage der Bundesrepublik auch weiterhin eine wichtige militärische Rolle in Europa zuweisen  und  man künftig von ihr auch ein stärkeres internationales militärisches Engagement erwarten würde. In dem Maße wie das unmittelbare Risiko eines Großkonflikts in Mitteleuropa geschwunden war, stieg die Wahrscheinlichkeit eines realen Bundeswehreinsatzes an anderen Orten. Hatte vorher die Vorsorge für den nicht auszuschließenden, aber irgendwie immer doch auch Fiktion bleibenden Abwehrkampf an der innerdeutschen Grenze alle Planungen bestimmt, so waren in den 90er Jahren ganz plötzlich sehr praktische Überlegungen für einen tatsächlichen Einsatz unterhalb der Schwelle eines Großkonfliktes außerhalb der Heimat anzustellen.

Die Landesverteidigung / Bündnisverteidigung blieb vorerst noch Hauptauftrag.  Russland galt immer noch als  Messlatte.  Anstelle der alten „Schichttorte“ an der Grenze sollte das Prinzip der „strategischen Gegenkonzentration“ von eigenen Kräften in einem weiten Raum gegenüber einem potenziellen Angreifer treten. Dementsprechend stand auch die Wehrpflicht vorerst noch nicht in Frage, auch wenn man ihre Dauer schrittweise reduzierte.

Zu Beginn der neunziger Jahre stand die politische und militärische Führung unter dem Druck, sehr schnell über die Reduktion der Truppe entscheiden zu müssen. Die ersten Entscheidungen hatte noch Verteidigungsminister Stoltenberg (CDU) zu fällen, die Umsetzung des Umbauprozesses lag dann aber bis 1998 in der Verantwortung des Ministers Rühe (CDU). Dabei konnte man nicht nur nach militärischer Zweckmäßigkeit vorgehen, sondern hatte regionale Strukturpolitik ebenso zu berücksichtigen wie die durch die Wehrpflicht gebotene Notwendigkeit einer breiten Präsenz in den alten und neuen Ländern.

So kam es, dass am Ende viele Einheiten, aber relativ wenige Standorte aufgelöst wurden. Man vermied es nach Möglichkeit auch, Großverbände komplett zu streichen. Die Auflösung eines Divisions- oder Brigadestabes bedeutete nicht das gleichzeitige Ende für alle seine Bataillone. In der neuen Struktur weiterhin vorgesehene Divisionen bzw. Brigaden mussten eigene Bataillone auflösen und Einheiten von aufgelösten Verbänden aufnehmen.

Zur Auflösung vorgesehen waren die Stäbe der 2. Panzergrenadierdivision (Kassel), 3. Panzerdivision (Buxtehude), 12. Panzerdivision (Veitshöchheim) und Luftlandedivision (Bruchsal), 1996 dann auch die 6. Panzergrenadierdivision (Neumünster). Die Stäbe der 4. Panzergrenadierdivision und  für kurze Zeit auch der 11. Panzergrenadierdivision blieben als Spezialstäbe für luftbewegliche Kräfte  erhalten.

Da die meisten erhalten gebliebenen Bataillone aus Traditionsgründen ihre alten Nummern behielten, ist heute nicht mehr automatisch aus der Bezeichnung die Unterstellung abzulesen. Es gab auch viele Neuaufstellungen, vor allem in den neuen Ländern, in denen mit dem IV. Korps in Potsdam und der 13. und 14. Panzergrenadierdivision neue Großverbände entstanden.

Von vornherein wurden in ganz Deutschland gleiche Strukturen geschaffen,  die u.a. auch dazu führten, dass die Unterstellungsverhältnisse die alte Teilungslinie überschritten. Die 14. Panzergrenadierdivision in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg integrierte die übrig gebliebenen Teile der 1996 aufgelösten 6. Panzergrenadierdivision in Schleswig-Holstein („Hanse-Division“), während die Thüringer Panzergrenadierbrigade 39, nachdem sie auch Bataillone der ehemaligen nordhessischen 2.Panzergrenadierdivision aufgenommen hatte, selbst wiederum der 5. Panzerdivision in Mainz unterstellt wurde.

In Einzelfällen kam es auch vor, dass ein Verband die Erhaltung seines Standortes durch einen Waffengattungswechsel  "erkaufen" musste. Aus dem Pionierbataillon 7  in Höxter wurde das ABC-Abwehrbataillon 7 und das Panzeraufklärungsbataillon 2 in Hessisch Lichtenau wurde zum Panzerartilleriebataillon 2. Das Panzergrenadierbataillon 313 in Varel wurde zum Fallschirmjägerverband und die Panzergrenadierbrigade 31 existiert bis heute als Luftlandebrigade bzw. -regiment weiter. Die Verwandlung des Pfullendorfer Artillerieregiments 10 in ein Jägerregiment oder die Umwidmung des Dürener Panzerbataillons 533 in ein Jägerbataillon waren allerdings keine Garantie für Fortbestand,  denn die Jägerregimenter der Divisionen als Nachfolger der Heimatschutzbrigaden wurden nach wenigen Jahren doch aufgegeben.

Bis Mitte der neunziger Jahre wurden wiederholt Modifikationen  der Strukturentscheidungen "nachgelegt" und führten zu großer Verunsicherung in der Truppe. So war die teilweise noch auf die Planungen der achtziger Jahre zurückgehende Heeresstruktur V nur von kurzer Dauer und mündete schließlich ab 1996 in das Konzept "Heer für neue Aufgaben",  das aber auch nur bis 2002 Bestand hatte. Neben dem latenten Ressourcenproblem hatte der 1993/94 mit dem Einsatz in Somalia, der Embargoüberwachung in der Adria und einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eingeleitete Paradigmenwechsel das Tor für Auslandseinsätze aufgestoßen und die Planer unter neue Handlungszwänge gesetzt.

Das Heer hatte in den neunziger Jahren auf die Veränderungszwänge durch eine Reihe von Strukturmaßnahmen reagiert und nicht alle alte Strukturen in reduziertem Rahmen konserviert. Es ist unmöglich,  die Maßnahmen der Struktur „Heer für neue Aufgaben“ in ihrer Gesamtheit zu beschreiben,  deshalb seien hier nur einige Prinzipien genannt.

Dazu gehörte u.a. das Prinzip der Differenzierung der Verbände nach ihrer Aufgabenstellung. Es hatte auch in den vorherigen Strukturen unterschiedliche Brigadetypen gegeben. Neben den Luftlande- und Gebirgsjägerbrigaden sei hier noch einmal auf die drei Jägerbrigaden und Heimatschutzkommandos der Struktur III hingewiesen.  Allerdings hatte sich immer wieder der Trend zur mechanisierten Einheitsbrigade,  nur unwesentlich differenziert in Panzer- bzw. Panzergrenadierbrigaden,  durchgesetzt.

Im "Heer für neue Aufgaben" mussten sich die Großverbände und Bataillone stärker auf bestimmte Aufgaben konzentrieren,  selbst wenn sie in Bewaffnung und Bezeichnung weitgehend übereinstimmten. Die wichtigste Unterscheidung sollte der Status als Verband der "Krisenreaktionskräfte" (KRK) oder als Verband der "Hauptverteidigungskräfte" (HVK) sein. KRK- und HVK hatten als primäre gemeinsame Aufgabe weiterhin die Vorbereitung der Landes- und Bündnisverteidigung. KRK hatten darüber hinaus eine aktive internationale Einsatzrolle für die zunehmenden Aufträge in den Krisengebieten.

Auf die veränderte Bedrohungslage musste die Politik zwangsläufig mit einer Kürzung der Wehrpflicht reagieren.  Aus diesem Grunde konnte nicht die gesamte Armee in voller Einsatzbereitschaft gehalten werden. Die längeren Warnzeiten sollten bei einer Verschlechterung der politischen Lage genutzt werden, um in einem mehrmonatigen Krisenausbildungsprogramm die Einsatzbereitschaft von Personal, Führung und Material wieder "hochzufahren".

Andererseits waren auch plötzlich auftretende Krisen nicht ganz auszuschließen. Für diesen Fall forderte die NATO in ihrem neuen Konzept von ihren Mitgliedern die Bereitstellung von zahlenmäßig begrenzten, aber jederzeit einsatzbereiten Krisenreaktionskräften (KRK), welche die Mobilmachung der Hauptverteidigungskräfte (HVK) decken sollen.

Diese Hauptrolle der KRK-Kräfte war allerdings in der öffentlichen Diskussion durch ihre zweite Rolle als Einsatzkräfte für die verschiedensten militärischen oder humanitären Aufgaben außerhalb des eigentlichen Bündnisgebietes verdrängt worden. Da diese Einsätze wegen der Anforderungen an die Ausbildung und des allgemeinen gesellschaftlichen Verständnisses nur von Berufs- bzw. Zeitsoldaten und von freiwillig länger dienenden Wehrpflichtigen geleistet werden sollten,  wurden bestimmte Verbände für diese KRK-Rolle klassifiziert.

Die Mehrzahl der Wehrpflichtigen diente in den Hauptverteidigungskräften,  die sich auf die Erhaltung des militärischen "Knowhows" durch  Ausbildung im Friedensbetrieb und die Vorbereitung einer Mobilmachung konzentrieren. Daneben hatten die HVK-Bataillone auch die vom Umfang begrenzten KRK-Einheiten bei Ausbildung, Logistik etc. zu unterstützen.

Um die Entstehung einer Zweiklassenarmee durch "Eliteverbände" mit KRK-Status zu vermeiden, wurden im Zuge der Modifikation der Übergangsstruktur V zum Konzept "Heer für neue Aufgaben" HVK- und KRK-Verbände enger miteinander „vermascht“. KRK-Brigadestäbe führten auch HVK-Bataillone, während HVK-Brigaden auch KRK-Bataillone unterstellt wurden. Es gab auch zahlreiche Bataillone,  die KRK und HVK-Kompanien in ihrem Verband nebeneinander führten. Da die Zeit- und Berufssoldaten in Einheiten beider Kategorien dienten und Wehrpflichtige ohnehin meist nur in einem Verband blieben,  war die Trennung in der Praxis weniger gravierend.

Die anfangs noch weitgehend gleiche Ausstattung führte durch vorrangige Belieferung der KRK-Verbände mit neuen oder kampfwertgesteigerten Systemen zu materiellen Unterschieden , die es aber auch früher immer gegeben hatte, wenn man z.B. an die drei verschiedenen Typen von Panzergrenadierbataillonen in den sechziger Jahren zurückdenkt („Spz,“ „MTW“, „mot.“).

Von den 22 im Heer für neue  Aufgaben noch aktiven Heeresbrigaden  waren fünf voll präsente KRK-Brigaden mit KRK- und HVK-Bataillonen (Panzergrenadierbrigade 12, Panzerbrigade 21, Jägerbrigade 37, Brigade D/F deutscher Anteil, Luftlandebrigade 31,  luftmechanisierte Brigade 1 )  und acht  weitgehend präsente HVK-Brigaden.

Von den präsenten HVK-Brigaden hatten die Panzerbrigade 40, Gebirgsbrigade 23,  Luftlandebrigade 26 und  Panzerbrigade 39  die primäre Aufgabe,  KRK-Brigaden als Ergänzungsverbände  zu unterstützen und bei längeren Einsätzen auch abzulösen.  Auch sie verfügen über HVK -und KRK-Bataillone.

Vier weitere auch weitgehend präsente HVK-Brigaden (Panzergrenadierbrigaden 1 und 7 und Panzerbrigaden 9 und 14) hatten einen anderen Schwerpunkt. Sie sollten neben der eigenen Friedensausbildung vor allem die Mobilisierung von vier gleichartigen nichtaktiven Mobilmachungsbrigaden  (Panzerbrigaden 2 und 8, Panzergrenadierbrigaden 32 und 5, alle nichtaktiv) sicherstellen.

Acht weitere nur zur Hälfte präsente Brigaden (Panzerbrigaden 34, 36, 42 u. 18, Panzergrenadierbrigaden 19, 30, 38 und 41) sollten in der Lage sein,  in einer Mobilmachung  ihre eigene Stärke zu verdoppeln und mit vier Kampfbataillonen für einen Einsatz zur Verfügung stehen. Sie wären dann sogar um ein Bataillon stärker als die normalen Präsenzbrigaden mit nur drei Panzer bzw. Panzergrenadierbataillonen gewesen.

Die zuletzt genannten aktiven und teilaktiven Brigaden wendeten das Verfahren "Kaderung und rascher Aufwuchs" an, bei dem ein aktives Patenbataillon für ein nichtaktives Aufwuchsbataillon verantwortlich war. Damit ist das zweite Strukturmerkmal des "Heeres für neue Aufgaben" benannt. Nach dem Verfahren „Kaderung und rascher Aufwuchs“  konnten auch die Kräfte der Divisionstruppen,  allen voran die Pionierbataillone der sechs Pionierbrigaden und die Kräfte der drei Logistikbrigaden des Heeresunterstützungskommandos verstärkt werden.

Die zur Sicherung im territorialen Bereich bei den Verteidigungsbezirkskommandos verbliebenen Kader der nicht aktiven 47 Heimatschutzbataillone waren ebenfalls von der Unterstützung ihrer oft waffengattungsfremden Patenbataillone im aktiven Heer abhängig,  da die früheren  Ausbildungszentren der Mobilmachungsorganisation nicht mehr aufrecht erhalten werden konnten.

Der über 500.000 Soldaten umfassende Verteidigungsumfang des in den Jahren geschrumpften aktiven Heeres war damit immer noch recht beachtlich und stellte ein zentrales strategisches Faustpfand bei der Wahrung der Stabilität in Europa dar. Das Heer umfasste um 2000 noch ca. 230.000 aktive Soldaten.

Die Reduzierung der Truppen zwang die Heeresplaner zur Bündelung der verbliebenen Kräfte, so dass der Gedanke der Konzentration und Straffung zu einem weiteren Organisationsprinzip wurde. Um den Führungsaufwand zu verringern und Stäbe zu sparen, wurden Kräfte, die früher auf die verschiedenen Ebenen von Brigade, Division, Korps, Territorialheer verteilt waren, unter zentralen Kommandos zusammengefasst.

Das Territorialheer löste bis 1994 seine eigenen Kommandos auf und ging im Feldheer auf. Die nationalen Führungsaufgaben für das Heer übernahm zentral das neue aus dem Stab des ehemaligen III. Korps hervorgegangenen Heeresführungskommando in Koblenz.  Ihm waren die drei Korps, die luftbewegliche Division und drei der neuen Unterstützungsbrigaden (Heeresflieger, Führungsunterstützung, Fernmeldeaufklärung und elektronische Kampfführung)  unterstellt. Dort wurden auch die den Wehrbereichskommandos übergeordneten nationalen territorialen Aufgaben wahrgenommen. Der Kommandeur des Heeresführungskommandos wurde damit oberster nationaler  territorialer Befehlshaber.
 An der übergeordneten Führung durch den Führungsstab des Heeres im Ministerium mit dem Heeresinspekteur änderte sich nichts, so dass hier eine Doppelstruktur erhalten blieb, die erst mit den Entscheidungen des Jahres 2011 beendet wurde.

Eigentlich sollte die Fusion von Wehrbereichskommandos und verbliebenen Divisionen  zu sechs Kommandobehörden  ein Beitrag zur Rationalisierung werden:  1. Panzerdivision/Wehrbereich II (Hannover) , 7. Panzerdivision /Wehrbereich III (Düsseldorf), 5. Panzerdivision / Wehrbereich IV (Mainz), 10. Panzerdivision/Wehrbereich V (Sigmaringen), 1.Gebirgsdivision/ Wehrbereich VI, 13.Panzergrenadierdivision /Wehrbereich VII.. Im Norden entstanden allerdings sehr bald aus den Fusionen WBK I / 6. Panzergrenadierdivision und WBK VIII / 14. Panzergrenadierdivision wieder zwei eigenständige Kommandos, nämlich das WBK "Küste" in Kiel (inklusive Bereich des ehemaligen WBK VIII) und die 14. Panzergrenadierdivision in Neubrandenburg. Die 6. Panzergrenadierdivision war 1996 aufgelöst worden.

Die Zusammenführung von einigen Brigaden mit VBK blieb nur ein Experiment von zwei Jahren (1994-96). In der Folgestruktur wurde die Fusionierung auch bei den Divisionen 2002 rückgängig gemacht und es entstanden vier neue Wehrbereiche im Rahmen der Streitkräftebasis. Auch das aus dem  Stab der ehemaligen 4. Panzergrenadierdivision hervorgegangene Kommando luftbewegliche Kräfte als Führungsorgan der  beiden Luftlandebrigaden 26, 31 und Kommandos Spezialkräfte blieb eigenständig.

Im Heer für neue Aufgaben wurden die logistischen Unterstützungsaufgaben der aufgelösten Korpstruppenkommandos, Territorialkommandos und zum Teil auch des Heeresamtes unter dem Dach des neuen Heeresunterstützungskommandos in Mönchengladbach zusammengeführt, welches die aus den Versorgungskommandos 600,  800,  850,  860, Nachschubkommandos 1, 2, 3  Sanitätskommandos 600, 800, 850 und 1, 2, 3 gebildeten neuen Logistikbrigaden 1, 2 und 4 und Sanitätsbrigade 1 führte. Dazu kamen das Materialamt des Heeres und das Kraftfahrwesen. Damit lag nun auch die Depotorganisation des Heeres  unter einer zentralen Verantwortung. Unterhalb der Ebene des Heeresunterstützungskommandos wurde die Logistik und Sanitätsversorgung in den Divisionen konzentriert, die nun als „Drehscheibe der Logistik“ galten.

Die Kräfte zur Führungsunterstützung, die ehemaligen Fernmeldekräfte der Korps, Divisionen, Territorialkommandos, Wehrbereiche und Führungsfernmeldebrigade der Bundeswehrführung,  wurden in reduziertem Umfang in die drei Führungsunterstützungsbrigaden 1, 2 und 4 der Korps (D/NL Münster, GE/US Ulm, IV Potsdam) und die Führungsunterstützungsbrigade 900 der Bundeswehrführung überführt.

Die Heeresfliegertransportkräfte der ehemaligen Korpsheeresfliegerkommandos wurden in der bei der Heeresführung angesiedelten Heeresfliegerbrigade 3 (Mendig) zusammengeführt. Die Panzerabwehrhubschrauber fanden sich in der luftmechanisierten Brigade 1 und dem Korpsheeresfliegerregiment 26 wieder. Mit der luftmechanisierten Brigade 1 wollte man die Option auf eine neue Dimension mobiler Gefechtsführung wahren,  die schon in den achtziger Jahren erwogen wurde,  aber erst mit dem Zulauf des deutsch-französischen Kampfhubschraubers Tiger weit nach 2000 eine reale Perspektive erhalten sollte.

Nach dem endgültigen Wegfall der noch in die Übergangsstruktur V geretteten territorialen Jägerregimenter als Nachfolger der Heimatschutzbrigaden war es sinnvoll, einen Grundbestand von Jägerbataillonen in der Jägerbrigade 37 und der Gebirgsbrigade 23 zu konzentrieren, um diese flexible Truppengattung auch künftig für spezielle Aufgaben in schwierigem Gelände oder unübersichtlichen Einsatzräumen zu erhalten.

Eine Konzentration fand auch bei der Zusammenfassung von Fernmeldeaufklärungskräften einer spezialisierten Brigade (Nr. 94) auf Heeresebene statt. In den Divisionsartillerieregimentern fusionierten Beobachtungs- und Feldartilleriebataillon zu einem Beobachtungspanzerartilleriebataillon. Die drei Heeresflugabwehrverbände der Korps wurden in die Divisionsflugabwehrregimenter integriert.

Besonders augenfällig wurde die Straffung der Organisation bei den Pionieren und der Logistik. Die aus dem Bestand von Territorialheer, Korps und Divisionen übrig gebliebenen Pionierbataillone und ABC-Abwehrbataillone wurden in den  sechs Pionierbrigaden der Wehrbereichs/Divisionskommandos  zusammengefasst.

Instandsetzungs- und Nachschubbataillone gab es nur noch in dem Logistikregiment jeder Division und den drei Logistikbrigaden des Heeresunterstützungskommandos.

Viele aktive, teilaktive und nicht aktive logistische Einheiten des Feldheeres und alten Territorialheeres  wurden weiterhin für eine Mobilmachungsaufstellung benötigt,  da die Verschiebung des Auftrags Landesverteidigung zur Bündnisverteidigung an den NATO-Grenzen eine Verlängerung der logistischen Wege bedeutete. So konnte man zahlreiche Nummern von Transport- und Nachschubbataillonen der ehemaligen Nachschub- , Versorgungs- und WHNS-Kommandos noch etliche Jahre in den Gliederungsbildern der Logistikregimenter von Korps- und Divisionen, zum Teil auch noch in der späteren Streitkräftebasis und den Heereslogistikbrigaden 100 und 200 finden.

Die mobilen Sanitätskräfte für die Bildung von Schwerpunkten und  Einsätze außerhalb Deutschlands wurden in der Sanitätsbrigade 1 in Leer zusammengeführt. In jeder Division blieb ein Sanitätsregiment bestehen und die Wehrbereichskommandos führten in Lazarettregimentern die noch vorhandene mobilmachungsabhängige Reservelazarettorganisation.

In der Fläche des größer gewordenen Deutschland hatten 27 großräumige Verteidigungsbezirkskommandos die verbleibenden territorialen Aufgaben unter Verzicht auf die Verteidigungskreiskommandos allein  übernommen. Diese führten immerhin noch 47 nicht aktive Heimatschutzbataillone und 35 Ersatzbataillone.

Inwieweit das Prinzip der Konzentration erfolgreich war,  konnte man angesichts der immer noch sehr  komplexen Struktur  mit 22 aktiven oder teilaktiven und 4 nicht aktiven Brigaden plus 17 Brigadestäben beim Heeresführungskommando, Heeresunterstützungskommando und den Divisionen für die Kampfunterstützungs-, Führungs-, Sanitäts- und Logistiktruppen des Heeres etwas bezweifeln.  In der Heeresstruktur IV hatte es 37 Stäbe für Unterstützungsaufgaben bei Territorialkommandos und Korps für Logistik, Sanitätswesen, Pioniere, Fernmelder und Flugabwehr gegeben.  In der Phase der Transformation ab 2001 gab es im  Heer, Sanitätsdienst und der Streitkräftebasis noch 19. Die Neuaufstellung von  Kommandos und Regimentsstäben im Unterstützungsbereich, die meist nach wenigen Jahren wieder aufgelöst wurden,  sollte zu einem Merkmal des Umbaus der beiden Jahrzehnte nach 1990  werden. Dies nährte den meist nicht offen ausgesprochenen Verdacht, dass es hier vor allem um die Erhaltung von Planstellen für Stabsoffiziere ging. Der Vorwurf von „zu vielen Häuptlingen und zu wenigen Indianern“ machte die Runde. Die Zahl der kampfkräftigen Truppenkörper hatte erheblich abgenommen, aber der Abbau des Kopfes nicht im gleichen Maße mit der Reduzierung Schritt gehalten. Standorte von Stäben wurden in der Regel nicht gestrichen, sondern von anderen Führungseinrichtungen aller Teilstreitkäfte übernommen (Köln-Wahn, Koblenz, Münster, Ulm, Potsdam, Kiel, Diez)

Eine Bündelung der verbliebenen Kräfte fand durch eine noch stärkere Kooperation mit den alliierten NATO-Partnern statt. Hier gab es schon vor der Wende in Gestalt des deutsch-dänischen Jütlandkorps, der AMF-Brigade, der deutsch-französischen Brigade und des Eurokorps (deutscher Anteil 10.PanzerDiv ) Formen multinationaler Heeresverbände, die nun mit dem gemeinsamen deutsch-niederländischen Korps in Münster (deutscher Anteil 1.Panzerdivision u. Führungstruppen), dem alliierten Eingreifkorps (deutscher Anteil 7.Panzerdivision) und der luftbeweglichen NATO-Division (deutscher Anteil Luftlandebrigade 31) fortgesetzt wurden. Multinationalität findet somit nicht nur in den oberen NATO-Stäben statt, sondern wurde zu einem weiteren Strukturmerkmal  der bisher national zusammengesetzten Korps und Divisionen. Deutschland war in vielfältiger Weise mit seinen Truppen in die verschiedenen NATO-Strukturen eingebunden und damit zu einer "Drehscheibe und Klammer der Integration" in Europa geworden .
(>> http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/33561090-8aed-6499-92ed-7483fda443e3.png)
Den meisten Beteiligten war klar, dass die Strukturreformen der neunziger Jahre nicht von Dauer sein würden.  Die finanzielle und personelle Decke war für die noch sehr zahlreichen aktiven und nicht aktiven Formationen der Bundeswehr zu kurz geworden. Die Personalstärke der Bundeswehr sank kontinuierlich und begann, sich der Marke 300.000  zu nähern.  Das Heer umfasste im Jahr 2000 noch ca. 230.000 Soldaten und Soldatinnen bei einer Gesamtstärke der Bundeswehr von 310.000 (Sollstärke: 340.000 i. F., 680.000 i. K.). Gleichzeitig bereitete die Bereitstellung von Einheiten für die internationalen Einsätze, die der Verteidigungsminister Rühe auf den Weg gebracht hatte, Probleme. Die Aufteilung in Krisenreaktions- und Hauptverteidigungskräfte blieb umstritten. Die Planer und Verteidigungspolitiker diskutierten über eine neue Bundeswehr in einer Größenordnung irgendwo zwischen 200.000 und 300.000.

Mit dem Regierungswechsel von 1998 übernahm  Verteidigungsminister Scharping (SPD) die Verantwortung für die Umgestaltung. Es kam 2001 zu durchgreifenden Strukturentscheidungen, die eine Phase neuer massiver Reduktionen und Umorganisationen einleitete, welche die Gestalt der Bundeswehr wesentlich veränderten. Dieser Prozess kam auch unter seinen Nachfolgern Struck (SPD), Guttenberg (CSU) und de Maizière (CDU) nicht mehr zum Stillstand, auch wenn die Schlagworte des Truppenabbaus und - umbaus wechselten: “Transformation“ ab 2001  (Scharping),„verteidigungspolitische Richtlinien“ und „Neues Heer“ 2004 ( Struck) „Neuausrichtung“ 2011 (Guttenberg, de Maizière). Die “Reformen” und immer neue Strukturen  überlappten sich oft und verschwimmen im Rückblick, auch wenn sich jede Reform in der offiziellen Lesart als dauerhafter Entwurf verstand. Oft war der Umbau der letzten Strukturentscheidungen noch nicht abgeschlossen, wenn  schon wieder eine neue Planung umgesetzt werden musste.

Transformation der Bundeswehr nach 2001 >> Inhalt

Die Bundeswehr hat sich im Vergleich zu anderen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen als sehr flexibel und innovationsfreudig gezeigt! Diese Belastbarkeit musste im neuen Jahrtausend noch mehr  unter Beweis gestellt werden, als die eigentliche große Runderneuerung der Bundeswehr mit dem Herunterfahren von  315.000 auf 285.000,  aktive Soldaten folgte. Von der im Zwei-plus-Eins-Vertrag vereinbarten Zielgröße von 370.000 aktiven Soldaten hatte man sich schon vorher in der praktischen Umsetzung verabschiedet.

Die nach dem Regierungswechsel von 1998 vorbereitete Bundeswehrreform war wie alle Reformen der Vergangenheit ebenso eine Anpassung der Strukturen an die knappen Mittel wie an die sicherheitspolitische Lage. Das Gerüst von 8 Divisionsstäben und  42 aktiven, teilaktiven  und nicht aktiven Kampf- und Unterstützungsbrigaden im Heer für Neue Aufgaben konnte so nicht mehr weiterbestehen. Aus den sicherheitspolitischen Vorgaben ergaben sich für das Heer folgende Aufgaben. Der Auftrag der Landesverteidigung blieb grundsätzlich erhalten. Dabei ging es aber kaum noch um einen um 2000 nicht vorstellbaren Großkonflikt in Mitteleuropa, sondern um einen angemessenen deutschen Beitrag zur Sicherung des Bündnisgebietes. Vor allem aber ging es in zunehmendem Maße auch um Friedenseinsätze. Bündnisverteidigung und Friedensmissionen fanden in jedem Fall außerhalb des deutschen Territoriums statt. Auf deutschem Boden hatte das Heer einsatzbereite Kräfte bereitzuhalten, auszubilden, zu unterstützen und zu ergänzen, um entsprechende Kontingente zur Friedensicherung und Bündnisverteidigung entsenden zu können.

Dazu gehörte auch eine angemessene Vorsorge für Reserven im Falle einer umfassenderen Bedrohung des Bündnisgebietes, die man nicht für alle Zeiten ausschließen konnte. Die Einsatzdauer der Kontingente konnte sich in Monaten und Jahren bemessen, dementsprechend musste eine sehr viel größere Zahl von Einheiten bereit stehen, damit die notwendige Durchhalte- und Regenerationsfähigkeit erhalten blieb.

Angesichts der dramatischen Entwicklung des internationalen Terrorismus musste man zwangsläufig auch Überlegungen zur Neubewertung der nationalen territorialen Verteidigung  anstellen.

Auch wenn keine unmittelbare Bedrohung deutschen Territoriums durch gegnerische Streitkräfte bestand, konnte während eines internationalen Konflikts die Notwendigkeit zur Sicherung wichtiger Objekte und Kapazitäten zur Schadensbekämpfung angesichts des Risikos von Anschlägen auf deutschem Gebiet bestehen.

Der geschlossene Einsatz des Heeres mit allen Divisionen war angesichts der Lagebewertung unwahrscheinlich. Gefordert waren aber Einsatzkontingente in Brigadestärke, bei Bündnisverteidigung bis zur Divisionsstärke, die für einen längeren Zeitraum im Einsatz gehalten werden mussten. Die bisher vorhandene breite Palette militärischer Fähigkeiten musste auch künftig bereitgehalten werden, sollte aber nicht auf jeder Organisationsebene vorhanden und nicht mehr gleichmäßig im ganzen Land verteilt sein. Es würde eine noch stärkere Konzentration der Kapazitäten erfolgen.

Es wurden weiterhin alle Truppengattungen, allerdings in geringerer Zahl, benötigt. Relativ große Einschnitte gab es ab 2002 bei den mechanisierten Kampftruppen. Für das Gefecht der verbundenen Waffen gegenüber einem massiv auftretenden Gegner blieben sie aber dennoch unverzichtbar. Reduzierungen gab es auch bei den Kampfunterstützungstruppen, dagegen blieben Spezialkräfte wie luftbewegliche Truppen oder die an der Nahtstelle von ziviler und militärischer Sicherheit im Auslandseinsatz agierenden Feldjäger ziemlich ungeschoren.

Ab 2002 wurden Truppen und Stäbe noch einmal kräftig reduziert. Insgesamt setzte sich der 1990 begonnene Trend fort, dass die Stärke der verfügbaren Einsatzkräfte des Heeres stärker  abnahm als es der Abbau der Bundeswehrstärke insgesamt erwarten ließ. Dies hing einerseits mit der durch die neuen Einsatzrollen begründeten relativen Aufwertung der Luftwaffe und Marine zusammen, hatte aber auch damit zu tun, dass es nicht mehr darauf ankam, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Kampftruppe für ein Gefecht mobilisieren zu können. Wichtiger schien vielmehr, eine begrenzte Zahl von Truppen über einem längeren Zeitraum und über größere Entfernungen hinweg auszubilden und einsatzfähig halten zu können. Dies erfordert mehr präsente Unterstützungskräfte und eine größere Personaldecke, welche die zahlreichen, aber knapp besetzten Kampfeinheiten der früheren Heeresstrukturen  nicht aufweisen konnten.

Laut Planung 2001 sollten nur noch fünf Divisionen über neun mechanisierte Einsatzbrigaden plus eine Gebirgs- und die deutsch-französische Brigade verfügen können. Die Divisionsgliederung  wurde somit im Frieden von drei auf zwei Brigaden reduziert. Eine Division sollte zusätzlich die Brigade D/F führen, die aus politischen Gründen als Sonderformation bestehen blieb. Für die anderen vier Divisionen sollten als Verstärkung im Einsatz drei Mob-Brigaden und eine polnische Brigade zur Verfügung stehen. Die Brigade blieb als Kern des Gefechts der verbundenen Waffen mit eigenen Kampftruppen, Artillerie und Pionieren erhalten und wurde durch Zuweisung eines logistischen Bataillons auch in der Versorgung gestärkt. Es war allerdings nicht jedes Logistikbataillon auf Brigadeebene aktiv.

Das Heer sollte nach Einnahme der künftigen Struktur seinen mechanisierten Schwerpunkt von einst 34 mechanisierten Brigadeverbänden der Struktur IV in den 80er Jahren ( ohne Luftlande- Gebirgs- und Heimatschutzbrigaden, aber mit Heimatschutzbrigade 56) auf weniger als ein Drittel abgebaut haben !

An Mobilmachungsreserven für Kampfaufgaben würden nur noch die o.g. drei Gerätebrigaden und eine noch ungeklärte Zahl von territorialen Sicherungskräften zur Verfügung stehen.

Nachdem in den neunziger Jahren die Korpstruppen bis auf die Führungsteile aufgelöst oder in die Divisionen integriert wurden, ging nun auch die Ära starker Divisionstruppen zu Ende. Die noch verbleibenden Unterstützungsverbände der Artillerie, Pioniere, Heeresflugabwehr, ABC-Abwehr und Einsatzlogistik wurden in Brigadeverbänden auf Heeresebene unter einem Heerestruppenkommando zusammengefasst. Die Waffengattungsbrigaden hatten für die Einsatzkräfte maßgeschneiderte „Pakete“ (Module) zur Unterstützung bereitzustellen.

Die Organisationsebene des Heerestruppenkommandos war für das Heer der Bundeswehr neu.  Den Divisionsstäben standen nur noch ein eigenes Aufklärungsbataillon  und Stabsfernmeldebataillon zur Verfügung. Die Korpsstäbe wurden rein operative Führungsstäbe multinationalen Charakters, welche die truppendienstliche Führung der Divisionen an das schon bestehende Heeresführungskommando abgaben.

Einen gesicherten Fortbestand sollte in der neuen Struktur die früher oft umstrittene luftbewegliche Komponente haben. Die Verschiebung der Einsatzwahrscheinlichkeit von der Landesverteidigung zu mobilen Kriseneinsätzen hat das Einsatzspektrum der Fallschirmjägertruppe erweitert. Es gab weiterhin ein eigenes Divisionskommando für luftbewegliche Spezialeinsätze (DSO).

Nach den Stationierungsentscheidungen vom Februar 2001, sollten von der Fallschirmjägertruppe die Saarländer Luftlandebrigade 26, die Oldenburger Luftlandebrigade 31 (unter Einbeziehung des Fallschirmjägerbataillons 373 in Doberlug-Kirchhain) und das Kommando Spezialkräfte (Calw) unter diesem neuen Kommando weiterbestehen. Die Gebirgsbrigade blieb als Jägergroßverband erhalten.  Eine Aufwertung zur Division erfuhr die Heeresfliegertruppe durch Zusammenfassung der Heeresfliegerbrigade 3 und luftmechanisierten Brigade 1 in der Division für luftbewegliche Operationen (DLO). Hier wäre schon damals die 2011 entschiedene Zusammenfassung von Heeresfliegern und Fallschirmjägern in einem Divisionsverband folgerichtiger gewesen. 2001 war aber wohl die Entscheidung für einen fünften Divisionsverband zur Wahrung der Gewichtungen zwischen den Teilstreitkräften das maßgebende Motiv. Die DLO überlebte als fünfte Division noch die „Struck“-Reform von 2004 durch Aufnahme der Heerestruppenbrigade, die kaum noch organisch zu den Heeresfliegern passte.

Einige Grundentscheidungen für das "Heer für neue Aufgaben" wurden wieder rückgängig gemacht. Die Trennung in KRK- und HVK-Verbände wurde durch die neue teilstreitkräfteübergreifende Differenzierung in verfügbare Einsatzkräfte und Militärische Grundorganisation abgelöst.

Die Stäbe von Divisionen und Wehrbereichen wurden wieder getrennt. Die von sieben auf vier reduzierten Wehrbereiche wurden Teil des neuen Organisationsbereich der Streitkräftebasis (SKB), die man vielleicht sehr verkürzt als Wiederauflage des früheren Territorialheeres in einem noch größeren teilstreitkräfteübergreifenden Umfang beschreiben könnte. Es war allerdings kein reines „Heimatheer“. Die SKB war bei allen Einsätzen der Bundeswehr im In- und Ausland gefordert.  Die Wehrbereiche führten künftig die Truppen der Streitkräftebasis.

Die Streitkräftebasis war nun auch für territoriale Aufgaben zuständig, die bisher dem Heer zugeordnet waren. Die  Streitkräftebasis übernahm neben der territorialen Rolle und die vielen Zentralaufgaben im Streitkräfteamt auch große Teile der Führungsunterstützung (Fernmelder), elektronischen Aufklärung und Kampfführung, Logistik und das Feldjägerwesen von Heer und Luftwaffe. Der Kommandeur des Streitkräfteunterstützungskommandos, dem Führungskommando der SKB, wurde nun oberster nationaler territorialer Befehlshaber.

Die Auflösung der verbliebenen Verteidigungsbezirkskommandos  wurde bis 2007 abgeschlossen. Mit ihnen verschwanden auch die unterstellten Heimatschutz- und Ersatzbataillone und die meisten Mobilmachungsstützpunkte. Es kam zu einer  Zentralisierung der territorialen Aufgaben bei den in den Bundesländern aufgestellten Landeskommandos und den vier Wehrbereichen I bis IV.

In den 70er Jahren war schon einmal eine teilstreitkräfteübergreifende Unterstützungsorganisation vom damaligen Generalinspekteur Wust erwogen worden. Damals überwogen wohl die taktische Bedenken und Teilstreitkräftegoismen gegenüber den wirtschaftlichen Vorteilen. Das ökonomische Prinzip der Konzentration und Zentralisierung von Mitteln verträgt sich nicht immer mit den militärischen Gesichtspunkten autonomer und redundanter Kapazitäten für das Gefecht. Das damalige Rationalisierungskonzept wurde angesichts geringerer Bedrohungsrisiken und noch knapperer Kassen nun wieder aufgegriffen. Künftig sollten Heer, Luftwaffe Marine und zentrale Dienststellen Teile ihre Unterstützungs- und Führungskräfte in der Streitkräftebasis bündeln.

Die Streitkräftebasis und der zentrale Sanitätsdienst wurden mit einem eigenen Inspekteur als vierte und fünfte Organisationssäule aufgebaut. Große Teile der Heereslogistik, Führungsverbände und zahlreiche Dienststellen mit Spezialaufgaben wurden vom Heer an die SKB  abgegeben. Die Sanitätstruppe ging fast komplett an den zentralen Sanitätsdienst. Lediglich die Luftlandetruppe behielt noch eine kleine eigene Sanitätskomponente. In dieser Darstellung werden diese beiden Organisationsbereiche dennoch als Bestandteile der Landstreitkräfte gemeinsam mit der Teilstreitkraft Heer in ihrer Fortentwicklung betrachtet.

Seit 2002 wurden alle Bundeswehreinsätze außerhalb des Heimatgebietes vom Einsatzführungskommando in Potsdam geführt. Seine Stationierung am Stabsstandort des aufgelösten IV. Korps in der Nähe von Berlin garantierte eine räumliche Nähe zur politischen Führung des Verteidigungsministeriums im „Bendler-Block“.

Oft kritisiert wurde die Auslagerung militärischer Aufgaben an zivilwirtschaftlich strukturierte Behörden oder Unternehmensgesellschaften für Immobilienaufgaben, Bundeswehrfuhrpark, Bekleidungsmanagement und Informationstechnik (Fernmeldewesen).

Das Heer verfügte um 2006 über eine Personalstärke von 103.000. Beim Vergleich mit früheren Strukturen muss man aber berücksichtigen, dass große Teile des Heeres ab 2002 in die beiden neuen Organisationsbereiche SKB (2006: 52.000) und zentralem Sanitätsdienst (2006: 18.000) ausgelagert worden waren. Die Gesamtstärke der Truppe umfasste 2004 vor der „Struck“-Reform 257.000. Die Zielstärke für 2010 lag laut Planungsstand der Transformation bei 285.000 Soldaten (Heer 133.500, Luftwaffe 51.000, SKB 51.900, Sanitätsdienst 26.600)mit einem Verteidigungsumfang von 505400. Diese Planung sah noch 80.000 Grundwehrdienstleistende und 2600 Wehrübungsplätze vor

"Nichts ist mehr so wie es war" war der Eindruck des rückschauenden Betrachters. Verglich man die 2001  geplante Struktur mit den Anfängen des Heeres, so ließ sich aber doch auch eine Konstante erkennen. Das in der Bundeswehr Ende der fünfziger Jahre erprobte und in der NATO  nachgeahmte Konzept der Brigade als Träger des Gefechts der verbundenen Waffen sollte auch künftig erhalten bleiben.
Die großen Korpsgefechtsübungen sind lange Vergangenheit,  aber gelegentlich üben Verbände in Brigadegröße in Anlehnung an die weiterhin genutzten großen Truppenübungsplätze ihre taktische Mobilität in Verlegeübungen auf dem öffentlichen Netz von Straßen und Nebenwegen.


Von der Transformation zu den verteidigungspolitischen Richtlinien – 2002 bis 2010
       >> Inhalt
In den Jahren 2003 / 2004 zeichnete sich ab, dass die von Verteidigungsminister Scharping verantwortete Bundeswehrplanung aus dem Jahre 2001 noch nicht das Ende der Umstrukturierungen und Reduzierungen bedeuten würde. Die ungünstigen ökonomischen Rahmenbedingungen  und die zur Daueraufgabe gewordenen Auslandseinsätze, wesentlich beschleunigt durch die Ereignisse um den 11.9.2001 in New York, veranlassten Verteidigungsminister Struck zu einer Revision. In den verteidigungspolitischen Richtlinien vom Mai 2003 vollzog sich eine grundlegende Schwerpunktänderung der Vorgaben für den Auftrag der Bundeswehr. Die Einsatzfähigkeit im Rahmen internationaler Militäraktionen hatte künftig Priorität. Landes- und Bündnisverteidigung wurden vom Risiko her als sehr gering eingestuft. Der etwas vage Begriff „Schutz Deutschlands und seiner Bürger“ ersetzte künftig die klassische Option Landesverteidigung, die man bei einer Verschlechterung der Gesamtlage in Europa in einem Zeitraum von 10 Jahren durch „Rekonstitution“ sicherzustellen können glaubte. Landesverteidigung wurde künftig primär als Fernhalten von Konflikten bzw. als Schutzauftrag für die Bürger in Deutschland und im Ausland gegenüber ungewissen Risiken verstanden und nicht als Abwehr eines massiven Angriffs auf deutsches Territorium. Die Einsatzwahrscheinlichkeit der internationalen Einsätze wurde nun für die Streitkräfteplanung höher bewertet als das ungleich höhere Schadensrisiko des weniger eintrittswahrscheinlichen  Szenarios einer Landes- /Bündnisverteidigung!

In den verteidigungspolitischen Richtlinien waren keine Verbände mehr für die ausschließliche Rolle der Landesverteidigung vorgesehen. Die gesamte Bundeswehr hatte vorrangig militärische Operationen im internationalen Rahmen zu gewährleisten, den Grundbetrieb der Streitkräfte in der Heimat zu organisieren und bei Bedarf auch Kräfte für den Schutz Deutschlands und seiner Bürger abzustellen. Damit waren in erster Linie Gegenmaßnahmen im Spektrum der „neuen Bedrohungen“ gemeint, die aber eine inhaltliche Konkretisierung vermissen ließen. Der Schutz bzw. die Evakuierung von deutschen Staatsangehörigen im Ausland konnte im Extremfall auch dazu gehören. Humanitäre Hilfsaktionen und Katastropheneinsätze blieben als Nebenaufgaben natürlich unbestritten.

Als Planungsgröße spielten  auch neue,  von den USA geprägte militärische Entwicklungen eine Rolle, die mit dem deutschen Begriff der „vernetzten Operationsführung“ ein Konzept des optimalen Einsatzes einer geringeren Zahl von Truppen unter Nutzung modernster Aufklärungs- und Führungsinformationsmittel beschrieben. Dabei mussten die Teilstreitkräfte noch stärker als bisher kooperieren und in einem einzigen Führungsverbund im Einsatz tätig werden. In den Planungspapieren wurde das Bild einer kleinen hochmodernen und flexiblen Truppe gefordert, die mit allen Bedrohungen Schritt halten sollte. Dabei verloren große Heeresformationen noch mehr von der Bedeutung, die sie früher mal gehabt hatten. Das Heer war in den Waffengattungen schon in der Struktur IV mit der Vernetzung von Waffensystemen mit der Führung und rechnergestützten Informationsverarbeitung voran geschritten (s. u.

Mit der Formel vom fähigkeitsorientierten Ansatz wurden die klassische Arbeitsteilung  und „Erbhöfe“ von Teilstreitkräften und Waffengattungen in Frage gestellt. Die Aufgaben der Bundeswehr wurden in zahlreichen Einzelheiten definiert, deren Verteilung grundsätzlich offen war und die der Bereich erfüllen sollte, der dazu am besten in der Lage war und nicht der, der schon immer dafür zuständig war.

Die Reformer hatte bei der Bundeswehr in den letzten 20 Jahren allzu oft war den Eindruck erwecken wollen,  dass die immer unbequemen Veränderungsmaßnahmen nur der Preis für eine bessere und damit auch stabilere Struktur sein würden. Stabilität war aber nun wirklich nicht das Merkmal der Strukturplanung der Streitkräfte und so bevorzugte die politische und militärische Führung für die künftigen Einschnitte und Umstrukturierungen nun den Begriff Transformation, der auf die Dauerhaftigkeit des Wandels hinwies.

Es wurde in der Planung des „Neuen Heeres“ von 2004 ein teilstreitkräfteübergreifendes Gesamtkonzept angestrebt, bei dem die Teilstreitkräfte zwar erhalten blieben,  im Einsatz aber gemeinsam geführt werden sollen. Alle Teilstreitkräfte wurden drei Kategorien zugeordnet: Eingreifkräfte, Stabilisierungskräfte und Unterstützungskräfte.

Die Eingreifkräfte sollten über einen kurzen Zeitraum im Rahmen von multinationalen Aktionen an intensiven Kampfhandlungen zur schnellen Erzwingung einer Entscheidung gegenüber einem massiv auftretenden Gegner befähigt sein. Der Kosovokrieg oder der jüngste Irakkrieg mögen als Beispiele solcher Szenarien gedient haben, auch wenn der letztere nicht den Vorgaben der deutschen Politik entsprach. Das „Neue Heer“  sollte mit 20.500 Soldaten zu den Eingreifkräften beitragen.

Die den Alltag der Streitkräfte prägenden andauernden Friedenseinsätze hatten zum Konzept der Stabilisierungskräfte geführt, die auf lange und durchhaltefähige Präsenz im Einsatzraum angelegt sein sollten, bei denen hingegen die Wahrscheinlichkeit intensiver Kampfhandlungen geringer war. Hier wurden eher leichte Kräfte benötigt, vielleicht mit einer kleineren schweren Komponente zur unmittelbaren Reaktion auf eine unerwartete Eskalation eines Friedenseinsatzes. Hierfür wurden beim Heer zahlenmäßig stärkere Kräfte in Höhe von 36.500 Soldaten und Soldatinnen eingeplant.

Die Unterstützungskräfte stellten Führung und Versorgung der Kräfte im Einsatz und den Grundbetrieb in der Heimat mit seiner umfangreichen Palette von Führung, Logistik und Ausbildung sicher. Das Heer war hier mit 26.527 Angehörigen beteiligt.

Mit dem neuen Stationierungskonzept vom November 2004 wurden die Konsequenzen dieses durchgreifenden Kurswechsels in der Öffentlichkeit wahrgenommen, die allerdings primär den Verlust zahlreicher Standorte beklagte und die militärische Neuorientierung weitgehend übersah. Für das „Neue Heer“ bedeutete es die Halbierung seiner Kampftruppen und eine noch weiter gehende Verlagerung von Aufgaben der Führungsunterstützung und Logistik in die Streitkräftebasis. Bei der Stationierung war das Bemühen festzustellen, Truppen mit gleicher Rolle relativ nahe beieinander in der Nähe der für die Ausbildung und Einsätze notwendigen Infrastruktur (z.B. Truppenübungsplätze)  unterzubringen.

Künftig sollte es nur noch eine reguläre Kampfdivision geben (s. Anhang). Die 1.Panzerdivision (Hannover) führte die Eingreifkräfte mit zwei Kampfbrigaden (Nr.9, Nr. 21) und erhielt aus der Substanz des wieder  aufgelösten Heerestruppenkommandos eine breite Palette von Divisionstruppen zur Kampfunterstützung mit je einem Pionier-, Artillerie und Heeresflugabwehrregiment und Bataillonen für Aufklärung, ABC-Abwehr und Logistik. Die Division war  in Niedersachsen, Ostwestfalen und Nordthüringen präsent war, ihr sollten  aber auch die deutschen Teile der Brigade D/F in Baden-Württemberg zugeordnet werden. Diese Brigade war als Ergänzung sinnvoll, wenn die 1.Panzerdivision in einem Kampfeinsatz auch auf leichte Kräfte zurückgreifen muss. Die Divisionstruppen der 1.Panzerdivision hatten  wieder einen Umfang, den sie in den Strukturen vor 1990 mit Artillerie, Pionieren, Aufklärung, ABC-Abwehr, Flugabwehr und Logistik gehabt hatten und die eine autarke Operationsführung in allen Lagen gewährleistete.

Die Heeresstruktur in der Planung von 2004 differenzierte bei internationalen Einsätzen zwischen Eingreifkräften, die sich auf das gesamte Gefechtsspektrum einzustellen hatten, und Stabilisierungskräften, die sich auf länger dauernde Friedensoperationen einzustellen hatten, bei denen das intensive Gefecht von geringerer Wahrscheinlichkeit schien.. Die 10. Panzerdivision und 13. Panzergrenadierdivision führten vier Brigaden für Stabilisierungsoperationen (Nr. 12, 23, 37, 41). Zwei Divisionsstäbe führten eine luftmobile Brigade (drei Heeresfliegerregimenter, ein luftbewegliches Infanterieregiment), Heerestruppen in Brigadeformation (ABC-Abwehr, Artillerie) und zwei Luftlandebrigaden und Spezialkräfte.

Zu diesen „Eingreifkräften“, die den deutschen Beitrag  bei einem „Gefecht hoher Intensität“(Krieg!!) stellen konnten, traten dann auch Kräfte der luftmechanisierten Brigade (Stab Fritzlar) mit Kampfhubschraubern und einem luftbeweglichen Infanterieregiment, das mit den Hubschraubern zusammen operieren kann und dem Gefecht eine neue Dimension von Mobilität geben soll. Diese Brigade unterstand zusammen mit den Transportkräften der Heeresflieger weiterhin der Division Luftbewegliche Operationen, die als aktiver einsatzbereiter Divisionsstab für eine Reihe von Aufgaben zur Verfügung stand. Das konnte auch die Koordination von Katastropheneinsätzen sein.

Während die schweren gepanzerten Kampftruppen einen starken Einschnitt erlebten, ohne dass man ihre Berechtigung in bestimmten „harten“ Konflikt- und Gefechtslagen grundsätzlich in Frage stellte, blieb die Luftlandetruppe ohne Abstriche mit vier Fallschirmbataillonen in zwei Brigaden (26,31), den dazugehörigen Unterstützungskräften und dem Kommando Spezialkräfte erhalten unter der Führung der Division Spezielle Operationen. Ihre Existenz wurde nicht nur mit ihren klassischen Möglichkeiten bei schnellen mobilen Einsätzen und kommandoartigen Unternehmen begründet, sondern auch mit ihrer neuen Aufgabe bei der Sicherung der eigenen Truppe in allen Einsatzgebieten durch Kontrolle großer Räume. Die bisher beschriebenen Truppen waren zu einem großen Teil den Eingreifkräften zugeordnet, die zu Kampfeinsätzen auf allen Stufen befähigt sein sollten.

Für seit 2001 vordringlichste Aufgabe der Bundeswehr, der Beteiligung an Friedenseinsätzen, standen die übrigen Teile des künftigen Heeres unter dem Oberbegriff „Stabilisierungskräfte“ zur Verfügung. Das waren vier Brigaden (12, 23, 37,41) im Süden und Osten Deutschlands, die unter der truppendienstlichen Führung von zwei Divisionsstäben (10.Panzerdivision, 13.Panzergrenadierdivion) standen. Dass dazu auch die um nur ein Gebirgsbataillon in Schneeberg(Sachsen) und Artillerie reduzierte Gebirgsbrigade gehörte, unterstrich die Schwerpunktverlagerung zu leichten Kräften.

Die anderen drei Brigaden bestanden allerdings aus Panzer- und Panzergrenadierbataillonen, die den Friedenstruppen Schutz und Durchsetzungsvermögen in kritischen Lagen geben sollten. Diese Brigaden verfügen über kein Artilleriebataillon mehr, haben dafür aber ein eigenes Pionierbataillon, das in Gebieten mit schwacher oder zerstörter Infrastruktur wichtige Unterstützung leisten konnte. Dazu kam auch ein eigenes Aufklärungsbataillon, das klassische Spähkräfte und technische Aufklärungsmittel zur Überwachung der Einsatzräume zur Verfügung hatte.  Damit die vier Brigaden der Stabilisierungskräfte im Falle einer Eskalation auf Artillerie, ABC-und Flugabwehrkräfte zurückgreifen konnten, gehört im Südwesten Deutschlands unter Führung der DLO eine Heerestruppenbrigade mit einem gemischten Artillerieregiment, ein ABC-Abwehrregiment und einem Panzerflugabwehrbataillon zum Rahmen des künftigen Heeres.

Alle Brigaden der Eingreif- und Stabilisierungskräfte verfügten über ein eigenes Führungsunterstützungsbataillon für Fernmelde- und Stabsaufgaben und ein Logistikbataillon. Oberhalb der Brigadeebene wurde die Logistik endgültig in die Streitkräftebasis verlagern und die verbleibende Substanz der beiden bisherigen Logistikbrigaden dort angesiedelt. Die teilstreitkraftübergreifende Operationsführung wurde damit auch in der Logistik konsequent zu Ende geführt. Der in Ulm bestehende Korpsstab wurde als teilstreitkraftübergreifender Führungsstab (Kommando operative Führung Eingreifkräfte) ausgebaut.

Das „Neue Heer“ sollte damit sicher  nicht mehr so sehr  als truppenstarker Kern einer NATO-Landmacht in Europa in Erscheinung treten. Mit dem Beitritt weiterer Mitglieder ist das Bild einer Vielfalt von Kontingenten entstanden, welche die Allianz heute prägen.

Augenfällig war der Wandel in der Ausrüstungsplanung, die bei den Kampfpanzern auf einen Bestand von 350 Exemplaren zurückgeführt wurde. In den laufenden Beschaffungen dominierten leichte Schutzfahrzeuge, die auf die aktuellen Erfordernisse in den Friedenseinsätzen zugeschnitten waren. Kritische Kommentatoren fragten allerdings,  ob sie im Falle einer Eskalation zu einem schweren Gefecht noch verwendbar sein würden. Für intensivere Gefechtshandlungen blieben allerdings der neue Schützenpanzer „Puma“ und der Transportpanzer „Boxer“ in der Planung.  Ähnliches galt auch für den Kampfhubschrauber „Tiger“.  Einen hohen Stellenwert eines teilstreitkraftübergreifenden Konzepts hatten natürlich auch Führungsinformations- und Aufklärungssysteme.

Die Heeresaufklärungskräfte umfassten künftig die Kräfte der klassischen Erdaufklärung (Aufklärungspanzer Fennek), mit technischen Aufklärungsmitteln (Drohnen, Radar) und Feldnachrichtenkräften. Die Artillerieaufklärung mit Drohnen und Radargeräten wurde wieder in Batteriestärke in die verbleibenden sechs schießenden Verbände integriert.

Die Wehrpflicht sollte im Rahmen des neuen Konzepts in modifizierter Form weiter zur Bestandserhaltung der Streitkräfte beitragen. Es wurden nur noch ausgewählte Wehrpflichtige in Stärke von ca. 55.000 Bürgern in Uniform nach dem Bedarf der Streitkräfte einberufen. Sie vor allem im Bereich der Unterstützungskräfte in der Heimat eine Funktion finden. Sie dienten in der Streitkräftebasis und innerhalb des Heeres in Funktionsposten von Stäben, bei der Versorgung und in eigenen Einsatzunterstützungskompanien der Bataillone, um diese im Friedensbetrieb zu unterstützen. In den Auslandseinsatz gingen die Wehrpflichtigen ohne freiwillige Dienstzeitverlängerung nicht.  Alle Soldaten (auch die Wehrpflichtigen)  sollen von Anfang an gezielt für die neuen Aufträge ausgebildet werden und die Möglichkeit eines freiwilligen Einsatzes der regulären W9-Dienenden war auch schon von offizieller Seite zur Diskussion gestellt worden. Primär war natürlich an die Nutzung des Potenzials freiwillig länger dienender Wehrpflichtiger gedacht, die für das gesamte Einsatzspektrum zur Verfügung standen.

Als Zielgröße für 2010 wurde eine aktive Bundeswehrsstärke von 252.000 genannt. Der Verteidigungsumfang wurde nur noch als eine flexible Größe betrachtet, die bei Bedarf auch die 1990 fixierte Friedensstärke von 370.000 übersteigen könnte.

Ein zentrales Merkmal des deutschen Heeres, die Aufwuchsfähigkeit im Falle einer elementaren Bedrohung des Bündnisses, würde es nicht mehr geben. Die meisten nicht aktiven Einheiten wurden bis 2008  aufgelöst, wenn sie keine Unterstützungsfunktion im Rahmen der neuen Aufträge hatten. So gab es auch keine Heimatschutzbataillone in der SKB mehr. Vorsorge für den Fall einer für wenig wahrscheinlich eingeschätzten wiederauflebenden umfassenden Bedrohung in Europa sollte im Rahmen eines inhaltlich unklaren Konzepts zu Rekonstitution getroffen werden. Die Bundeswehr soll demzufolge weiter befähigt bleiben, nach längerer Vorbereitung wieder Verteidigungsstrukturen für die Landes- und Bündnisverteidigung einzunehmen.

Im Jahr 2008 hatte man im Heer allerdings wieder mit der Aufstellung von  Ergänzungstruppenteilen begonnen, die mit Reservisten  bemannt, die Durchhaltefähigkeit verbessern sollen. Zu diesen nicht aktiven Bataillonen und Kompanien mit Nummern der 900er-Gruppe sollten Pionier-, ABC-Abwehr-, Aufklärungs- und Panzergrenadierbataillone gehören.

Die Nutzung des Reservistenpotentials zielte wie die Wehrpflicht auf die Unterstützung der Bundeswehr im Rahmen ihrer Einsatzstruktur und die Erhaltung eine Personalbasis für den Fall einer Rekonstitution. Reservisten wurden benötigt als Spezialisten für laufende Aufträge, ergänzten Personal von Einheiten im Einsatz oder füllten Personallücken in der Heimat.

Offen blieb, welche nichtaktiven  militärischen Formationen weiterhin für erforderlich gehalten wurden, um im Falle einer Eskalation eines Friedenseinsatzes oder auch einer Bedrohungslage und Katastrophenlage in Deutschland reagieren zu können. Hier bedarf es einer politischen und juristischen Klärung wie die Streitkräfte angesichts asymmetrischer Bedrohungen auch im Inneren zum Einsatz kommen, wenn die Grenzen von innerer und äußerer Sicherheit verschwimmen.

Für die internationalen Einsätze galt das Prinzip einer Vernetzung militärischer Schutz- und ziviler Aufbaukräfte in einem vernetzten Ansatz (comprehensive approach). Der Einsatz in Afghanistan ab 2002 lieferte hier die Blaupause. Obwohl immer wieder vor eine „Afghanistan“-Armee gewarnt wurde, setzte diese Operation neue Maßstäbe für eine Armee im Einsatz, der dann seit Minister Guttenberg auch Krieg genannt werden durfte.

Die Neuausrichtung ab 2011
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Die Aussetzung der Wehrpflicht unter Minister Guttenberg (CSU), die damit verbundene Herabsetzung der Aktivstärke auf maximal 185.000 Soldatinnen und Soldaten  und die Notwendigkeit einer größeren Effizienz der Strukturen führten zu erneuten Strukturentscheidungen im Jahr 2011 in der Verantwortung von Minister de Maizière.
In der Neuausrichtung bekam das Heer wieder einen einheitlichen Entwurf, weil man sich von Aufgabendifferenzierungen nach Art des „Heeres für neue Aufgaben“ (HVK,KRK) oder „Neuen Heeres“ (Eingreifkräfte, Stabilisierungskräfte) verabschiedete.

Hier galt es vor allem, die Führungsstrukturen zu straffen und vorhandenen Fähigkeiten in zentralen Kommandos zu bündeln und nicht mehr über die Fläche verteilte regionale Führungsstäbe zu unterhalten. So entfielen die vier Wehrbereichsstäbe. Die territorialen Aufgaben konzentrierten sich bei den schon in der Vorstruktur aufgestellten Landeskommandos und dem neuen Kommando territoriale Aufgaben in Berlin. Für die Führung der Truppen der Streitkräftebasis wurden zentrale Fähigkeitskommandos für Führungsunterstützung, Logistik, strategische Aufklärung, Feldjägerwesen und ABC-Abwehr gebildet.
Wenn man die noch relativ hohe Zahl von Stäben für Unterstützungsaufgaben im Bereich von Heer, Sanitätsdienst und Streitkräftebasis in den fast zwei Jahrzehnten des Übergangs nach 1990 betrachtet (s.o.), so sank die Zahl dieser Kommandos ohne operativ-taktische Aufgaben gegenüber der „Scharping“-Reform mit 19 und der „Struck“-Reform mit noch 13 jetzt auf 9 Fähigkeitskommandos bei den Landstreitkräften, die allerdings meist mit Besetzung durch Zweisterne-Generäle höher dotiert waren.

Die bisherige Doppelspitze der klassischen Teilstreitkräfte mit einem Führungsstab im Ministerium und einem Führungskommando wurden durch einheitliche Kommandos der Teilstreitkräfte unterhalb des BMVg  an verschiedenen Standorten in räumlicher Nähe zu Berlin überwunden. Das Heereskommando sollte künftig von Strausberg aus führen.

Kern des Heeres sind acht verstärkte Brigaden, die hinreichend mit Führungsmitteln und eigener Logistik ausgestattet sind und ihre Führungsfähigkeit auch bei territorialen Katastropheneinsätzen zur Verfügung stellen können. Schon in der Vorstruktur  hatten sie ein eigenes Aufklärungs- und ein Pionierbataillon erhalten. Zwei Divisionsstäbe verbleiben noch für die Führung der Brigaden. Da nur die Brigade D/F über ein eigenes Artilleriebataillon führt, musste man die restlichen drei Artilleriebataillone, ein teilaktives Pionierbataillon für amphibische Aufgaben und ein nicht aktives Pionierbataillon auf Divisionsebene „poolen“.  Eine dritte Division führt als Division schnelle Kräfte (DSK) die verbliebenen drei  Heeresflieger-  und zwei Fallschirmjägerregimenter für luftmobile Einsätze und das Kommando für Spezialkräfte. Im Augenblick findet eine noch stärkere Verzahnung mit den niederländischen Streitkräften statt (s.u.).

Die Panzerbrigade 21 in Augustdorf bildet zusammen mit der Panzerlehrbrigade 9 in Munster und der Panzergrenadierbrigade 41 in Neubrandenburg die 1. Panzerdivision  (Hannover, künftig Oldenburg). In der Südhälfte Deutschlands führt die 10. Panzerdivision (Veitshöchheim ) die Panzerbrigade 12 (Cham), Panzergrenadierbrigade 37 (Frankenberg) und Gebirgsbrigade 23 (Bad Reichenhall). Dazu treten als Sonderformation noch die Luftlandebrigade 1 (Saarlouis)  mit den Fallschirmjägerregimentern 31 und 26 in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz und der deutsche Anteil der deutsch-französischen Brigade in Baden-Württemberg und Ostfrankreich. Dies bleibt von einst 42 aktiven Brigadeverbänden im Feldheer und Territorialheer vor 1992.

Alle Planungen unterliegen letztlich den Vorgaben des Haushaltes, dessen Ressourcen immer enger werden. Das finanzielle Machbare bestimmt die Planung letztlich stärker als die Analyse des für die Sicherheitsfürsorge politisch und militärisch Notwendigen. Die laufenden Großprojekte werden in nicht unerheblichem Maße von der Luftwaffe und Marine beansprucht, die in das globale Einsatzspektrum natürlich gut einzuordnen sind. Dennoch bleibt der Umstand, dass auch das reduzierte Heer die Hauptlast der Einsätze vor Ort in schwierigem Umfeld zu leisten hat.

In vielen Bereichen der Streitkräfte ersetzen zentralisierte Organisationskörper die in der Fläche verteilten Strukturen. Die in den vergangenen Strukturen zu beobachtende Verzettelung in immer neuen kurzlebigen Formationen soll ein Ende finden. Die höhere taktische und operative Führung kann durch die NATO-Korps in Münster, Straßburg oder Stettin oder durch das mobile Hauptquartier zur operativen Führung der Eingreifkräfte in Ulm erfolgen.

Bei den Einsatztruppenteilen ist man mit den Reduzierungen mittlerweile an Untergrenzen gelangt. Es verbleiben im Heer noch je vier aktive Panzer- und Artilleriebataillone!  Mit der Heeresflugabwehr ist eine ganze Waffengattung verschwunden.  Allerdings werden auch drei aktive neue Jägertruppenteile aufgestellt und die Panzergrenadiertruppe wird mit neun aktiven Bataillonen nicht weiter angetastet.  Während die Führungsstrukturen gestrafft und ausgedünnt werden, erfahren die Bataillone eine Stärkung für selbstständigen Einsatz. Jedes der vier Artilleriebataillone verfügt über das komplette Spektrum artilleristischer Waffensysteme (Panzerhaubitze 2000, Mehrfachraketenwerfer, z.T. Mörser) und Aufklärungsmittel (Drohnen, Radar). Der Lehrkommandeur der Artillerie verglich 2015 die Feuerkraft dieser vier Bataillone mit dem Potential von 12 Artilleriebataillonen klassischer Prägung.

Bei den Logistikbataillonen der Brigaden sind schon auf Kompanieebene Kräfte für Nachschub, Transport und Instandsetzung integriert. Jedes der beiden Fallschirmregimenter vereint Fallschirmjäger und alle luftbeweglichen  Unterstützungswaffen. Sie verfügen auch als einzige Heeresteile über eine eigene Sanitätskompanie.

Die von Minister de Maizière angestrebte Straffung des Führungsapparates führte auch zur Auflösung des ältesten Organisationskörpers des Heeres, dem Kölner Heeresamt (s.o. Kapitel Heeresstruktur III). Hier hatte es schon vorher Aufgabenverlagerungen in die Streitkräftebasis gegeben. Die verbleibenden konzeptionellen Aufgaben werden nun vom  Amt für Heeresentwicklung am alten Standort wahrgenommen.

Die Verantwortung für die Ausbildung liegt jetzt beim  Ausbildungskommando des Heeres in Leipzig. Es führt die Schulen, die im Verantwortungsbereich des Heeres verblieben sind und nicht einem der Fähigkeitskommandos der Streitkräftebasis unterstehen. Dies sind das Ausbildungszentrum Munster (gepanzerte Truppen) mit weiteren Ausbildungsbereichen in Idar-Oberstein (indirektes Feuer) und dem Ausbildungsstützpunkt Tarnen/Täuschen in Storkow, das Ausbildungszentrum Infanterie (Hammelburg) mit Stützpunkten in Mittenwald (Gebirgs-/Winterkampf), Schongau (Luftlande), Brück (Orts-/Waldkampf), das Ausbildungszentrum Pioniere (Ingolstadt), das Ausbildungszentrum Technik Landsysteme (Aachen), das internationale Hubschrauberausbildungszentrum (Bückeburg) und das Ausbildungszentrum spezielle Operationen (Pfullendorf). Dem Ausbildungskommando unterstehen die Offiziersschule des Heeres in Dresden und Unteroffizierschule in Delitzsch. Zwei Offiziersanwärter- und drei Feldwebel/Unteroffiziersanwärterbataillone an den Standorten Munster, Hammelburg, Sondershausen, Celle und Schongau  sind den genannten  Ausbildungszentren zugeordnet. Weiterhin existieren unter dem Dach des Ausbildungskommandos das Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Letzlinger Heide, das Gefechtssimulationszentrum Wildflecken, das UN-Ausbildungszentrum Hammelburg und das Ausbildungs-/Übungszentrum für Luftbeweglichkeit in Celle.

Die Zahlen für Mitte 2016 weisen für das Heer nur noch 58.990, die SKB noch 41.000 und den Sanitätsdienst noch 19.550 aktive Uniformträger aus. Die Bundeswehr war ein halbes Jahrzehnt nach Aussetzung der Wehrpflicht auf eine Stärke von 176.105 gesunken, davon waren 9492 freiwillige Wehrdienstleistende.  Über den tatsächlichen Mobilmachungsumfang wird man kaum noch realistische Zahlen finden,  da viele Stellen für Reservedienstleistende nicht besetzt werden können. Mit dem Übergang zum Prinzip der Freiwilligkeit von Wehrübungen in den Reformen nach 2000 entfiel eine wichtige Grundlage für einen planbaren Aufwuchs durch verpflichtende Mobilmachungsbeorderungen und Pflichtwehrübungen.


Die Soll-Zahlen nennen für den Reservistendienst der Bundeswehr für das Jahr 2014 insgesamt 63.664 Stellen, die sich etwa zur Hälfte auf Personal- und Verstärkungsreserve verteilen. Nur in der Verstärkungsreserve finden sich Dienstposten, mit denen der Einsatzumfang der aktiven Bundeswehr aufgestockt werden kann. Für das Heer ist die Verstärkungsreserve mit 8000 Dienstposten angesetzt (zum Vergleich SKB 17.650, Sanitätsdienst 2.500). Darunter befinden sich aber vorwiegend Ergänzungstruppenteile Typ 2 (s.u.) ohne eigenes Gerät, die nur zur personellen Durchhaltefähigkeit der bestehenden Verbände beitragen.  Die Heeresführung hatte schon vor 2011 mit der Aufstellung von Ergänzungstruppenteile in Bataillons- und Kompaniestärke begonnen. Die Planung wurde in der Neuausrichtung leicht modifiziert, zum Beispiel wurden die Ergänzungsbataillone der Heersaufklärung wieder aufgelöst.

Die Verstärkungsreserve im Heer umfasst in der Neuausrichtung  6500 Dienstposten in Ergänzungstruppenteilen und 1500 in aktiven Einheiten. Dazu kommt noch eine Personalreserve von 8000 „Spiegeldienstposten“, in denen beorderte Reservisten aktive Soldaten zeitweise ersetzen können (z.B. als Vertretung in der Heimat bei Auslandseinsätzen). Die Planungszahlen für die Verstärkungs- und Personalreserve bei der SKB lauten 17.500 bzw. 5500 und beim zentralen Sanitätsdienst 2500 bzw. 7500. Für die gesamte Bundeswehr werden 31.450 Dienstposten für die Verstärkungsreserve und 32210 für die Personalreserve genannt.  Diese Zahlen sagen nichts darüber aus, ob das Personal auch wirklich vorhanden ist. Teilweise sind sie nur knapp zur Hälfte besetzt.  Das Prinzip der Freiwilligkeit des Reservistendienstes und Lücken zwischen Bedarf und Qualifikation setzen bei der Personalgewinnung Grenzen. Immer schon war das Heer damit konfrontiert, dass die Ausbildungs- und Tätigkeitsnachweise aus dem aktiven nicht dem Bedarf des Reservistendienstes entsprachen. In früheren Strukturen gab es deutlich mehr ausgebildete Panzersoldaten, Fernmelder und Artilleristen, während die Reservetruppenteile vor allem Infanteristen für den Heimatschutz und Sanitätssoldaten für die Lazarettorganisation benötigten. Dementsprechend mussten und müssen Nachqualifikationen im Reservistendienst erworben werden.

Das Heer verfügt heute nur über wenige Aufwuchskräfte, die den Einsatz- und Fähigkeitsumfang ausweiten. Das sind die 30 RSU-Kompanien, (insgesamt ca. 4000 Reservisten), zwei Unterstützungsbataillone (Einsatz) der Divisionen,  je ein teilaktives Panzer- und Pionierbataillon und die Verbindungsorganisation mit 31 Bezirks-  und 404 Kreisverbindungskommandos.  Die Masse der in Gliederungsbildern erscheinenden Reserveformationen sind Personalersatzeinheiten ohne Gerät, auch wenn sie in ihrer Bezeichnung die Zugehörigkeit zu ihrer Waffengattung dokumentieren.

In den Jahren seit der Strukturentscheidung zur Neuausrichtung der Bundeswehr häuften sich die Meldungen über Defizite bei der Einsatzbereitschaft, Ausrüstung, Rüstungsplanung und Personalplanung. Die internationale Lage hat sich durch einen Richtungswechsel der russischen Politik, den internationalen Terrorismus und die Verschärfung der Konflikte im Krisenbogen um Europa verschlechtert. In einigen Punkten wurden und werden im Augenblick Entscheidungen der Vergangenheit neu überdacht. Die durch die ungünstige Entwicklung im Osten entstandene Lageveränderung wird zur geplanten Aufstockung der Untergrenze bei der Panzertruppe von 225 auf ca. 320 LEOPARD II mit Aktivstellung des Ergänzungstruppenteils Panzerbataillon 414 als Panzerbataillon (D/NL) in Loheide (Bergen) führen. Zum Teil musste man dabei auf Leo2-Bestände der aufgelösten niederländischen Panzertruppe zurückgreifen.


Die entstandene Lücke bei den Reserveeinheiten für Heimatschutzaufgaben sollte mit ca. 30 neuen Reservisteneinheiten in Kompaniestärke von etwa 100 Mann (Regionale Sicherungs- und Unterstützungs-Kräfte RSU) wieder etwas kompensiert werden. Die 1. und 10. Panzerdivision führen als Reserveverband ein Einsatz- /Unterstützungsbataillon, das auch Aufgaben des Heimatschutzes übernehmen kann. Die RSU-Kräfte , die territoriale Verbindungsorganisation (31 BVK, 404 KVK) und ZMZ-Stützpunkte bilden eine Territorialreserve von ca. 8000 Dienstposten, die in den o.g. Zahlen der SKB inbegriffen sind.

 Ministerin von der Leyen will sich vom Prinzip starrer Personalobergrenzen lösen und strebt eine personelle Aufstockung der Truppe an. Man spricht vom“ atmenden Personalkörper“, der sich an die aktuelle Lage anpasst. Dies ist an sich nicht neu. Das Auf und Ab der Stärkezahlen der Bundeswehr seit dem Abschluss der Aufstellungsphase um 1966 bis zum kontinuierlichen Abbau nach 1992 spiegeln die Atemzüge wechselnder Entwicklungen im Kräftefeld von Politik und Ressourcen.

Strukturentscheidungen hängen auch von der Material- und Finanzlage einiger Rüstungsvorhaben ab. So mussten die Zahlen der NH 90-Hubschrauber, Kampfhubschrauber „Tiger“ und Schützenpanzer „Puma“ beständig nach unten korrigiert werden.

Von einer Vollausstattung aller Einheiten hat man sich durch das umstrittene Prinzip des „dynamischen Verfügbarkeitsmanagements“ verabschiedet. Die Beeinträchtigung der Einsatzbereitschaft durch geringere Stückzahlen, fehlende Ersatzteile und geringe Klarstände bestimmt im Augenblick die Tagesordnung und es wird noch manche Schritte zur Nachsteuerung der bisherigen Entscheidungen zum Umbau geben. Die Anhebung der bisherigen Obergrenzen von Waffensystemen wird sich sicher nicht nur auf die Panzertruppe beschränken können.

Mit dem NATO-Gipfel von Warschau und dem Weißbuch 2016 zeichnet sich wieder eine stärkere Priorisierung der Landes- und Bündnisverteidigung ab. Die Konzeption der Bundeswehr wird noch einmal überarbeitet werden. Es gibt manche neue Herausforderung, die frühere Planer noch nicht im Blick haben konnten, wie die von Russland in der Ukraine vorgeführte hybride Kriegführung mit einer breiten Palette von Aggression und Subversion auf vielen Ebenen und Schauplätzen oder die kaum zu lokalisierenden Attacken auf die für Staat und Gesellschaft unverzichtbaren Dateninformationssysteme. Es wird somit kein Zurück zu den gepanzerten Divisionen der Vergangenheit geben. Gefordert ist ein vielfältiger Mix von alten und neuen Fähigkeiten, die nur in Kooperation der Allianzpartner gemeinsam bereit gestellt werden können. Gemeinsam nutzen Allianzpartner die Ausbildungseinrichtungen wie die Internationale Hubschrauberschule in Bückeburg, die Artillerieausbildung des Ausbildungszentrums Munster, das Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Letzlinger Heide oder UN-Ausbildungszentrum in Hammelburg, um nur einige zu nennen.

Die immer enger geflochtenen Bindungen der deutschen und niederländischen Streitkräfte sind hier beispielgebend. Die niederländische Panzergrenadierbrigade 43 untersteht künftig der 1. Deutschen Panzerdivision und die niederländische luftbewegliche Brigade 11 der neuen Division schnelle Kräfte. Umgekehrt soll das oben genannte in Bergen aktiv gestellte Panzerbataillon 414 unter Einschluss einer niederländischen Panzerkompanie der niederländischen Brigade 43 unterstehen.

Der Wandel im Heer wird nicht zum Stillstand kommen und auf der Tagesordnung bleiben!

Das Heer im 21. Jahrhundert – Herausforderungen und Entwicklungstrends
                                            >> Inhalt
Jüngere Leser dieser Darstellung werden über weite Passagen einer Bundeswehr begegnet sein, die sie so aus ihrer eigenen Anschauung gar nicht mehr wahrnehmen und erfahren konnten.
An die Stelle von Großformationen für den Verteidigungsfall bildet das Heer in sehr viel kleinerem Format zusammen mit SKB, Luftwaffe, Marine und dem Sanitätsdienst jetzt „Pakete“ für eine Vielzahl von großen und kleinen über den Globus  verteilten mulitnationalen Einsätzen. Vom „Einsatz her denken“! gilt als Motto für Ausbildung, Strukturierung, Ausstattung und Versorgung der militärischen Einheiten. Es hat die alte Devise „Der Friede ist der Ernstfall“ schon lange abgelöst.

Neben der Ausbildung und Entsendung von Einsatzkontingenten in Krisen- und auch Kriegsgebiete,  deren Mandate der Bundestag zu verantworten hat, gibt es zahlreiche nicht mandatierte militärische Aktivitäten unter dem Dach der NATO, EU oder nationalen Führung,  bei denen die Ausbildung für mögliche Einsätze und Bereitschaftsverpflichtungen im Vordergrund steht. Das Heer hat neben den Einsatzkontingenten  auch Bereitschaftskontingente für die NATO Response Force, die EU-Battle-Groups und neuerdings die „Speerspitze“ (Very Fast Joint Task Force) für Osteuropa abzustellen, auszubilden, zu zertifizieren und zur Verfügung zu halten, so dass deren Gerät nicht für die Ausbildung und die aktuellen Einsatzgebiete zur Verfügung steht. Gerade bei der „Rückversicherung“ der osteuropäischen Partner hat Deutschland sich trotz aller Diplomatie gegenüber Russland sehr engagiert. Dazu kommt der alltägliche Grundbetrieb einer großen Militärorganisation (>>Aufgaben und vorzuhaltende Fähigkeiten der Bundeswehr    http://bw-duelmen.de/data/documents/Faehigkeitsprofil-Bw-mit-Titel.pdf ).

In den Einsätzen des Heeres in Krisengebieten überwiegen im Vergleich zu den früheren großen Manöverformationen kleinere modular gemischte Bataillonsgruppen, die über ein Vielzahl von Komponenten aufweisen und bei denen das „Gefecht der verbundenen Waffen“ in gewissem Sinne von der Brigadeebene zur Führungsleiste Bataillon verschoben worden ist .
(>> Mustergliederung Bataillon im Friedenseinsatz). Auch auf diesem Niveau können die anderen Teilstreitkräfte bereits beteiligt sein. Das mag hinsichtlich des Sanitätsdienstes und der SKB als normal empfunden werden, weil diese ohnehin früher zum Heer gehört hatten und originär als Landstreitkräfte empfunden werden. Im Sinne des Prinzips „Joint“ ist aber jetzt oft auch die Luftwaffe vor Ort auf unteren Ebenen beteiligt und gemeinsame Vorhaben mit der Marine sind bei Einsatzübungen in der NATO normal. Alle Einsätze sind in einen multinationalen Rahmen eingebunden, bei denen Truppen aus der NATO, EU aber auch von anderen internationalen ad-hoc-Partnern  im Rahmen eines gemeinsamen Mandats unter einer gemeinsamen Führung zusammenwirken.  Die Zeiten, in der ab Korps abwärts in der Regel nationale Führung über nationale Truppen bestimmte, sind lange vorbei.

In zunehmendem Maße wird aber in den letzten Jahren auch wieder der Einsatz von Brigade- und Divisionsverbänden in der Ausbildung berücksichtigt. Hier muss der Erfahrungsverlust nach dem Ende der Großmanöver in den achtziger Jahren wieder aufgeholt werden. Militärische Aktivitäten im Heimatland vollziehen sich weitgehend auf den Übungsarealen der großen Truppenübungsplätze, in den Liegenschaften von Standorten und Schuleinrichtungen und auf Standortübungsplätzen. Simulationstechniken zur Ausbildung an Waffen aller Größenordnungen und zur Ausbildung von Führern aller Ebenen haben über die Standorte verstreut oder in Zentren gebündelt Einzug gehalten.  Simulationstechnik ist in einigen Zentren wie in Hammelburg oder beim Gefechtsübungszentrum Heer in der Letzlinger Heide bei Gardelegen das ganze Jahr über im Einsatz und ermöglicht eine hohe Intensität an Ausbildung, ohne dass die Öffentlichkeit es hört oder sieht.  Das Militär verschwindet damit noch mehr aus dem Straßenbild, zumal viele Fahrzeuge des Fuhrparkservice auch gar keine militärtypischen Grünlackierungen mehr tragen.

Die Struktur des Heeres in der Neuausrichtung weist ein übersichtlich strukturiertes Dispositiv zur  Sicherstellung seines Hauptauftrages der „Befähigung zum Kampf“ unter allen Voraussetzungen auf, die sich auf eine gleichermaßen gestraffte effiziente Unterstützungsorganisation in der Streitkräftebasis und dem Sanitätsdienst verlassen kann. >> (Heeresplanung 2011 
Die Streitkräftebasis und ihre Fähigkeitskommandos 2011  Der zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr
Organisation der Neuausrichtung 2011)

Die Voraussetzungen zur Zusammenarbeit mit diesen Organisationsbereichen und der Luftwaffe und Marine sind in der Gesamtführung geschaffen, auch wenn noch nicht alle materiellen Voraussetzungen realisiert sind.  Zwei Heeresdivisionsstäbe (Oldenburg, Veitshöchheim) , ein mobiles Hauptquartier für den teilstreitkräfteübergreifenden Einsatz  (Ulm)und die Anteile an drei multinationalen Korpshauptquartieren (Münster, Stettin, Straßburg)  sind zur Führung größerer Formationen im internationalen Rahmen und in den politisch bestimmten nationalen Zielvorgaben (Level of Ambition) von ca. 10.000, bei Bedarf auch mehr Soldaten, befähigt.

Sechs Brigaden weisen eine Mischung von leichten und schweren Kräften auf und sind lageabhängig in jedem Einsatz zur Deeskalation oder Eskalation des Gefechts und Friedensauftrages in der Lage. Ihre Soldaten können zugleich kämpfen, schützen, überwachen, helfen, aufbauen und kommunizieren. Man orientiert sich in den Krisengebieten am Szenario des „Three Block War“, das zum Teil synchron Fähigkeiten zum Kampf, zur Friedensüberwachung und zum Wiederaufbau gleichermaßen beansprucht.

Die deutschen Anteile an der deutsch-französischen Brigade sind wie die Gebirgsbrigade als Großverbände mit leichten Kräften hoher Mobilität für das infanteristische Einsatzspektrum der Jägertruppe verfügbar. Die Panzertruppe und Panzerartillerie sind auf einen Kern geschrumpft, bewahren aber mit immer wieder modernisierten Leopard II A6 und Panzerhaubitzen 2000 eine hohe technische Qualität und sind bei Bedarf auch wieder ausbaufähig. Ein deutsch-französisches Kampfpanzerprojekt für die Ablösung des LEOPARD II nach 2030 ist auf den Weg gebracht.  Die Infanterie der Brigaden wahrt das Gleichgewicht  zwischen Jägern und Panzergrenadieren.  Beide erhalten mit dem Radpanzer BOXER und dem Kampfschützenpanzer PUMA neue agile und überlebensfähige Kampffahrzeuge. Die Division schnelle Kräfte (Stadtallendorf) trägt mit ihren beiden Fallschirmjägerregimentern zum infanteristischen Fähigkeitsspektrum bei und schafft durch die überfällige Fusion mit den beiden verbleibenden Heeresfliegertransportregimentern  (NH 90) und dem Kampfhubschrauberregiment (TIGER) eine Formation für das luftmobile Gefecht. Die Fallschirmjäger stehen zusammen mit dem Kommando Spezialkräfte für eine Vielzahl von Sondereinsätzen (z.B. Evakuierungen)  zur Verfügung, können aber auch als Luftlandebrigade in einer größeren Formation für den luftmobilen Einsatz zusammenwirken.

Insgesamt verfügt das Heer über neun Panzergrenadierbataillone, fünf Panzerbataillone und ein teilaktives Bataillon, fünf Jäger- und drei Gebirgsbataillone sowie vier gemischte Artilleriebataillone. (>>Heeresplanung 2011)

Alle Brigaden verfügen über die notwendigen Kräfte zur Führung ihrer Verbände und Anschluss an das Führungsinformationssystem des Heeres. Die Versorgungsbataillone der Brigaden verschaffen im Einsatz eine gewisse logistische Autonomie vor Ort. Ein gemischtes Aufklärungsbataillon in jeder Brigade und die Artillerieortungsmittel der vier Artilleriebataillone liefern einen wichtigen Beitrag zur vernetzten Gefechtsführung mit breit gefächerten Fähigkeiten. Die Joint Fire Support Teams stellen einen wichtigen Schritt zur Bündelung von Feuerkraft einer reduzierten Gesamtstreitmacht dar.

Die Brigadepionierbataillone tragen weiterhin zur Sicherstellung der Beweglichkeit im Gefecht durch Räum- und Brückenmittel fest und entwickeln weitere Fähigkeiten zum Schutz der Truppe gegen Minen und Sprengfallen. Der Verlust der Sperrfähigkeit könnte allerdings in einem intensiven Gefecht fehlen. Die Reduzierung der Fähigkeit zur Überquerung größerer Gewässer auf nur noch zwei aktive Kompanien ( 1x M3-  u. 1x FSB-Gerät) in einem gekaderten Bataillon unter dem Dach der 1. Panzerdivision ist ebenfalls grenzwertig,  wenn man an Eskalationsformen des Terrorismus, die Katastrophenhilfe bei Fluten und die durch im Rahmen der Rückversicherung der östlichen Mitgliedsstaaten wichtigen großräumigen Verlegungsfähigkeiten von Truppen zur strategischen Gegenkonzentration denkt.

Ein weiteres Defizit ist die mit der schon länger zurückliegenden durch Außerdienststellung von GEPARD und ROLAND weitgehend aufgegebenen bodengestützten Luftnahverteidigung mit nur noch einer leichter Flugabwehrbatterie in der Luftwaffe (OZELOT) und einem zeitaufwändigen stationären Element zum Feldlagerschutz(MANTIS) . Das Heer der Neuausrichtung hat im Einsatzraum keinen beweglichen  eigenen „Schirm“ und muss sich auf die Luftüberlegenheit der eigenen Luftstreitkräfte und großräumigen Schutz von Räumen durch die an Zahl ebenfalls deutlich verringerten und nur unter großem Aufwand zu verlegenden Flugabwehrraketenkräfte verlassen. Hier ist wegen fehlender Ressourcen eine klare Priorisierung aufgrund momentaner Einsatzerfahrungen mit Gegnern ohne Luftmacht getroffen worden. Das könnte sich aber über längere Zeit wieder ändern.

In der Einsatzpalette der unterstützenden Organisationsbereiche SKB und zentralem Sanitätsdienst sind alle klassischen Fähigkeiten der Streitkräfte nach wie vor vorhanden und können im Rahmen des „Level of Ambition“ (s.o.) angemessen bereitgestellt werden.  Zu nennen sind  Führungsunterstützung, Basislogistik, Abc-Abwehr, Feldjägerunterstützung, elektronische Kampfführung und weiträumige Aufklärung, mobile Sanitätsdienste, medizinische Evakuierung und stationäre Versorgung in der Heimat
(>>Die Streitkräftebasis und ihre Fähigkeitskommandos 2011  Der zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr )

Eine komplettes „Ausrücken“ einer Präsenzarmee von 185.000 Soldaten in einem umfassenden Einsatz ist aus vielen Gründen unrealistisch. Eine Reihe von Einschränkungen galten auch schon in früheren Strukturen wie die Anteile von „Schülerstellen“ in Ausbildung und Berufsförderung und die Soldaten mit  administrativen und stationären Unterstützungsaufgaben. Aufgrund des „dynamischen Verfügbarkeitsmanagements“ könnten heute auch nicht alle Einheiten bei einem Einsatzauftrag mit Fahrzeugen und Gerät ausgestattet werden.  Das Heer umfasst gegenüber der Zeit vor 1990 nur noch ca. 20 % des Personals, bei der Ausrüstung liegt der Vergleichsanteil aber oft weit unter 10 %.

Die häufigen Bekundungen zur Unverzichtbarkeit des  Reservistendienstes in offiziellen Dokumenten treffen zu, sofern man damit die Bedeutung von Reservisten für die volle Einsatzbereitschaft und Funktionsfähigkeit der vorhandenen präsenten Kräfte unterstreichen will. Freiwillige Reservisten füllen Lücken als Spezialisten, vertreten Führungs- und Ausbildungskräfte und stellen im Rahmen der Ergänzungstruppenteile mit dem Ersatz von ausgefallenem oder fehlendem Personal eine längere Durchhaltefähigkeit  der vorhandenen Bataillone sicher. Sie ergänzen mit der territorialen Reserve Fähigkeiten im Heimatschutz.

Diese Durchhaltefähigkeit ist in materieller Hinsicht aktuell leider nicht unterlegt. Es mangelt sogar an der Vollausstattung für das Friedenssoll und zieht schon Engpässe bei der Ausbildung und Bereitschaftausstattung für NATO-Response-Force oder EU-Battlegroups nach sich, von einer Gerätereserve für den Einsatz oder das Gefecht ganz zu schweigen. Von Reserven im Sinne von zusätzlichen Verstärkungskräften kann also nicht die Rede sein. Schon die volle materielle Einsatzbereitschaft der Präsenzkräfte ist zur Zeit ein schwer zu lösendes Problem.

Die mit Reservisten betriebene Verbindungsorganisation unter dem Dach der Landeskommandos  (BVK, KVK) deckt eine unverzichtbare territoriale Aufgabe ab und die in der Militärpublizistik herausgestellten RSU-Kompanien ergänzen elementare territoriale Verpflichtungen zur Bewachung und Sicherung von Objekten in kritischen Lagen und bei der Katastrophenhilfe, sind aber keine zusätzliche Kampftruppe im Hinterland, wie es die ehemalige „Heimatschutztruppe“  bis zu ihrer endgültigen Ausserdienststellung in der SKB bis 2008, mit allerdings rückläufiger Entwicklung in der Endphase, noch gewesen war. (>>Ergänzungstruppenteile des Heeres   Regionale Sicherungs- und Unterstützungskräfte)

Luftwaffe und Marine sollen in einer fähigkeitsorientierten Bundeswehr mit den Fähigkeiten von Heer und SKB abgestimmt werden. Eine Reihe von Aufgaben ist auch in der Planung der Vergangenheit zwischen den Teilstreitkräften und Organisationsbereichen verschoben worden. Die Zentralisierung zahlreicher Unterstützungselemente von Heer, Luftwaffe und Marine wurde schon mehrfach beschrieben. (>>http://bw-duelmen.de/data/documents/Faehigkeitsprofil-Bw-mit-Titel.pdf)

Nachdem die Luftwaffe in den neunziger Jahre die Rolle der Gefechtsfeldunterstützung des Heeres ( Close Air Support, Luftnahunterstützung) aufgegeben und die Waffenwirkung in der Tiefe bis 80 km im Hinblick auf das Entwicklungspotential des Raketensystems MARS der Heeresartillerie überlassen hatte, kehrt sie im Rahmen einer vernetzten Gefechtsführung jetzt wieder auf das Gefechtsfeld zurück und wird  im Rahmen des umfassenden AIRTOSURFACE- Konzepts einen Beitrag zur Bekämpfung ausgewählter Bodenziele in den Einsatzräumen des Heeres einbinden. Die „Joint Support Teams“  auf FENNEK der Artillerie schaffen dafür wichtige Voraussetzungen.

Die Luftwaffe hat die frühere Fähigkeit zur Bekämpfung von Flächenzielen am Boden mit Schüttmunition aus dem Abwurfbehälter MW 1 unter dem Rumpf des TORNADO aufgegeben. Das geschah auch mit Blick auf das humanitäre Oslo-Abkommen zur Eingrenzung dieser Munitionsarten. Für die Bekämpfung von Bodenzielen verfügt die Luftwaffe neben Flugkörpern und elektronischen Kampfmitteln zur Bekämpfung der Flugabwehr (HARM) nur über Bomben, die in verschiedenen Versionen mit Laserlenkung ausgestattet sind. Das Waffensystem TAURUS ist im Rahmen der allgemeinen Luftkriegsführung zur abstandsfähigen Bekämpfung von stationären Hochwertzielen in  größerer Einsatzeichweite gedacht. Der ursprünglich als Jagdflugzeug konzipierte auf vier Einsatzbasen verfügbare EUROFIGHTER wird in sich verzögernden Teilschritten für einen Einsatz als MULTI ROLE – Fighter angepasst und soll auch lasergelenkte Bomben einsetzen können. Die Adaption von TAURUS ist ungewiss. Vorläufig bleibt das Taktische Luftwaffengeschwader 33 in Büchel mit TORNADO der wichtigste Beitrag der Luftwaffe in der Jagdbomberrolle. Die für Heeresoperationen aller Größenordnungen in kritischen Einsatzgebieten wichtige Luftaufklärung wird vom Taktischen Luftwaffengeschwader 51 in Jagel bei Schleswig mit TORNADO RECCE und Drohnen gewährleistet. Die von der Luftwaffe und vom BMVg geforderte  Einführung bewaffneter Drohnen wird sich wahrscheinlich auch in diesem Organisationsrahmen vollziehen. (>>Kampfdrohnen für die Bundeswehr?)

Unverzichtbar sind die Lufttransportleistungen der Luftwaffe mit zurzeit noch drei auslaufendenEinheiten der bewährten, aber fast 50 Jahre alten C 160 TRANSALL und einer nur sehr langsam umgesetzten Einsatzfähigkeit des AIRBUS A 400 am künftigen Zentralstandort des Lufttransports in Wunstorf. Diese Kräfte sind im europäischen Lufttransportkommando in Eindhoven  „gepoolt“. Dazu kommt  die als integraler Bestandteil des Heeres entwickelte Hubschraubertransportfähigkeit mit der CH 53, die in der Neuausrichtung an das Hubschraubertransportregiment der Luftwaffe 64 an den Standorten Holzdorf und Ulm ausgelagert wurde. Diese Maschinen werden nur noch in Einzeleinsätzen geflogen und sind nicht mehr im geschlossenen Einsatz vorgesehen. Fallschirmjäger können über die Hubschrauber der zwei Transportregimenter der Division schnelle Kräfte in Celle und Niederstetten verfügen. Angesichts des nur langsamen Zulaufs der NH 90 als Ersatz für die überalterte BELL UH-1D ist die Beibehaltung der Sprungfähigkeit sicher sinnvoll gewesen!  Da entgegen früherer Planungen die NH 90 nur im Heer und in einer speziellen Version in der Marine (MH 90) fliegt oder fliegen wird, hat das Heer auch die originäre Luftwaffenrolle des Such- und Rettungsdienstes über Land übernehmen müssen. Die luftgestützte Seerettung war schon immer Marineaufgabe und wartet dringend auf Ersatz der 40 Jahre alten SEAKING durch den (nicht unumstrittenen) Marinehubschrauber 90, einer navalisierten Version des europäischen NATO-Hubschraubers.

Von den Einschränkungen der bodengebundenen Nahluftverteidigung, die in Resten in Schleswig-Holstein beim letzten Flugabwehrraketengeschwader der Luftwaffe eingebunden ist, war schon die Rede. Die Luftwaffe kann bis auf einige REDEYE-Fliegerfaust-Systeme in einer OZELOT-Batterie,  das Luftraumüberwachungsradar LÜR und dem nur nach langer Vorbereitungszeit zum stationären Objektschutz verfügbare Kanonensystem MANTIS aktuell keinen größeren Beitrag leisten. Selbst wenn das geplante System MEADS als Ersatz für PATRIOT in einer Nebenfunktion auch „billigere“ und kleinere Flugkörper für dieses Spektrum einsetzen kann, fehlt ihm die Fähigkeit, mobilen Kampftruppen mit gleicher Beweglichkeit folgen zu können. Es wäre für diese Rolle auch ein zu kostenaufwändiges Hochwertsystem. Die Zukunft der Nahbereichsflugabwehr, die auf  Marineeinheiten übrigens zum Selbstschutz vorhanden ist, wird sehr stark von der sicherheitspolitischen Lageentwicklung und ihrer Bewertung abhängen.

Die Marine richtet sich neben ihrer Hochseerolle mit dem Konzept BASIS SEE auch auf eine Unterstützung von Anlandungen multinationaler Heeresverbände aus. Ein Argument ist die Wahrscheinlichkeit von Einsätzen in Küstennähe angesichts der Verteilung der Weltbevölkerung an den Küsten der Kontinente. Als Waffensysteme verfügt sie dafür gegenwärtig über den Unterschalllenkflugkörper RBS 15 an Bord der fünf Korvetten K 130 und künftig über das 127-mm Geschütz der vier neuen Fregatten Klasse 125. Außerdem kann die Marine vor allem in Anlandungsphasen einen Beitrag zur Führung und Wirkung in der Luftverteidigung über dem Küstenraum mit den drei Fregatten der „SACHSEN“-Klasse 124 leisten. Die zwei geplanten amphibischen Transportschiffe werden nicht realisiert, sondern amphibische Fähigkeiten und Erfahrungen durch eine Kooperation des Seebataillons  mit den niederländischen Seestreitkräften (Korps Mariniers) erworben. Analog zum Lufttransport mit zivilen Großflugzeugen (SALIS) stützt sich die maritime Transportfähigkeit  auch auf dauerhafte Vertragsleistungen von zivilen Reedereien.  Der  Schutz der Seetransporte von Landstreitkräften ist natürlich auch ein wesentlicher maritimer Beitrag für das Heer im Falle eskalierender Einsätze.

Der Vollständigkeit halber ist noch zu erwähnen, dass Luftwaffe und Marine zum Eigenschutz auch „grüne“ heerestypische Teile betreiben. Im Objektschutzregiment der Luftwaffe sind Kräfte zum Betrieb und zur Sicherung der heimatlichen und abgesetzten Flugbasen vorhanden. Abgesetzter Betrieb findet zum Beispiel im aktuellen Aufklärungseinsatz der „Syrien“-Mission auf einer türkischen Basis oder beim NATO-AIR POLICING im Baltikum statt. Auch die Beteiligung im Kosovo-Krieg 1998 setzte luftwaffeneigene Bodenkräfte für die TORNADOS auf der italienischen Basis Piacenza voraus. Das Objektschutzregiment war auch mit Einsatzkräften in Afghanistan in Bodeneinsätzen  beteiligt.

Die Marineschutzkräfte, Kampfschwimmer und „Boarding-Teams“ halten im Seebataillon Soldaten für den Schutz der Marineeinheiten außerhalb Deutschlands, maritime Spezialeinsätze und Schiffskontrollen bei Missionen zur Seeraumüberwachung und Pirateriebekämpfung bereit.
(>>http://bw-duelmen.de/data/documents/Faehigkeitsprofil-Bw-mit-Titel.pdf)

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Luftwaffe und Marine wichtige Beiträge zum Einsatz des Heeres und seine „Befähigung zum Kampf“ leisten, die Hauptlast der Einsätze zu Lande aber beim Heer und die unmittelbar vor Ort integrierten Teile von SKB und Sanitätsdienst bleiben wird.

Vor diesem Hintergrund ist auch die beabsichtigte Einführung von bewaffneten Drohnen zu sehen. Diese wären mit geringen Risiken und Kosten nahezu ununterbrochen über dem Einsatzgebiet präsent und könnten durch die Kombination von Aufklärungs- und Wirkmitteln verzugslos in „Echtzeit“ bedrohten Heereskräften Feuerunterstützung gegen besonders bedrohliche Einzelziele bieten. Derartige Situationen  in Afghanistan 2009, als deutsche Infanteristen sich zeitweise in kritischer Lage ohne Unterstützung durch Artillerie oder aus der Luft befanden, haben die militärische Diskussion befördert. Ddie Einführung bewaffneter Drohnen stößt allerdings in Politik und Gesellschaft auf Widerstände. Kampfdrohnen für die Bundeswehr?

Eine Reihe von weiteren rüstungstechnischen Trends sind schon bei der Schilderung von begonnenen oder geplanten Einzelvorhaben  genannt worden. Sie gilt es weiterzuentwickeln. Digitalisierung ist kaum noch als neuer Trend zu betrachten, muss aber konsequent weiter umgesetzt werden. Das gilt vor allem für ein umfassendes vernetztes Führungssystem, dessen Umsetzung immer wieder ins Stocken gerät (Projekt HERKULES), aber auch für das Querschnittsmaterial der Funkgeräteausstattung. Dabei spielen auch Verschlüsselungs-technologien eine wichtige Rolle,

Der Infanterist der Zukunft (ab Realisierungsstufe 2 Projektname GLADIUS) gehört zu den Mustervorhaben des Heeres und wird in vielen Teilkonzeptionen für Bekleidung und Schutz, Kommunikationsgerät und Bewaffnung in kleinen Sätzen an die Truppe erprobt und ausgegeben. Bei der Erprobung kam das zum Sicherungsbataillon 12 umgewandelte und nur noch temporär vorgesehene ehemalige Heeresflugabwehrbataillon 12 in Hardheim zum Einsatz. Die starke Befrachtung mit Ausstattung für eine taktische Vernetzung hat natürlich auch zu kritischen Fragen geführt, ob ein einzelner Infanterist das System bewältigen kann.

Die vernetzte Operationsführung erfordert bei den Waffensystemen eine umfangreiche Führungsinformationsausstattung und Sensorik, die bei Neufahrzeugen wie PUMA mitgeliefert und bei den Adaptionen des LEOPARD II modernisiert werden muss. Der LEOPARD II kann von der Rüstungswirtschaft in einer an urbane Kriegführung angepasste Version7 geliefert werden.
Neue aktive und passive Schutztechnolgien sollen Munition abwehren oder in der Wirkung eindämmen. Das Konzept der geschützten Fahrzeuge wurde für Afghanistan entwickelt, sollte aber im Fokus der Planer bleiben. Geschützte Fahrzeuge dienen primär dem Schutz der Insassen während klassische gepanzerte Fahrzeuge für das Bestehen des Gesamtsystems im Gefecht optimiert sind.

Eine beständige und auch künftig gestellte Forderung ist die strategische Verlegbarkeit, zu der in begrenzten Umfang auch der Lufttransport von Waffensystemen gehört. Durch anpassungsfähige und demontierbare (adaptierbare) Schutzmodule versucht man das Gewichtsproblem  für den Lufttransport von gepanzerten Einzelfahrzeugen zu lösen. Das ist zum Beispiel beim neuen Schützenpanzer PUMA oder Radpanzer BOXER möglich. Systeme sollen durch nachrüstbare Module für eine Mehrrollenfähigkeit ausgelegt werden und laut Forderung des Weißbuchs 2016 gleichermaßen für die Bündnisverteidigung wie für Stabilisierungs- operationen geeignet sein.  Die beiden genannten Systeme entsprechen dieser Vorgabe, während die für die Auslandseinsätze  zahlreich beschafften geschützten Fahrzeuge der Typen DINGO, EAGLE oder YAK /ENDURO in einem intensiven Gefecht sicher nicht uneingeschränkten Schutz bieten. Das war allerdings bei den in diesen Rollen im „Kalten Krieg“ und noch lange danach  eingesetzten zahlreichen Transportpanzern auf M 113-Basis auch nicht der Fall.

Das indirekte Feuer hat seit einigen Jahren durch intelligente Munition, die ihre Ziele autonom oder nach Voreinweisung präzise ansteuert, neues Gewicht bekommen. Feuerleitung und Artilleriebeobachtung und Munitionsentwicklung machen Geschosse und Flugkörper zielgenauer und verringern das sensible Problem der Nebenschäden,  bergen aber auch das Risiko von Fehlschüssen aufgrund des Versagens ihrer Komplexität in sich.  Insgesamt geht es darum, das Gefechtsfeld aus der Distanz überwachen und mit Feuer beherrschen zu können. Neben den vorhandenen Panzerhaubitzen 2000, dem mittlerweile bis 80 km präzise wirkenden Raketenwerfer MARS und geplanten Kampfdrohnen werden auch lichtwellengelenkte Flugkörper diskutiert.  Indirekt wirkende Feuersysteme müssen aber auch immer auf ihre Wirkung gegenüber verbesserten Schutztechnologien hinterfragt werden (>> s.u. ).

Hochkomplexe Systeme werden nicht nur wegen der Beherrschbarkeit und Kosten immer etwas in Frage stehen. Ihre geringe Stückzahl und die Ungewissheiten des Krieges, wo am Ende oft nur  das Einfache funktioniert, werden auch weiterhin weniger komplexe , breit gestreute Waffen für weniger ausgewählte Ziele erfordern.

Das Weißbuch 2016 fordert, dass die Wirkung von Waffen nicht nur präzise ist, sondern auch skalierbar sein muss und je nach Ziel, Lage und Auftrag dosiert werden kann.

Inwieweit neue Antriebstechnologien auf der Basis von Elektromobilität  und Brennstoffzellentechnik in Frage kommen, ist im Augenblick noch nicht aktuell und für ein Kriegsgebiet mit zerstörten Strukturen erst einmal unwahrscheinlich.

Die Luftmobilität ist wegen der Probleme mit den neuen Hubschraubern auf der Basis des NH 90 und dem Transportflugzeug Airbus A 400 M der Luftwaffe auch ein Reizthema. Beschaffungen vorhandener Systeme auf dem internationalen Markt, vor allem in den USA scheinen gegenüber europäischen Kooperationslösungen wieder etwas attraktiver. Dies dürfte beim Ersatz der 40 Jahre alten CH 53 G als mittlerem Transporthubschrauber  der Fall werden. Der gehört zwar nun zur Luftwaffe, ist aber auch Teil des Einsatzprofils des Heeres. Erwogen werden die amerikanischen Weiterentwicklungen der CH 47 Chinook und CH 53. Die erinnern äußerlich an ihre Vorgänger, besitzen aber völlig andere Ausstattungen bei Flugtechnik und Avionik.

Die Grundlinien der Bundeswehrplanung ergeben sich aus der sicherheitspolitischen Einschätzung durch die Regierung und die sie tragenden Parteien. Das Weißbuch vom Juli 2016 gibt ein Resümee der sicherheitspolitischen Lage und Entwicklung und zeichnet einige Grundlinien,  auf die sich die Bundeswehr und damit auch die Landstreitkräfte bei ihrer Weiterentwicklung einzustellen haben. Vorausgegangen war der NATO-Gipfel von Warschau Anfang Juli  2016. Im Folgenden werden einige Grundzüge des Weißbuchs genannt und mit eigenen Schlussfolgerungen verknüpft. Nicht jede hier getane Äußerung, Schlussfolgerung  und Bewertung ist im Wortlaut im Weißbuch genauso formuliert!

Die Lageeinschätzung ist recht pessimistisch. Besonders betont wird die ungünstige Lageentwicklung in Osteuropa, die eigentlich nicht neue Aggressionsform der hybriden Kriegführung
(>>Hybride Kriegführung )und die Destabilisierung von Gesellschaften durch Attacken und Propaganda im Cyberraum.

Bundeskanzlerin Merkel schreibt in ihrem Einleitungswort:
„Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass wir die Errungenschaften der europäischen Nachkriegsordnung nicht für selbstverständlich halten dürfen. Dass Grenzen völkerrechtswidrig mit militärischer Gewalt verschoben werden, hatten wir im Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr für möglich gehalten. Direkt vor unserer europäischen Haustür wüten Kriege und Konflikte, die bereits hunderttausende Menschen das Leben gekostet und Millionen entwurzelt haben. Gleichzeitig werden schwache und scheiternde Staaten zum Nährboden für den islamistischen Terrorismus, der auch uns in Deutschland und Europa direkt bedroht. Mehr und mehr werden Konflikte auch im Cyberraum ausgetragen; das Internet ist nicht nur eine Kraft für das Gute, dort machen sich auch Hass- und Gewaltideologien breit.“ (Weißbuch 2016, PDF-Version S. 4)

Die Bundesregierung bekennt sich zu einem vernetzten Ansatz aller Ressorts und mit den verschiedensten internationalen Partnern. Sicherheit gilt nicht mehr allein als eine Angelegenheit der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums. Die Bundesregierung bekennt sich zu einer aktiven Führungsverantwortung in Europa und der Welt, die aktiv und nicht reaktiv auf Bedrohungen der Sicherheit reagieren wolle. Dabei sind neben den Bündnissen der Westintegration auch ad-hoc Koalitionen denkbar. Deutschland will nicht nur reagieren, sondern aktive Impulse setzen.

Eines der neuen sicherheitspolitischen Schlüsselwörter ist die Forderung nach mehr Resilienz unserer Gesellschaft, einer umfassende Widerstandsfähigkeit, die über militärische Verteidigungsfähigkeit hinausgeht und eigentlich nur das benennt, was in früheren Jahren immer als Komponente einer umfassenden Sicherheit  und Gesamtverteidigung gefordert wurde:  der Schutz der Bevölkerung und das Überleben der Zivilgesellschaft. In den sechziger Jahren wurde Zivilschutz in der öffentlichen Wahrnehmung  primär auf das Überleben im Atomkrieg  verengt und als sinnlos abgetan.

Der Ausbau der Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft wird als umfassender Auftrag für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in vernetzten Ansatz verstanden. Unsere Gesellschaft ist mit vielen kritischen Infrastrukturen sehr verwundbar. Das Weißbuch rezipiert hier eigentlich nur Erkenntnisse und Einsichten von Verantwortungsträgern, die schon seit Jahren in der Übungsserie LUEKEX  die verschiedensten Krisenlagen mit den verschiedensten wechselnden Akteuren  durchspielen und dabei dauerhafte Kontakte entwickeln und pflegen. Neben den Behörden von Bund, Ländern und Kommunen und den klassischen Garanten von Sicherheit und Gefahrenabwehr wie Polizei, Bundeswehr, Feuerwehr, Rettungsdienste etc. sind je nach Lage auch Teilnehmer aus Wirtschaft und Gesellschaft beteiligt,  wie zum Beispiel Energieversorgungsunternehmen, die Deutsche Bahn, Lebensmittelhandelsketten oder im Jahr der Fußball-WM 2006 in Deutschland auch der Deutsche Fussballbund. Damals hatte die Bundeswehr nicht unerhebliche Unterstützungskräfte für den Fall von Anschlägen in Kasernen abrufbereit gehalten. (>>http://bw-duelmen.de/data/documents/Kreisseiminar-BOH-2009-.pdf  http://bw-duelmen.de/data/documents/Sipo-Luekex.pdf )

Hinsichtlich der hier im Fokus stehenden Rolle der Landstreitkräfte kann die Bundeswehr eine breite Palette an Unterstützungsmöglichkeiten anbieten, sofern die Gesetzeslage bzw. die Auslegung der Gesetzeslage durch Gerichte und politische Verantwortungsträger in Regierungen und Parlamenten dies zulassen. Viele kritische Äußerungen zu dem Thema ignorieren die umfassenden Aufgaben der Polizei bei der Gefahrenabwehr, wo die Bundeswehr mit Gerät und Personal helfen könnte, und ziehen zum Vergleich sofort den Polizeiauftrag der Kriminalitätsbekämpfung heran, der mit all seinen gesetzlich geregelten Befugnissen gegenüber den Persönlichkeitsrechten für das Militär überhaupt nicht in Frage kommt.

Erste Instanz der schon immer bestehenden zivil-militärischen Kooperation sind das Kommando für territoriale Aufgaben in Berlin, die Landeskommandos in den Ländern und bei Bedarf die in Regierungsbezirke, Landkreisen und kreisfreier Stadt durch qualifizierte ortsnahe Reserveoffiziere und -unteroffiziere unterhaltenen Verbindungskommandos (KVK/BVK). Die Führungsunterstützungskräfte und Stäbe von Brigaden stellen mobile Mittel für Kommunikation und  Leitungsaufgaben der eingesetzten Militärkräfte bereit.

Der Beitrag der  Pioniere und Hubschrauberkräfte bei Flutkatastrophen ist seit 1962 weitgehend bekannt und geschätzt, vor allem auch die „Manpower“ von geschlossenen Militäreinheiten bei der Deichverteidigung.  Hier sind allerdings mit rückläufiger Truppenstärke Abstriche zu machen und bei den letzten Überschwemmungskatastrophen mussten Kräfte aus ganz Deutschland unter auf Weisung des Kommandos für Territoriale  Aufgaben zusammengezogen werden. Die Bundeswehr kann die freiwilligen Rettungskräfte der Katastrophenschutzorganisationen, die nur in der „ersten Stunde“ mit vielen Kräften vor Ort sein können, durchhaltefähig ablösen. Hier können auch RSU-Kräfte zum Einsatz kommen.

Nur das Militär besitzt Krankenkraftwagen mit genügend Bodenfreiheit, um auch überflutete Straßen passieren zu können.  Die Sanitätstruppe könnte auch mobile Module bereitstellen, aber auf dem Gebiet ist der zivile Katastrophenschutz gut aufgestellt. Die Abc-Abwehrtruppe kann Expertise, Gerät und Kräfte zur Ablösung stellen, auch wenn die Potenziale des zivilen ABC -Schutzes im Rahmen der Feuerwehr weit größer sind. Bei den befürchteten Pandemien nach ersten Fällen der Vogelgrippe kamen ABC-Kräfte präventiv auf der Insel Rügen zum Einsatz. Stromausfälle wurden bei  Schneekatastrophen durch Generatoren aus Militärbeständen überbrückt. Die zivil besetzten Brandschutzkräfte des Militärs sind ohnehin schon in Katastrophenschutzpläne eingebunden. Die Regie liegt in allen Einsatzlagen bei den zivilen Führungsstrukturen der Landkreise und Feuerwehr, nicht bei der Bundeswehr. Sie hat hier eine unterstützende Rolle, was auch für die angedachten erweiterten Einsätze im Rahmen der Inneren Sicherheit gelten wird.

Aufgrund der Leistungsfähigkeit ihrer Ausstattung und mobilen Führungsmittel hat die Bundeswehr bei Katastropheneinsätzen ein besonderes Gewicht und Qualifikation. Die Durchsetzung des Primats der zivilen Führung in derartigen Situationen ist auch von der Bereitschaft und Kompetenz der politischen Verantwortungsträger vor Ort, in Extremsituationen Entscheidungen zu treffen, abhängig. Das Bundesamt für Bevölkerungschutz und Katastrophenhilfe macht hier viele Angebote zur Information und Fortbildung. Primat der Politik bedeutet beim Militär und Katastrophenschutz gleichermaßen, dass die Politiker in diesen nicht sehr populären Sachgebieten auch Kompetenz erworben haben. Mit Vorsorge auf diesen Gebieten kann man keine Wahlen gewinnen und das Scheitern droht erst, wenn der Ernstfall eingetroffen ist.

Sehr viel schwerer würden sich viele Lokalpolitiker und Behördenleiter tun, wenn Feldjägerkräfte die Polizei bei hoheitlichen Aufgaben in Katastrophenlagen unterstützen oder Spezialisten des Zentrums für operative Kommunikation aus der ehemaligen PSV-Truppe für die mediale Krisenkommunikation eingesetzt würden. Soldaten mit Sturmgewehren zur Verstärkung der Sicherheitskräfte auf öffentlichen Plätzen, wie den nach schweren Anschlägen in Paris oder Brüssel, wären für die deutsche Öffentlichkeit ohnehin ein Tabu. In Fernsehinterviews ist bei dem Einsatz der Bundeswehr in Krisenlagen innerer Sicherheit dann leider auch bei hohen Politikern oft von „Panzern an jeder Straßenecke“ die Rede, was nicht zur Versachlichung der Diskussion beiträgt und nur Klischees bedient.

Die Resilienzforderung beschränkt sich im Weißbuch nicht auf Unglücksfälle und Naturkatastrophen,  sondern hat vor allem gezielte Attacken auf die zahlreichen Schwachstellen unserer offenen und hochkomplexen Lebensordnung im Blick. Diese aggressiven Absichten  gehen von feindlich gesinnten Staaten oder Gruppen außerhalb unserer Grenzen aus und sind damit Angelegenheit der äußeren Sicherheit, also der Bundeswehr.  Insofern ist die Entwicklung einer eigenen militärischen Organisationsstruktur für die Cybersicherheit als Beitrag der Bundeswehr innerhalb einer vernetzten gesamtgesellschaftlichen Abwehrstrategie im „Cyberkrieg“ folgerichtig.  Leider kann man die Identität der Täter nur schwer ermitteln und säuberlich im Sinne der Verfassungshüter als Angriff von außen oder Kriminalität im Inneren differenzieren.

Die für das Weißbuch verantwortlichen Ressorts allen voran das Auswärtige Amt und das Verteidigungsministerium, das heißt letztlich die Große Koalition der Unionsparteien und Sozialdemokratie, deuten die verfassungsrechtliche Situation im Sinne einer erweiterten Verantwortung der Bundeswehr für die Innere Sicherheit, wenn die Bedrohungen von innen und außen sich vermischen und die innere Ordnung durch Gewaltaktionen destabilisiert wird, welche nicht allein krimineller Natur sind. Das Bundesverfassungsgericht sieht bei „terroristischen Großlagen“ die Voraussetzungen eines Bundeswehreinsatzes im Rahmen der Amtshilfe nach Artikel 35 GG  mit begrenzten hoheitlichen Kompetenzen gegeben. Dies ist begrifflich zu trennen von den erweiterten Befugnissen der Bundeswehr im Spannungs- und Kriegsfall (Artikel 87 GG) und bei einem inneren Notstand, der die demokratische Grundordnung gefährdet (Artikel 91 GG). Die Soldaten hätten dabei niemals eine Führungsrolle, sondern handelten im Rahmen einer polizeilichen  und politischen Führungsverantwortung.

Inwieweit die neu akzentuierte Bewertung der Gesetzeslage sich durchsetzt und die Truppe mit neuen Aufgaben belastet, bedarf sicher noch eines politischen Klärungsprozesses. Das Weißbuch ist noch im Parlament zu diskutieren.

Bei einem Engagement der Bundeswehr in der Inneren Sicherheit sind sicher vor allem die Strukturen und Kräfte der SKB gefordert und das beabsichtigte Personal des neuen „Cyberkommandos“ in Stärke von ca. 13.000 Dienstposten wird sich nicht aus dem knappen Kräftepositiv von 185.000 Soldaten abzweigen lassen. Hier sind zivile Einstellungen gefragt, wobei vielleicht auch das Persönlichkeitsprofil mancher „Computerfreaks“ nicht dem Wunschprofil  für Soldaten entspricht.

Die Dokumente für die aus den Leitlinien des Weißbuch abzuleitenden Strukturen sind noch zu erarbeiten und werden wahrscheinlich um 2020 zu einer neuen Konzeption Bundeswehr führen. Das Heer befände sich damit wieder im klassischen 10-Jahresrhytmus des Wandels

Ungeachtet der sehr umfassenden Betrachtung von „Sicherheit“ im Weißbuch sind einige speziell militärische Aspekte von Belang. Es gibt im Vergleich zu den verteidigungspolitischen Richtlinien von 2003 einen erneuten Paradigmenwechsel. Die Bündnis- und Landesverteidigung steht als Teil der Sicherheitsvorsorge gleichwertig neben der Beteiligung an Stabilisierungsoperationen! Das Wort Abschreckung als eine Funktion von Militär taucht wieder auf.

Deutschland hat sich verpflichtet,  als Rahmennation (framework nation) bei internationalen militärischen Aktionen  maßgeblich mit Führung und Truppen präsent zu sein. Andere Nationen können  mit ihren militärischen Beiträgen in den Rahmen eingebunden werden.  Aus diesem Grunde kann Deutschland auf ein breites Spektrum militärischer Fähigkeiten (Breite vor Tiefe) nicht verzichten. Kräfte zur Führungsunterstützung haben für eine Rahmennation natürlich besondere Priorität.

Unbestritten bleibt daher, dass die Befähigung zum Kampf und die Teilnahme an multinationalen Kontingenten und Übungen und die regelmäßige Präsenz auf dem Gebiet der östlichen Bündnispartner aufgrund der kritischen Einschätzung Russlands keine weiteren Abstriche an der Substanz und Organisation bei den Teilstreitkräften und Organisationsbereichen zulässt. Deutschland hat sich sehr stark in die NATO-Aktivitäten zur Rückversicherung der östlichen NATO-Partner eingebracht. Das Weißbuch 2016 bekennt sich im Verhältnis zu Russland zu einer Balance zwischen Diplomatie und militärischer Vorsorge.  Der Dialog soll nicht aufgegeben werden. Eine Rückkehr in den Kalten Krieg und größeren Ausbau der Bundeswehr mit einer umfassenden Rekonstitution wird es aber nicht geben.

Gefragt ist die Konsolidierung der vorhandenen Kräfte durch eine angemessene Dotierung mit aktiven Soldaten, Reservedienstleistenden und zivilen Mitarbeitern.  Das ist durch die schon vor dem Weißbuch von Ministerin von der Leyen angekündigte Abkehr von starren Personalobergrenzen zugunsten eines „atmenden Personalkörpers“ eingeleitet.

Es bedarf einer soliden Ausbildung und Ausrüstung.  Beim Gerät sind zahlreiche quantitative und qualitative Defizite zu beseitigen und möglicherweise auch einige zusätzliche Bataillone, z.B. bei der Artillerie, Panzer-  und Pioniertruppe,  zu reaktivieren. Weitere Divisionen und Brigaden wird es aber nicht geben, zumal das Personal nach der Aussetzung der Wehrpflicht gar nicht zur Verfügung steht. Die sich verschlechternde sicherheitspolitische Lage und Ressourcenknappheit wird weitere Schritte der internationalen militärischen Integration erzwingen. Nicht jeder Partner wird alles können, aber alle müssen vieles teilen. Die europäische Armee ist dabei eine ferne Vision. Wichtig ist der Ausbau der praktischen Zusammenarbeit und die Entwicklung eines gemeinsam entworfenen militärischen Konzepts, das die Funktionsfähigkeit der multinationalen Kontingente sicherstellt und eine effiziente ökonomische Rüstungs- und Strukturplanung ermöglicht. Die sensiblen Fragen nationaler Souveränität  und nationaler Identität sollten dabei erst mal außen vor bleiben(>>http://bw-duelmen.de/data/documents/EU-Armee-Vision-Illusion.pdf)

Deutschland wird aufgrund seiner Größe und Mittel weiterhin ein umfassendes militärisches Fähigkeitsprofil (Breite vor Tiefe) anbieten und seine Bereitschaft zu mehr Verantwortung durch hohe Präsenz von Truppen und Stäben bei den militärischen Aktivitäten der NATO als Lead Nation oder Framework Nation unterstreichen müssen.

Dabei betont das Weißbuch trotz der neuen Gewichtung der Landes und Bündnisverteidigung den Fortbestand des Engagements bei Stabilisierungsoperationen. Die Bundeswehr wird also noch mehr zu tun bekommen. Friedensoperationen werden aber künftig wohl eher in vielen kleineren Unterstützungsmissionen erfolgen, bei denen der Ausbildung der einheimischen Sicherheitskräfte der Vorzug vor Entsendung deutscher Truppen als Ordnungskraft gegeben wird. Resilienz bezieht sich also auf auch auf Staaten in den Krisengebieten und legt den Schwerpunkt auf ihre Befähigung, die eigene Sicherheit selber zu gewährleisten. Das kann neben Ausbildungsmissionen  auch Waffenhilfe wie im Kurdengebiet 2015 bedeuten. Befähigung zur eigenen Sicherheit hat möglicherweise den sehr viel anspruchsvolleren Ansatz zum „Nation Building“, den Neuaufbau staatlicher Strukturen, abgelöst.  Hier ist ein umfassender ressortübergreifender vernetzter Ansatz weiterhin eine Forderung, die oft unerfüllt bleibt.  Deutschland stellt hier viele Mittel bereit und es wäre vielleicht angebracht, diese Beiträge auch mal in den internationalen Vergleich der Verteidigungsausgaben einzubeziehen, bei dem Deutschland immer weit von dem NATO-Soll von 2% der Wirtschaftsleistung entfernt ist.

Die große offene Frage, ob die Bundeswehr im allgemeinen und die Landstreitkräfte von Heer, SKB und Sanitätsdienst  im besonderen den gewachsenen Anforderungen gerecht werden können , ist die Gewinnung von Personal für die Sicherheitspolitik.

Die reale Einsatzstärke der Bundeswehr beträgt Mitte 2016 ca. 138.000 Soldaten bei einer Gesamtstärke von 167.300 Berufssoldaten, Soldaten auf Zeit und freiwilligen Wehrdienstleistenden. 28.000 Soldaten sind durch Ausbildungen und 10.000 durch den Berufsförderungsdienst gebunden. Die stünden in einer ernsten Lage natürlich zur Verfügung, nicht aber im Normalalltag mit seinen vielen Einsatzverpflichtungen. Die aktuelle noch gültige Personalobergrenze liegt bei 185.000 und soll um 14.000 Stellen für die bisherigen (!) Aufgaben aufgestockt werden („atmender Personalkörper“). Pro Jahr werden im Augenblick ca. 15.000 neue Soldatinnen und Soldaten benötigt. Es sind Fragezeichen angebracht, woher das Personal kommen soll. Auch wenn die allgemeine Personaldeckung in der Gegenwart noch weitgehend gelingt, fehlt jetzt schon qualifiziertes Spezialpersonal.

Die Gesamtheit aller Organe öffentlicher und privater Sicherheitsvorsorge (Polizei, Bundeswehr, BND, Justiz und private Sicherheitsdienste)  benötigen laut Angaben des bekannten  Fachjournalisten Rolf Clement im Jahr ca.  120.000 Interessenten,  um qualifizierten Nachwuchs auswählen zu können,  Die dafür jetzt und in Zukunft in Frage kommenden Bewerber kommen aus den  Jahrgängen 1995 bis 2005,  welche in diesem dem Zeitraum von 800.000 auf 700.000 pro Jahr gesunken sind. Angesichts der sich verschlechternden inneren und äußeren Sicherheitslage besteht Handlungsbedarf. (>>Rolf Clement)

Im Verteidigungsministerium arbeitet man seit einigen Jahren an Attraktivitätssteigerungsprogrammen, um in der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt mit der Wirtschaft bestehen zu können. Kritiker bezweifeln, dass der Arbeitsplatz der Soldatinnen und  Soldaten nach zivilen Kriterien ohne Einbußen bei der Einsatzbereitschaft gestaltet werden kann. Der Soldatenberuf erfordert sicher eine bestimmte Motivation und Risikobereitschaft, die man nicht durch intellektuelle Papiere zur Sicherheitspolitik und Legitimation des Soldatenberufes sowie bunten Broschüren erzeugen kann. Bundeswehr muss durch Anschauung und im täglichen Dialog positiv wahrgenommen werden, was wegen zurückgehender Präsenz und Distanz vieler Medien nicht leichter wird. Bezeichnend war ein Vorgang auf einem Stadtfest in Münster im Sommer 2016, als entgegen vorausgehender Absprachen ein Sanitätspanzer Boxer von einem Bundeswehrstand wieder abgezogen musste, weil die Veranstalter eine Irritierung von Teilen des Besucherpublikums fürchteten.

Dieser Vorgang illustriert,  wie weit wir noch von der im Weißbuch 2016 angemahnten Gesamtverantwortung der Gesellschaft für ihre eigene  Sicherheit entfernt sind. Hier könnte eine Verschärfung der internationalen Lage natürlich zu einem Umdenken führen. Präventive Vorsorge benötigt aber Zeit.

Durch welche Strukturmaßnahmen kann man die zu erwartende Lücke zwischen dem noch aufzustockenden Personal-Soll und dem sinkenden Ist überbrücken?

Es ist geplant, den Berufsförderungsdienst in die Zeit nach dem aktiven Dienst zu verlagern. Längere Verpflichtungszeiten auch für Soldaten unterer Dienstgradgruppen bis zu 25 Jahren sind möglich geworden. Man denkt an die Öffnung der Truppe für Seiteneinsteiger und „Ungediente“ als Reservisten.

Die gelegentlich zu hörenden Stimmen nach Wiederaktivierung der Wehrpflicht im Rahmen eines allgemeinen sozialen Jahres dürfte auf große politische, verfassungsjuristische und gesellschaftliche  Widerstände stoßen, welche die Rücknahme der 2008 vorschnell  getroffenen Entscheidung des früheren Ministers Guttenberg zur Aussetzung (nicht Abschaffung!) der Wehrpflicht gegenwärtig ausschließt. Die Wehrpflicht führte viele junge Männer in die Truppe,  die aus eigenem Entschluss  diese Schwelle wohl nicht überschritten hätten. Hier wäre allenfalls bei einer Verschärfung der außenpolitischen Lage ein Umdenken möglich,  mit einem sehr hohen Zeitbedarf zur Rekonstitution von glaubwürdigen Hauptverteidigungskräften. Dafür gibt es keine strukturellen Vorbereitungen, obwohl noch mittelfristig  ein größeres Potenzial von ehemaligen  Wehrpflichtigen und Freiwilligen vorhanden ist, das in eine  (nicht mehr vorhandene) militärische Ersatzorganisation eingeschleust werden müsste.

Reservedienstleistende können die Lücken  des Präsenzheeres nicht füllen, da schon jetzt viele Reservedienstposten  unbesetzt bleiben. Vertragsreservisten nach englischem oder amerikanischem Vorbild, die sich gegen Entgelt zu regelmäßigen Übungen und temporären Einsatzverpflichtungen einfinden, könnten die Einsatzstärke in kritischen Lage erhöhen, sind aber für die sehr zahlreichen, oft sehr schnell gestellten Aufgaben des täglichen Einsatzalltags weniger planbar. Die Truppe muss mit aktiven Kräften schnell und flexibel reagieren können. Ein Fortschritt wäre vielleicht das Abrücken von der Freiwilligkeit von Wehrübungen, bei der die Zustimmung des Arbeitgebers wichtige Voraussetzung ist.

Die zu befürchtende und nach den Erfahrungen der Vergangenheit naheliegendste Maßnahme dürfte die Reduktion der Truppenstärke sein, die vom linken politischen Meinungsspektrum ohnehin gefordert wird. Hier werden auch Wahlen über die Zukunft der Bundeswehr entscheiden. In diesem Fall werden deutliche Abstriche vom Fähigkeitspotenzial und dem “Level of Ambition“ mit seinen zahlreichen Selbstverpflichtungen gemacht werden müssen. In der Vergangenheit gibt es aber auch im In- und Ausland Beispiele, dass sich „linke“ Regierungen nach einem Wahlsieg oft den Zwängen der außenpolitischen Staatsräson beugen mussten, während umgekehrt die Bundeswehr auch nicht immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit konservativer Regierungen stand.

Große Erwartungen waren zur Beginn der Transformation an das Outsourcen von Leistungen an zivile Anbieter geknüpft worden. Die anfängliche Euphorie der Transformation wurde von der Truppe nicht unbedingt geteilt und hat die überzogenen ökonomischen Erwartungen nicht immer erfüllt. Prinzipiell wäre es möglich, noch mehr Leistungen im Bereich der Logistik, Kommunikation und Sanität aus der Truppe auszulagern, sofern der Einsatz keinen Kombattantenstatus erfordert. Man arbeitet durchaus gern für die Bundeswehr, bleibt aber gegenüber dem Soldatenberuf skeptisch.

Bleibt noch der Ersatz von Menschen durch Maschinen. Die Kampfbesatzungen von modernen Schiffen sind ein gutes Beispiel für diese Form der Personaleinsparung. Die Bewachung von Militäranlagen kann technisch unterstützt werden und den Wachdienst entlasten. Der Waffensystemoffizier als zweiter Mann im Cockpit von Kampfjets ist im EUROFIGHTER wieder einer Einmannlösung gewichen.  Dagegen wird die immer wieder diskutierte Einsparung von Besatzungsmitgliedern auf Kampfpanzern durch Ladeautomaten kritisch gesehen, da ein Gefechtsfahrzeug auch Personal zur Sicherung und Versorgung benötigt. Außerdem mag der Einsatz von Führungsinformationssystemen in hochwertigen Waffensystemen künftig einen eigenen Bediener erfordern, der ein Wiederaufleben des alten Funkers in völlig neuer Rolle nach sich ziehen könnte. Die Vorschläge für Automation in den Streitkräfte ließen sich fortsetzen, gehen aber einher mit einem erweiterten logistischen Aufwand, einem technischen Ausfallrisiko und höheren Beschaffungskosten bei einem wachsenden Fehl von Kämpfern bei den unvermeidlichen  infanteristischen Kampfsituationen und Patrouillen in Stabilisierungseinsätzen.

Eine Schlüsselrolle bei der Lösung des Personalproblems spielt auch hier, wie in der ganzen Sicherheitspolitik und bei allen Bemühungen um mehr Resilienz,  die Bereitschaft einer Gesellschaft, ihren Schutz bei Versagen nichtmilitärischer Mittel  im nationalen und internationalen Netzwerk von Sicherheit ggfs. auch als Ultima Ratio mit der Waffe durchzusetzen. Trotz aller Zustimmung, welche die Bundeswehr als Institution in Umfragen genießt, gilt das nicht gleichermaßen für die Auseinandersetzung mit den dem Wesen des Militärs innewohnenden Risiken von Tod und Verwundung. Die Zustimmung zur Institution  Bundeswehr gilt nicht gleichermaßen für ihre Einsätze. Unsere Gesellschaft ist aufgrund ihrer Komplexität und Offenheit schwer zu schützen.  Es gilt deshalb, Bedrohungen soweit möglich auf räumliche Distanz zu halten.

Die durch die sozialen Netzwerke geschürte Hysterie während der Terrorlage in München  in diesem Jahr, ungeachtet der in Gefahrenlagen auch immer wieder gezeigten Solidarität, lässt Zweifel aufkommen, ob mit den Bürgern bei hybriden Bedrohungen eine Krisenkommunikation als Voraussetzung für harte Entscheidungen möglich ist.

Junge Offiziersanwärter haben eine Debatte ausgelöst, ob das Bild des Kämpfers im Einsatz noch mit dem des Bürgers in Uniform noch vereinbar ist und sind auf viel Kritik gestoßen. Die Grundsätze der Inneren Führung sollen Bestand behalten und die Einbindung der Streitkräfte in die Gesellschaft garantieren. Dazu gehört aber auch eine Offenheit der Gesellschaft für das Militär und eine Aufgabe des weitgehenden Desinteresses. Eine stärkere Verankerung der Bundeswehr in der Gesellschaft bedeutet nicht bedingungslose Bewunderung,  sondern eine kompetente und kritische Begleitung der Streitkräfte bei grundsätzlicher Akzeptanz ihrer Daseinsberechtigung.

Nach dem Primat der Politik bestimmen Regierung und Parlament die sicherheitspolitische Richtung. Die Bundeswehr bekennt sich zum Status einer „ Parlamentsarmee“, deren Einsätze aufgrund der Entscheidungen des Verfassungsgerichts vom Bundestag zu beschließen sind. Die Bundeswehr hat niemals eine eigenständige Rolle im politischen Entscheidungsprozess gespielt.  Das Parlament bestimmt über seine Finanzhoheit und nach den Vorgaben von Artikel 87 Grundgesetz über Umfang und Grundstruktur der Streitkräfte.

Die Grundsätze der Inneren Führung haben in der Armee zu einem Selbstverständnis der Soldaten als Diener eines rechtlich geordneten und demokratisch verfassten Staatswesens beigetragen. Die zahlreichen juristischen Einschränkungen bei der Frage ihres Einsatzes orientierten sich bei ihrer Formulierung an den schlechten Erfahrungen aus der Zeit vor 1945, und  haben mit der 60 Jahre gelebten Wirklichkeit einer Armee in der Demokratie wenig zu tun. Die Bundeswehr gehört ungeachtet der ihrem Auftrag eigenen Befasstheit mit dem Menschheitsproblem der  Gewalt zu den Stützen des demokratischen Staates. Die immer noch einigen von Vertretern des linksliberalen und linken Meinungsspektrums gehüteten Regularien und Tabus von damals sind angesichts der Aufhebung der Grenzen innerer und äußerer Sicherheit in der Gegenwart nicht mehr zeitgemäß. Das Weißbuch 2016 unternimmt einen Versuch, den Einsatz der Bundeswehr in einem umfassenden Konzept für innere und äußere Sicherheit und zur Gefahrenabwehr im Rahmen der Gesetzeslage angesichts neuer Bedrohungen als Teil einer Gesamtstrategie der Sicherheitsvorsorge neu  zu definieren. Diese Frage wird ein neuer Prüfstein für die Akzeptanz der Bundeswehr bei den Bürgern und Meinungsmachern werden.

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Weitere Ausführungen s.u. Kontroversen und Konzeptionen bzw.  Anhang

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Text: Jürgen Dreifke, Dülmen, überarbeitet im Sommer 2016
www.bw-duelmen.de
jd@bw-duelmen.de
Die Texte dürfen unter Nennung des Autors und der Webadresse für private, nichtgewerbliche Zwecke genutzt werden. Eigene Veränderungen sind kenntlich zu machen.


Bei der  Zusammenstellung der Ausarbeitung waren sehr hilfreich:

?H. Hammerich, Das Heer 1950 bis 1970, München 2006
?G. Brugmann (Hg.), Die Reservisten der Bundeswehr, Bonn 1998
? Weißbücher der Bundesregierung und Verteidigungsministeriums 1969 bis 2016
?O.E. Dragoner  mit seinen als  eBooks veröffentlichten, umfangreichen und sehr sorgfältig zusammengestellten Stationierungslisten der NATO-Streitkräfte und vor allem der Bundeswehr in den Strukturen um 1989, zugänglich unter http://www.relikte.com/literatur.htm
?Manfred Tegge, der Webmaster dieser Website, mit umfangreichen Ausarbeitungen und Bildmaterial über die Bundeswehr im Norden ( www.relikte.com ).
?Taschenbuch der Landstreitkräfte, herausgegeben von Friedrich Wiener in den Auflagen von 1977 und 1984.
?Range, Die geduldete Armee,2005
?Siegfried Schulz, Das neue Heer, 1979
?Ulrich de Maizière, Verteidigung in Europa Mitte, 1975
?Jahrbuch des Heeres, verschiedene Jahrgänge
?Der Entwicklungsprozess in der Bundeswehr seit 1991 wird sehr gut dokumentiert durch die verschiedenen Auflagen des Taschenbuchs Deutsche Bundeswehr von „communication presse marketing“, Sankt Augustin, zuletzt Folge 5, Jg. 2015 (Redakteur W. Flume)
http://www.cpm-st-augustin.de/aktuelles/
? kritische Begleitung erfährt die Entwicklung der Bundeswehr durch das Magazin des VdRBw
„Loyal“, Chefredakteur z. Zt. Marco Seliger
?ausgewählte Beiträge aus dem „Hardthöhenkurier“  und aus „ES &T -Europäische  Sicherheit und Technik“ zur  aktuellen Streitkräftentwicklung, die Liste von Artikeln dieser Periodika ließe sich beliebig verlängern : „Hardthöhenkurier“  : Nr. 2 / 2016  : Norbert Hähnlein, Heeresaufklärungstruppe – Ausbildung und Weiterentwicklung und Friedrich K. Jeschonnnek, Wirksam, Mobil und Durchhaltefähig – Die Jägertruppe der Bundeswehr  -  Nr.3 / 2016:  Kai-Ingmar Häußermann, Reaktionsfähigkeit der Very High Readiness Joint Task Force und Friedrich K. Jeschonnnek, Renaissance der Kampfpanzer und  ders. Panzergrenadiere - eine Truppe mit Zukunft
Nr. 6 / 2015: Burghard Lindthorst, Die Artillerie des Deutschen Heeres und  Nr.2 / 2015:   Friedrich K. Jeschonnnek, Die neue Luftlandebrigade 1 ,  ES &T:  Nr. 2 /2013 : Dietmar Klos, Die Kampftruppen des neuen Heeres und in  Nr. 6 /2014 „Rüstungsprojekte“ des Heeres und  Nr. 5/2016 Thomas Höhn, Der UH Tiger – Sachstand und Weiterentwicklung
?ungenannt bleiben muss eine Vielzahlvon Beiträgen aus vielen Jahrzehnten in den Vorgängerzeitschriften „Europäische Wehrkunde/Europäische Sicherheit“, „Soldat und Technik“, dazu „Wehrtechnik“, „Heer“, „Y-Magazin“ u. „Bundeswehr aktuell“ .
? Zu den demographischen Nachwuchsproblemen:  Rolf Clement, Sicherheitsarchitektur in Deutschland in der Demographiefalle Mittler-Brief Nr 2/2, 2016.
?Zur Strategieentwicklung empfiehlt sich der Beitrag von Christian Millotat „ Streitkräfteentwicklung im Rückblick und Ringen um neue Wege“ in Military Power Revue der Schweizer Armee 1/2013
? zur aktuellen Sicherheitspolitik: Ringo Wagner u. Hans Joachim Schaprian (Hg,) Komplexe Krisen und aktive Verantwortung, Magdeburg 2016
? K.Karteusch (Hg.) Die Transformation der Bundeswehr, Verlagsgesellschaft Hardthöhe, 2009
?G. Hubatschek (Hg.) 50 Jahre Wehrtechnik und Ausrüstung, Bonn 2005
?Über den Fahrzeugpark der Bundeswehr: Werner Oswald, Kraftfahrzeuge und Panzer der Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr, 10.Auflage 1982b und  K. Anweiler, J.Plate, M.Pahlkötter, Rad – und Kettenfahrzeuge der Bundeswehr in den 90er Jahren,Stuttgart 1997
?zur Heeresentwicklung bis 1970: Peter Blume, Die Anfangsjahre des Heeres 1956 -1966,2003  und Hans-Joachim Drost, Peter Hoß, Soren Schmidt, Die Brigade 59, Gelboliv Heft 5, 2012 mit viel Fotomaterial und Kommentierung
?zur  Struktur des Zivilsschutzes und dem Beitrag der Bundeswehr: Hans Peter Magenheimer, Bevölkerungsschutz in Deutschland, Hamburg- Bonn- Berlin 2008
?Unverzichtbar für aktuelle Information ist der Internetauftritt der Streitkräfte, insbesondere
   www.bundeswehr.de  und www.deutschesheer.de  .
?Viele Informationen bietet auch, bei kritischer Nutzung,  das  Forum www.cold-war.de
?Immer aktuell der Blog von Thomas Wiegold  http://augengeradeaus.net/
? Für die Erstellungen der Grafiken wurde die Grafikbörse von Georg Breuer , Breuer Computerpublishing Lutzerath, www.breucom.de  genutzt.
?Außerdem muss ich die Teilnahme an vielen Informations- und Diskussionsangeboten der Friedrich-Ebert-Stiftung – Landesbüro NRW in Bonn zum Thema Sicherheitspolitik  moderiert von Hans Joachim Schaprian erwähnen.




Links zu www.bw-duelmen.de :                    >>Inhalt

Karte zur Stationierung der Bundeswehr 1968:
http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/6bc758ac-77a8-89e4-ca93-189210f5fffb.gif

Karte zur Stationierung des „Heeres für neue Aufgaben“ um 1998:
http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/aeb59b6e-aab8-c867-d7cf-800b0b71acea.png

Nicht aktive Truppenteile im „Heer für neue Aufgaben“ um 1998:
http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/342f3c93-26f0-008f-34b0-dccafb924158.jpg

Tabelle zur Entwicklung aller Bundeswehrverbände bis ca. 2000. Informationsgrundlage sind vor allem die Truppenchroniken aus der Zeit 1980 bis 1995 mit längerer Ladezeit:
http://bw-duelmen.de/data/documents/Kurzchroniken-aller-Verbaende-1960-2000.xls

Karte zur Stationierung der Bundeswehr Planungsstand 2001 (Transformation):
http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/4f18d599-f8b3-c51c-53f3-b67ba72eda7b.gif

Karte zur Stationierung der Bundeswehr Planungsstand 2004  ( „Struck“-Reform):
http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/eae631e6-0a05-f0fc-1220-e2fc640e8065.jpg

Gliederungbild des Heeres Planungsstand 2004:
http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/bb6c253b-7728-d921-9e86-2fe0a744e43b.gif

Übersicht zur Entwicklung der Nachschubtruppe 1959 – 2006:
http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/d3c0ab56-aa9b-2ad5-4a3a-bfcf47706270.jpg

Übersicht zur Führungsstruktur der Bundeswehr um 2009:
http://bw-duelmen.de/data/documents/FueBw.jpg

Das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr –  Konzeption der Bundeswehr und tabellarischer Überblick über die vorhandenen  Fähigkeiten (Stand März 2013):
http://bw-duelmen.de/data/documents/Faehigkeitsprofil-Bw-mit-Titel.pdf

Regionale Betrachtung vieler hier dargestellter Aspekte zur Entwicklung der Bundeswehr in
„60 Jahre Bundeswehr im Münsterland“:
http://bw-duelmen.de/data/documents/60-Jahre-Bw-Msld-Bild-u-Text-20.1.pdf

Information zu den regelmäßigen Übungen des Zivil- und Katastrophenschutzes LUEKEX unter Einschluss der zivilmilitärischen Zusammenarbeit:
http://bw-duelmen.de/data/documents/Sipo-Luekex.pdf

Zusammenfassung eines 2009 gehaltenen sicherheitspolitischen Seminars zum Thema „Bevölkerungsschutz“:
http://bw-duelmen.de/data/documents/Kreisseiminar-BOH-2009-.pdf

Information zur Nuklearen Teilhabe:
http://bw-duelmen.de/data/documents/nukl-Teilh.pdf

Bundeswehr als Drehscheibe der Integration – Grafik zur Einbindung des „Heeres für neue Aufgaben“ in multinationale Heeresverbände nach dem Stand von 1998:
http://www.bw-duelmen.de/data/imagegallery/de502ec1-2778-7705-7f8d-e055b98dfd19/33561090-8aed-6499-92ed-7483fda443e3.png

Zur Idee und Konzeption einer europäischen Armee ist im Rahmen eines sicherheitspolitischen
Seminars folgende Ausarbeitung entstanden:
http://bw-duelmen.de/data/documents/EU-Armee-Vision-Illusion.pdf

Bericht über die Planungen der niederländischen Streitkräfte 2011
http://bw-duelmen.de/data/documents/Beleidsvisie-NL.pdf
    
 Kontroversen und Konzeptionen
>>Inhalt   >>Anhang
Hier finden sich noch eine Reihe von Einzelthemen,  die in der Hauptdarstellung nicht ausgeführt worden konnten, den Wandel des Heeres und einige konzeptionelle Kontroversen aber in ausgewählten Details beschreiben


Panzer oder leichte Infanterie?    >>Inhalt
                   
Die Entwicklung des Heeres stand natürlich auch immer im Fokus konkurrierender Konzeptionen. Dazu gehörte von Anfang an die Frage nach einer Balance zwischen leichten und schweren Kräften.

Die Entscheidung war in den 50er Jahren auch aufgrund der Weltkriegserfahrungen für einen starken Schwerpunkt bei einer mobilen Verteidigung mit gepanzerten Kräften gefallen. Kampfpanzer und der Kampfschützenpanzer standen im Mittelpunkt der Planung,  fanden aber auch immer wieder Kritiker, die unterschwellig wohl auch die Aversionen einer zivil geprägten Gesellschaft gegenüber schwerem Militärgerät widerspiegelten und in der Regel Beifall erhielten.  Anstelle der Panzer wurden „billigere“ spezialisierte Panzerabwehrkräfte als Alternative empfohlen (von Bonin, Uhle-Wettler, Löser). Mit der Weiterentwicklung von gelenkten Panzerabwehrraketen erhielt diese Kritik neuen Schub. Das kurzlebige und auch nur halbherzige Experiment der Jägerdivisonen in den siebziger Jahren mag als Beispiel genannt werden.  Ohne die Einsatznotwendigkeit von leichter Infanterie in bedecktem Gelände, bei luftmobilen Einsätzen und bei der Sicherung im rückwärtigen Raum in Frage zu stellen, setzten sich in der Ära des Kalten Krieges aber immer wieder die Befürworter der gepanzerten Kräfte durch. Das hatte eine Reihe von guten Gründen. Die nach dem Hohlladungsprinzip wirkenden Panzerabwehrhandwaffen und Lenkraketen konnten die seit den siebziger Jahren eingeführten neuen Panzerungen nicht mehr sicher durchschlagen. Mit dem LEOPARD 2 wurde ein Optimum an Waffenwirkung (Wuchtmunition Kal. 120 mm), Schutz und Beweglichkeit erzielt, welche die Defizite des LEOPARD I hinsichtlich des Panzerschutzes und der geringen Mobilität des M 48 überwanden. Moderne Kampfpanzer sind in Kombination mit Kampfschützenpanzern in allen Kampfarten geeignet und weisen eine enorme Feuerkraft auf. Nur Panzerfahrzeuge boten gegenüber den zu erwartenden Feuerkonzentrationen des Warschauer Paktes genügend Schutz und waren auch unter ABC-Bedingungen noch einsetzbar. Der zahlenmäßig unterlegene Verteidiger konnte nur durch bewegliche Gefechtsführung und Gegenangriffe die Initiative  zurück erlangen.  Somit bestimmten Panzer- und Panzergrenadierbrigaden die Strukturen bis in die neunziger Jahre. Gepanzerte Fahrzeuge gab es darüber hinaus bei vielen anderen Waffengattungen und sogar in der Heimatschutztruppe. Dies musste allerdings mit einem hohen Aufwand für Unterstützung  und Logistik erkauft werden.

Mit den Auslandseinsätzen außerhalb Europas erhielten wieder die Befürworter der leichten Infanterie mehr Gehör. Im Zuge der Forderung nach mehr „boots on the ground“, also infanteristisch befähigten Kämpfern für patrouillenartige Einsätze unter den Bedingungen subversiven Kampfformen und schlechter Infrastruktur, blieb beim Truppenabbau die Substanz der Gebirgs- und Fallschirmtruppe gewahrt und es kam sogar zur Neuaufstellung von Jägertruppenteilen. Infanteriekräfte sind für weiträumige Verlegungen besser geeignet.

Angesichts der dauernden Gefährdungen der Einsatzkräfte durch subversive Kriegführung mit Minen und Sprengfallen griff man weniger auf die vorhandenen schweren Kettenfahrzeuge zurück, sondern beschaffte eine Familie von besonders gegen Sprengwirkung und Minen geschützten Radfahrzeugen (u.a. DINGO).  Dementsprechend brachten die Strukturentscheidungen von 2001, 2004 und 2011 große Einbrüche bei den gepanzerten Kräften. Nur die Panzergrenadiertruppe konnte  aufgrund ihrer Vielseitigkeit  ihren Anteil im Rahmen des allgemeinen Truppenabbaus proportional wahren. Gute Erfahrungen anderer Bündnispartner mit dem Einsatz von Kampfpanzern bei den Missionen auf dem Balkan und in Afghanistan und vor allem die Neubewertung der Bündnisverteidigung seit der Ukrainekrise werden den Trend etwas abschwächen, aber ein neuer Richtungswechsel zum „Dickblech“ ist ungewiss.

Diskussion um die Luftmobilität
       >>Inhalt
Eine weitere kontroverse Diskussion gab es um die Chancen der Luftmobilität bei den Landstreitkräften.
Die Fallschirmdivision  hatte sich von Anfang an dieser Diskussion zu stellen. Angesichts der prekären Kräfteverhältnisse bei der Verteidigung an der Grenze wurde ihr Bestand immer als „Luxus“ in Frage gestellt.  Ihr fehlte originär die schwere Waffenwirkung, auch wenn man ihr anfangs ein Panzerbataillon, zwei leichte Fallschirmartilleriebataillone (Gebirgshaubitzen), Panzerflak und sogar ein Raketenartilleriebataillon zur Unterstützung im Erdkampf zugewiesen hatte. Als hochmobile Eingreiftruppe mit Optionen für Kommandoeinsätze und mit ihrer internationalen Einsatzrolle bei den schnell verfügbaren multinationalen Eingreifkräften der NATO (AMF) konnte die Fallschirmtruppe überleben und mit neuen Transporthubschraubern seit der Struktur III in der Rolle einer Korpsreserve überzeugen. Erst die SIKORSKY CH 53 G ab 1973, ergänzt durch seit 1968 zulaufenden BELL UH1-D,  stellten den Transportraum für einen geschlossenen Einsatz bereit,  ohne dass der Fallschirmeinsatz als Option aufgegeben wurde. Moderne Transportflugzeuge können Fallschirmjäger sehr viel schneller und in größerer Zahl zu den Absetzzonen bringen als das bei den zweimotorigen Kolbenmotormaschinen NORATLAS der Fall war, die aus älteren Dokumentationen noch mit Fallschirmreihenabsprüngen im Gedächtnis sind.  Der Fallschirmdienst wurde für eine Vielzahl von besonderen Einsatzaufgaben (z.B.  Kommandoeinsätze) weiterentwickelt und gehört weiterhin zum Ausbildungsprogramm .

Angesichts der nicht einzuholenden Überlegenheit des Warschauer Paktes gab es schon früh Empfehlungen, in der dritten Dimension neue Handlungsfreiheit für die Gefechtsführung zu suchen (Senger-Etterlin). Der Hubschrauber sollte dabei aus seiner Unterstützungsrolle für den Transport zu einem eigenständigen Kampfmittel für eine luftmechanisierte Gefechtsführung werden. Der vielseitig bewaffnete und geschützte Kampfhubschrauber im Verbund mit luftbeweglicher Infanterie wurde als neuer zentraler Träger des Gefechts gesehen. Die drei leichten Panzerabwehrhubschrauberregimenter BO 105 (Nr. 16, 26, 36) der Struktur IV gingen in die Richtung, waren aber noch eine Improvisation und auf eine Reserverolle bei der Panzerabwehr beschränkt, in der man letztlich nur reagierte. Für ein luftmobiles Gefecht mit Initiative fehlte ein angriffsfähiger Kampfhubschrauber. Der deutsch-französiche „Tiger“ kam zu spät, um diese Option noch unter den Bedingungen einer Bedrohung durch einen  Hochwertgegner zu realisieren. Er wird in der Rolle eines in der deutschen Konfiguration ursprünglich nicht vorgesehenen Unterstützungshubschraubers in einem Regimentsverband (Nr. 36) eingesetzt werden. Das Experiment mit einer luftmechanisierten Brigade, in der Kampfhubschrauber und luftbewegliche Infanterie gemeinsam operieren, ist in der Neuausrichtung wieder eingestellt worden. Die Fusion von Heeresfliegern und Fallschirmjägern unter Einschluss der Kommandos Spezialkräfte in der Division schnelle Kräfte mit Unterstellung der niederländischen luftmobilen Brigade 11 wird aber diese Option offen halten.

Säule der Kriegsverhinderung oder atomarer Weltuntergang ? - Die Rolle der Nuklearwaffen
       >>Inhalt  >>http://bw-duelmen.de/data/documents/nukl-Teilh.pdf
     
Grundidee der militärischen Strategie und Sicherheitspolitik in der Ära der Ost-West-Konfrontation war es,  einen Angriff des Warschauer Paktes und die Austragung eines Krieges auf dem Gebiet der Bündnisstaaten um jeden Preis zu verhindern. Dies wollte man durch eine glaubwürdige Abschreckung auf allen Ebenen sicherstellen und jeden Angreifer einem hohen Risiko für sich, seine Truppen und seine Länder aussetzen. Dazu gehörte eine breite Palette konventioneller und nuklearer Kräfte.  Nuklearwaffen waren schon auf Divisionsebene eingebunden, um zu signalisieren, dass ihr Einsatz zu jeder Zeit und auf allen Stufen möglich sein konnte, die angreifenden Kräfte immer unter nuklearem Risiko standen und umgekehrt der Gegner vom Einsatz nuklearer Waffen gegen die eigenen NATO -Truppen durch die Möglichkeit einer angemessenen nuklearen Gegenreaktion abgehalten werden sollte. Kriegführung war somit für beide Seiten ein zu hohes Risiko, sofern die Kontrahenten rational handelten!

Im Jahre 1967 wurden diese militärischen Instrumente etwas stärker differenziert als die NATO vom Prinzip der Massiven Vergeltung zur Flexiblen Reaktion überging und die konventionelle Verteidigungsfähigkeit stärker gewichtete.

Dieser Hintergrund sollte bedacht werden, wenn hier von militärischen Planungen und der nuklearen Infrastruktur die Rede ist. Es ging dabei grundsätzlich um Kriegsverhinderung durch flexible und glaubwürdige Abschreckung und nicht um „Kriegsspiele“ zur Vorbereitung einer großen Entscheidungsschlacht mit dem großen Gegner im Osten. Jede militärische Auseinandersetzung wäre mit hohen Opfern und Verwüstungen verbunden gewesen, war aber nur in einem Bündnisrahmen, nicht in nationalem  Alleingang zu verhindern.

Atomwaffenfreie Zonen wären keine realistische Alternative gewesen, da sie nicht dadurch entstehen, dass in einem Land keine Atomwaffen stationiert sind, sondern dass keine Atomwaffen in ein Land hineinwirken können. Davon war damals wie heute auf unserem Territorium nicht auszugehen.

Die Einführung taktischer Atomwaffenträger für Heer und Luftwaffe stieß 1958 auf heftigen Widerstand in der Bevölkerung,  wurde aber wie bei den anderen europäischen Bündnispartnern nach Plan umgesetzt. Die Luftwaffe erhielt  Boden-Boden-Flugkörper (erst MATADOR, dann PERSHING I), Flugabwehrraketen (NIKE) und eine spezielle Infrastruktur auf den Fliegerhorsten der Jagdbomber F 84, dann F 104,  für die Nuklearbestückung von Alarmrotten (QRA).  Im Heer waren zuerst die Kurzstreckenraketen HONEST JOHN und 203 mm - Haubitzen  für diese Rolle beschafft worden. Die Höhepunkte des Kalten Krieges in den Jahren des Mauerbaus 1961 und der Kubakrise 1962 hielten die Atomangst wach,  führten aber auch die Notwendigkeit einer Abschreckung durch das Bündnis vor Augen und ließen die meisten Proteste verstummen. In Deutschland entstand mit NATO-Mitteln ein Netz von Fernmeldeeinrichtungen, Flugabwehrraketenstellungen, schwer bewachten Alarmstellungen (QRA) und Depots für “Sonderwaffen” und Einheiten für deren Logistik und Sicherung. Die Artillerieregimenter der Divisionen und Artilleriekommandos der Korps verfügten über nukleare Trägermittel in 28 Rohr- und Raketenbataillonen. (Nr. 11- 81, 101 -121, 210, 310, 12 - 82, 102-122, 150, 250, 350, 650). Dazu kamen einige Spezialeinheiten der Pioniere für den Einsatz von nuklearen Sprengladungen (ADM).  Mit der Einführung von Artilleriespezialzügen in den Artillerieregimentern konnten auch die Panzerhaubitzen M 109 G der Brigadeartillerie zum Verschuss von Atommunition Kal.155 mm befähigt werden. In der Artilleriestruktur 1985 gab es, abgesehen von der Gebirgsbrigade 23, den Heimatschutzbrigaden und den drei Luftbrigaden Nr. 25 -27,  aber unter Einschluss der Heimatschutzbrigade 56,  insg. 33 Panzerartilleriebataillone. Die nukleare Rolle der Artillerie war einer der Gründe dafür, dass sie sich mit über 40.000 Soldaten und 76 aktiven Bataillonen zur stärksten  Waffengattung des Heeres entwickelte!

Bis zur Diskussion um die Nachrüstungsfrage ab 1979 wurde das Thema in der Öffentlichkeit nur wenig diskutiert. In informierten militärischen und politischen Fachkreisen betrachtete man die Entwicklung der Einsatzpläne nicht ohne Sorge. Das nukleare Kriegsbild ließ sich nicht auf die einfache Formel der bloßen Abschreckung reduzieren. Bei den geheimen Planübungen der NATO wurde immer wieder deutlich, dass der Einsatz dieser Waffen in einem großen Kriege am Ende unvermeidlich schien. Die zahlenmäßige Unterlegenheit der konventionellen NATO-Streitkräfte ließ vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren, aber auch später, gar keine andere Wahl. Die Planung nuklearer Feuerfelder war zu dieser Zeit selbstverständlicher  Bestandteil von Doktrin und Übungen. Das galt auch für die Armeen des Warschauer Paktes. Die neue NATO-Strategie der Flexible Response von 1967 sah zwar eine Anhebung der “nuklearen Schwelle” vor, hielt aber grundsätzlich am taktischen Atomwaffeneinsatz auch auf dem Gefechtsfeld fest. Die Unvermeidlichkeit einer nuklearen Eskalation galt sogar als Garant einer unbedingten Kriegsvermeidung und wurde auch als Vorteil gesehen.  Andererseits führten die absehbaren Verwüstungen eines eigenen Einsatzes  und zu erwartenden Gegenschlages aber auch zu einer “Selbstabschreckung”, so dass die Planer immer wieder daran arbeiteten,  diese Waffen einsatzwahrscheinlicher und damit glaubwürdiger zu machen.  Die Zielgenauigkeit wurde erhöht und die Sprengkraft „ minimiert“.

Die erste Funktion der Atomwaffen bestand in der Abschreckung jeder Aggression, weil der Angreifer das Risiko der eigenen Vernichtung vermeiden würde. Für den Fall des Versagens der Abschreckung, sollte das Vorhandensein zahlreicher nuklearer Gefechtsköpfe und Träger auf den verschiedensten Ebenen den Aggressor im Krieg vom Einsatz seiner Atomwaffen abhalten (“interwar deterrence”). Dementsprechend mussten alle Kontingente in der Abwehrfront nuklear bewaffnet werden können, nicht nur die der klassischen Atommächte. In der “Schichttorte” durfte keine atomwaffenfreie Lücke zum Angriff einladen.

Darüber hinaus sah man in einer sehr vielseitigen Palette nuklearer Einsatzmittel von der Atomgranate an der Front bis hinauf zu den strategischen Flugköpern in den Silos und U-Booten der USA ein politisches Mittel zur Kriegsbeendigung. Der begrenzte Einsatz von taktischen Sprengkörpern konnte gewissermaßen als Signalschuss wirken, um den Angreifer zur Einstellung der Aggression zu bewegen, weil auch er eine große Eskalation zur fürchten hätte. Es entstanden umstrittene Modelle einer durch die Politik beherrschbaren Eskalationsleiter als Alternative zum unvermeidlichen großen strategischen Schlagabtausch und Weltuntergang.
Darüber hinaus blieb bei den Militärs immer noch die Versuchung bestehen, die konventionelle Unterlegenheit dadurch auszugleichen, dass man in einem großen Kriege die Angriffsformationen eben doch noch auf diesem Wege ausschaltete. Zumindest sollte der Angreifer zur Auflockerung gezwungen werden, um keine Atomziele zu bieten. Kräftekonzentrationen für eine Offensive wollte man so unter Risiko halten.

In diesem Szenario spielten “Mini”-Nukes mit geringerer Sprengkraft eine entscheidende Rolle.  Hier eröffneten in den siebziger Jahren auch die Neutronenwaffen für den Gefechtskopf der LANCE eine Option, mehr durch Strahlen- als durch Sprengwirkung viele Gegner zu töten und die eigene Infrastruktur weniger zu zerstören. Da derartige Nuklearwaffen einsatzwahrscheinlicher waren, mussten sie viel Kritik herausfordern. Gerade die zum Kern der Nachrüstung der achtziger Jahre gehörenden  US-Flugkörper Pershing 2 der “Nachrüstung” konnten ausgewählte taktische und strategische Ziele bis Moskau aufgrund ihrer Präzision mit geringerer nuklearer Sprengkraft zerstören und waren deshalb im Fokus von Kritik und Propaganda.

Die Reduzierung des Schadens mit miniaturisierten Nuklearsprengköpfen konnte aus deutscher Sicht nur eine relative Größe sein. Im dicht besiedelten Mitteleuropa hätte jeder Atomwaffeneinsatz ein unverantwortbares Risiko dargestellt!  Der Unterschied zwischen strategischen und taktischen Atomwaffen, die Adenauer einmal als „Fortentwicklung der Artillerie“ bezeichnet hatte, war in diesem Raum reine Theorie. Aus deutscher Sicht durfte die taktische Abschreckung nicht von der strategischen Abschreckung auf dem Territorium der Supermächte abgekoppelt werden. Auch das Panzergefecht in der Lüneburger Heide musste für einen Angreifer das hohe Risiko in sich bergen, möglicherweise sehr schnell den Stolperdraht  für das Abfeuern strategischer US-Raketen gegen Ziele in der Sowjetunion und damit die globale Apokalypse auszulösen.

Somit hatten die Atomwaffenträger der Bundeswehr letztlich vor allem als politische Waffen zu einer glaubwürdigen Abschreckung und Verknüpfung mit den Bündnispartnern beizutragen, gleiche Risiken zu teilen und gleiche Entschlossenheit zu signalisieren. Mit eigenen Beiträgen zur nuklearen Einsatzfähigkeit der Allianz sicherte sich die Bundesrepublik die Mitsprache in der Nuklearen Planungsgruppe.

1992 endete der Nuklearauftrag für das Heer. LANCE-Raketen und M110 A2 Haubitzen schieden aus dem Arsenal des Heeres aus und die nukleare Infrastruktur wurde abgebaut. Nur das Taktische Luftwaffengeschwader 33 in Büchel leistet heute noch mit TORNADO-Jagdbombern einen deutschen Beitrag zur nuklearen Abschreckung.

Bei der Betrachtung der nuklearen  Fähigkeiten des Heeres darf man die ABC-Abwehr-Komponente nicht übersehen. Dieser Dienst beruhte auf zwei Säulen, der ABC-Abwehr aller Truppen und der ABC-Abwehrtruppe. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Truppe soweit wie möglich vor den Wirkungen zu schützen,  ihre Kampffähigkeit zu erhalten und Schäden zu minimieren, sollte ein Gegner gegen alle Regeln des Völkerrechts diese Kampfmittel der Massenvernichtung einsetzen. Die ABC-Abwehr trug indirekt auch zur Abschreckung bei, wenn ein Gegner davon ausgehen musste,  mit nuklearem Feuer und chemischen bzw. biologischen
Kampfmitteln sein militärisches Ziel nicht mit voller Sicherheit erreichen zu können und dabei mit einem gleichartigen Gegenschlag und einer unkontrollierbaren Eskalation rechnen zu müssen. Vor allem das nukleare Kriegsbild der Zeit vor dem Strategiewechsel von 1967 ging davon aus, dass die Truppe zwischen den atomaren Feuerfeldern und in dekontaminierten Zonen weiter zu operieren habe und die Kampftätigkeit nicht zum Stillstand kommen würde. Das ABC-Abwehrkonzept der Bundeswehr sollte den Kampf unter „schmutzigen Bedingungen“ sicherstellen.

Dementsprechend galt es,  im Rahmen der ABC-Abwehr aller Truppen die Soldaten mit Schutzkleidung zu versehen, die ihnen eine Fortsetzung des Auftrages ermöglichen sollte. Truppenteile sollten mit Eigenmitteln zur Dekontamination (Entstrahlung) und zum  ABC-Spürdienst in der Lage sein. Waffensysteme sollten nach Möglichkeit gegen ABC-Verseuchung geschützt werden, was bei Panzern durch ABC-Schutzlüftungen möglich war und so auch ein Argument für die Bevorzugung des  "Dickblechs"  war.

Die ABC-Abwehrtruppe sollte in Schwerpunkten zur Dekontamination  von Personen und Gerät und in begrenzten Umfang auch von Infrastruktur und Geländeteilen beitragen. Vor allem gehörte zur ABC-Abwehrtruppe eine weit entwickelte Aufklärungsfähigkeit, um schnell Kampfstoffe und Verseuchungen zu erkennen. Nach den Anfängen mit Spürtrupps in unhandlichen Schutzanzügen auf DKW-Geländewagen mit handbetriebenen Messgeräten und Spürpulver erhielt die Truppe in den achtziger Jahren mit dem Spürpanzer Fuchs ein rollendes Labor, das international sehr gefragt ist, und auch die Ausrüstung des zivilen Katastrophenschutzes beeinflusst hat.

In ihren Labors und ihrer Truppenschule in Sonthofen erwarben die Soldaten mit der bordeauxroten Waffenfarbe eine hohe Kompetenz bei der Forschung und Entwicklung von Ausrüstung, die auch dem Zivilschutz zugutekam. Die primäre Aufgabe der ABC-Truppe ist aber immer der Schutz der eigenen Truppe gewesen. Der Schutz der Bevölkerung gegenüber der ABC-Bedrohung ist Sache des Zivilschutzes der Länder und des Bundes. Im zivilen Katastrophenfall hätte die ABC-Truppe nur eine unterstützende Aufgabe. Für diese Hilfsaufgaben hält die ABC-Truppe der aktuellen Neuausrichtung in ZMZ*-Stützpunkten zusätzliches Gerät bereit (Husum, Höxter, Bruchsal). *ZMZ = zivilmilitärische Zusammenarbeit

Über den ungewissen ABC-Einsatz hinaus konnte diese Truppe auch für die flächendeckende Nebeltarnung, Sicherungsaufgaben und die Brandbekämpfung zur Verfügung stehen. In dieser Rolle hat sie sich mehrfach bei Katastrophenlagen, zum Beispiel bei den Heidebränden 1975 bewährt.

Zum ABC-Selbstschutz jedes Soldaten gehörte immer die Schutzmaske in einer gummierten ABC-Tasche.  An die Stelle der einfachen Schutzplane traten Ponchos und in begrenzter Zahl wurden auch Schutzanzüge gelagert, um auf den schlimmsten aller Fälle vorbereitet zu sein.
Heeresbataillone hatten in ihrer Stabs- und Versorgungskompanie ein Fahrzeug mit Ausstattung für einen Truppenentstrahlungsplatz.  Gemäß den Planungsgrundsätzen der Heeresstruktur II sollte jede Brigade eine eigene ABC-Abwehrkompanie für Aufklärung und Dekontamination erhalten. Dies gelang nur für die Hälfte aller Brigaden, darüber hinaus erhielten einzelne Brigaden zumindest noch ABC-Züge. Die Kompanien auf Divisionsebene wurden Geräteeinheiten.  Auch die Aufstellung von je zwei teilaktiven Korps-ABC-Bataillonen verlief nur schleppend und blieb unvollständig.  Nur das II. Korps erhielt von Anfang an zwei Bataillone (210, 220). Im Bereich des III.Korps (Nr. 310) war das zweite Bataillon zur Unterstützung der Bundeswehrführung und Hauptquartiere (Nr. 900) reserviert. Schleswig-Holstein erhielt ein Bataillon (Nr. 610). Im Bereich des I.Korps begann die Aufstellung eines ABC-Abwehr-Bataillons (Nr. 120) erst um 1970 in Emmerich (ab 1976 als Nr. 110 in Emden).

Die Brigadeeinheiten wurden in der Struktur III aufgelöst und gingen in aktiven Divisionskompanien auf, die man den Korpsbataillonen unterstellte. Die Aufstellung von nicht aktiven ABC-Abwehrbataillonen des Territorialheeres konnte erst in der Struktur IV mit je einem Bataillon pro WBK abgeschlossen werden. Teilaktive Heimatschutzbrigaden und die Gebirgsbrigade erhielten eine ABC-Abwehrkompanie als Geräteeinheit.  Umfangreiche Aufstellungen für das WHNS-Programm beschränkten sich oft nur auf Personalbeorderungen.

Mit der Wende nach 1989 verringerte sich die Bedrohung in Mitteleuropa, aber die vielfältigen Risiken blieben angesichts fortschreitender Proliferation bestehen.  ABC-Kräfte begleiteten die Truppe auch bei Friedensmissionen in die Krisengebiete. Die kleine spezialisierte Truppengattung blieb in ihrer Substanz erst einmal erhalten und war wegen ihrer Expertise international gefragt. Die Zahl ihrer kleinen Bataillone wuchs sogar kurzfristig durch Neuaufstellungen im Osten und Umgliederungen im Westen (Pionierbataillon 7 Höxter -> ABC-Abwehrbataillon 7). Waren sie in den neunziger Jahren Teil der sechs Pionierbrigaden, so wurde nach 2002 die kleinen ABC-Bataillone in einer eigenen Heerestruppenbrigade konzentriert (aktiv: Nr. 7, 610, 750, 805, 210, nicht aktiv Nr. 110, 310, 410). Die “Struck-Reform” sah für das “Neue Heer” nur noch zwei Verbände (Nr. 7,750) und zwei Kompanien (Nr. 110, 120) an den Standorten Höxter, Bruchsal und Sonthofen vor, die mit der Neuausrichtung ab 2011 vom Heer in das ABC-Abwehrkommando der SKB überwechselten.

 Neben dem ABC-Spürpanzer FUCHS  ist  für die Dekontamination mit dem Truppen-entstrahlungsplatz 90 auf  IVECO-LKW ein weiteres leistungsfähiges modernes System in den Bestand gekommen. Die kleine Waffengattung ist mit immerhin zwei Ergänzungsbataillonen (Nr. 906, 907) und -kompanien (954, 955) unterlegt, um ihre Einsatzbereitschaft durchhaltefähig sicherzustellen. Zum ABC-Abwehrkommando gehört die Schule für ABC-Schutz und gesetzliche Schutzaufgaben, deren Verlegung von Sonthofen nach Stetten vorgesehen ist. Zu den Schutzaufgaben gehört der Brand-, Strahlen-, Selbst- und Umweltschutz in der ganzen Bundeswehr.  Das Kommando hat wie alle Fähigkeitskommandos in der SKB die Verantwortung für die zu seinen Aufgaben gehörende Truppenschule übernommen.


Verschwundene Waffengattungen
       >>Inhalt
Während die Entwicklungen und der Wandel bei den gepanzerten Kampftruppen, der Artillerie und Logistik im Haupttext ausgeführt worden sind,  sollen hier noch einige Bereiche ausgeführt werden, die dort ausgeklammert blieben.

Zusätzlich zur zentralen Rolle der Panzertruppe bei der Bekämpfung  von angreifenden Panzerverbänden, verfolgte das Heer neben dem Kampfpanzer weitere Entwicklungen um die Panzerabwehr zu verdichten und bestimmte taktische Einsatzmöglichkeiten zu erweitern. Panzergrenadierbataillone aller Typen erhielten in der Struktur II Panzerjägerzüge, die mit Kanonensystemen verschiedener Herkunft ausgestattet waren, um mit defensive Taktiken aus ausgewählten Positionen die Panzerbekämpfung  zur Abnutzung des Gegners aufzunehmen.  Das waren anfangs leichte Panzer des Typs M 41 (Kal. 76,2 mm)  oder schwere  M 47 bzw. M 48 (Kal. 90 mm).  An ihre Stelle trat ab 1964 ein neu entwickelter Kanonenjagdpanzer  (Kal. 90 mm)  mit niedriger Silhouette.  Außerdem nutzte man handgesteuerte Hohlladungsraketen, die von Infanteristen mit einem Steuerpult ins Ziel gelenkt werden konnten. Derartig ausgerüstete Raketenzüge gab es zusätzlich zu den Kanonenzügen in den Panzergrenadierbataillonen der Struktur II.  Dabei gab es leichtere Varianten für den Infanteristen auf DKW-MUNGA (COBRA) und schwere Panzerabwehrlenksysteme auf Kettenfahrzeugen (SS 11). Als Trägerfahrzeug gab es anfangs einige HS 30 und dann das Fahrgestell des Kanonenjagdpanzers.  Schließlich  wurden die Raketen- und Kanonenjagdpanzer in einer Brigadepanzerjägerkompanie zusammengezogen.  Für die Panzerabwehr aller Truppen beschaffte man als Panzerabwehrhandwaffen rückstoßfreie Hohlladungssysteme, wie die leichte und die schwere PANZERFAUST.  Auch rückstoßfreie Leichtgeschütze aus US-Herstellung  (Kal. 106 mm) waren im Bestand der Panzergrenadiertruppe und wurden später im Territorialheer aufgebraucht.

Die Panzerjägertruppe steigerte ihre Fähigkeiten mit Zulauf neuer leichter zu lenkenden Raketen (HOT, TOW)  und setzte sie von Jagdpanzern oder leichten luftverlastbaren Fahrzeugen (KRAKA, WIESEL) aus ein. Die Schützen mussten keine Lenkbefehle mehr geben, sondern nur das Ziel im Visier behalten.

Die Panzergrenadiere erhielten in den siebziger Jahren mit der MILAN eine hochmobile, tragbare und wirksame Panzerabwehrrakete, die immer noch genutzt wird. Die Kanonenjagdpanzer mit der 90-mm Kanone entsprachen in der Struktur IV dagegen nicht mehr der Bedrohung und wurden auf TOW - Raketen umgerüstet oder als Beobachtungspanzer für Artillerie und Mörser genutzt. Die schweren Panzerabwehrraketen HOT bestückten auch die leichten Panzerabwehrhubschrauber BO 105, während man sich in den neunziger Jahren schrittweise von den Raketenjagdpanzern verabschiedete. Heute setzen nur noch Panzerabwehrhubschrauber die HOT ein, die auf einen Nachfolger wartet. Hier hat sich am Ende doch die Rohrwaffe des Kampfpanzers durchgesetzt.  Weiterentwickelt wurde dagegen die PANZERFAUST für die Panzerabwehr aller Truppen und die MILAN soll auch einen Nachfolger erhalten.

Die Panzergrenadiere und auch die Jägertruppe verfügten neben den Panzerabwehrraketen in den Mörsern eine zweite schwere Unterstützungswaffe zur eigenen Verfügung. In den alten Panzergrenadierbataillonen gab es Mörserzüge. Nach dem Ausscheiden der Panzerabwehrzüge wurden die schweren Kompanien der Panzergrenadierbataillone zu einer Panzermörserkompanie (120 mm auf M 113) mit der die Infanterie verzugslos Ziele in ihrem Beobachtungsbereich mit Steilfeuer bekämpfen konnte.  Aktive oder nicht aktive Mörserkompanien hatten auch die Fallschirmbrigaden und Jägerbataillone des Feldheeres und Heimatschutzregimenter des Territorialheeres. Im Zuge der Transformation und Neuausrichtung haben die Infanteristen diese Waffe weitgehend verloren (Ausnahme: Fallschirmjägertruppe). Ein Bedarf an neuen Mörsersystemen bleibt aber im Fokus der Planung. Kleine Teile werden möglicherweise im Rahmen der Konzeption indirektes Feuer für alle Teilstreitkräfte unter dem Dach der Artillerie überleben.

Zu den weitgehend verschwundenen Komponenten gehört auch eine für das deutsche Heer sehr eigentümliche Waffengattung, die Heeresflugabwehr. Die war in der NATO keineswegs selbstverständlich. Die US-Streitkräfte verließen sich traditionell auf ihre Luftüberlegenheit. Die weltkriegserfahrenen Planer der Anfangsjahre hatten deren Anteil an der deutschen Niederlage erfahren und bestanden auf einen Luftabwehrschirm des Heeres über der eigenen Truppe, der von der Luftwaffe unabhängig war. Die Luftwaffe beteiligte sich im Rahmen der NATO an einer weiträumigen integrierten Luftverteidigung des Bündnisses mit Jagdflugzeugen, Flugabwehrraketenkräften und Radaranlagen und plante einen offensive Kampf gegen die Luftbasen des Gegners und strategische Ziele im Hinterland. Ein Schutz der Heeresoperationen durch Jagdflugzeuge in Bodennähe war wegen der engen Verzahnung mit dem Gegner schwierig und kam für die F 104 G ohnehin nicht in Frage. Das änderte sich etwas mit dem Tactical Fighter Konzept der F 4 Phantom ab 1974.  Die Flugabwehrraketenkräfte gegen Tiefflieger strebten seit der Ausrüstung mit dem mobilen System HAWK ab 1963 an, ihre Luftverteidigungszonen  hinter den eigenen Landstreitkräften  einzurichten und mit diesen in Fühlung zu bleiben. Das wurde in den späteren Jahren auch vermehrt geübt.

Nach Lage der Dinge erschienen in der Aufbauphase mobile und gepanzerte  heereseigene Flugabwehrkräfte gegen die Bedrohung aus der Luft unverzichtbar.  Als Waffensystem stand dafür für fast 25 Jahre nur das Kettenfahrzeug M 42 mit einer optisch gelenkten 40 mm Zwillingsflak zur Verfügung. Zum Schutz von Objekten im rückwärtigen Gebiet konnten in den sechziger Jahren in der Luftwaffe frei gewordene 40 mm Flak-Geschütze als Zusatzwaffe für die Divisionsflugabwehrbataillone übernommen werden, die bereits über einer radargestützte elektronische Feuerleitung der Feuerzüge verfügten. Diese Systeme waren aber nur stationär einsetzbar und wurden deshalb ab 1970 in sieben aktiven und nicht aktiven Korpsflugabwehrbataillonen zusammengezogen.  Die angestrebte Aufstellung von je einer Panzerflakbatterie M 42 in jeder Brigade konnte in der Struktur nicht abgeschlossen werden und so wurden die Panzerflugabwehrkräfte in den Divisionsflugabwehrbataillonen konzentriert.  Zur Luftraumüberwachung gab es beim Korpsflugabwehrkommandeur auch einige ältere mobile Radargeräte auf MAN-Kofferfahrzeugen. Zusätzlich unterhielt die Luftwaffe einen Luftraumbeobachtungsdienst in Grenznähe, der in den 70er Jahren mit  mobilen Radaranlagen zur Tieffliegererkennung ausgestattet wurde und seine Ergebnisse auch an das Heer melden konnte. Das geschah anfangs aber noch ohne Datennetze mit klassischen “manuellen” Meldeverfahren.


Einen großen waffentechnischen Fortschritt brachte die Ablösung des M 42 durch den radar- und rechnergesteuerten Flugabwehrpanzer GEPARD auf dem Fahrgestell des LEOPARD I ab 1978. Die GEPARD wurden die dem Einsatz von Panzerfäusten ähnlichen FLIEGERFAUST-Trupps ergänzt, die man wegen des Problems der Freund-Feind-Identifizierung nicht  in der Truppe für die Fliegerabwehr aller Truppen verteilte, sondern an die Fähigkeiten der Flugabwehrpanzer zur Luftraumüberwachung, Zielerkennung und -identifizierung band. Die Aufklärung und Identifizierung setzte auch der Fliegerabwehr aller Truppen mit MG und Sturmgewehr Grenzen.

Weitere Fortschritte zeichneten sich auch in den vier aktiven Korpsflugabwehrverbänden ab, wo der Flugabwehrraketenpanzer ROLAND Anfang der achtziger Jahre die 40 L 70 in Geräteeinheiten verdrängte. Der ROLAND auf dem Gestell des MARDER hatte mit seinen Flugkörpern eine etwas größere Reichweite (8 km) als das Rohrsystem GEPARD (5 km). Die Heeresflugabwehrverbände waren zu Regimentern hochgestuft worden.  Mit dem rasanten Wachstum der Kommunikationstechnolgie zeichnete sich auch für die Heeresflugabwehr eine beständiger Ausbau der Vernetzung der Systeme zu einem eigenen Führungsinformationsystem ab, für das noch ein leistungsfähiges Luftraumüberwachungsradar LÜR für den Korpsflugabwehrkommandeur geliefert werden musste.

Mit dem Wandel nach 1990 verzögerten sich allerdings die Kampfwertsteigerungen, da von einer unmittelbaren Luftbedrohung nicht auszugehen war und in den Auslandseinsätzen kein gleichwertiger Luftgegner auftrat. Zu den schweren GEPARD und ROLAND , die es nur noch in den Divisonsverbänden gab, traten jetzt auch drei leichte Batterien mit einer Kombination von FLIEGERFÄUSTEN REDEYE und Radargeräten auf den leichten luftbeweglichen Panzern WIESEL, die in dieser Konfiguration als OZELOT bezeichnet wurden.  Diese waren schneller im Lufttransport zu verlegen als die Flugabwehrraketenpanzer. Die Modernisierung der GEPARD und ROLAND hatte keine hohe Priorität. Die verbliebenen Verbände wurden in der Transformation noch in einer eigenen Heerestruppenbrigade konzentriert (aktiv: Nr.6, 7, 12, 131, 300, leichte Batterien 100, 300, 610 - nicht aktiv:  Nr. 61, 101,121,132,301). Mit der “Struck”-Reform schieden die ROLAND aus der Truppe aus und noch vor der Entscheidung zur Neuausrichtung 2011 verordnete der Heeresinspekteur  das Ende der letzten beiden GEPARD-Verbände (Nr. 6,12).

Mit der Neuausrichtung übernimmt die Luftwaffe die alleinige Verantwortung für die Luftverteidigung, für die sie aber nur Jagdflugzeuge und Flugabwehrraketen PATRIOT bereitstellen kann. Vom Heer hat sie noch eine Batterie mit dem oben beschrieben System OZELOT und einige Luftraumüberwachungsradar LÜR übernommen. Die Luftwaffe hat für den Feldlagerschutz auch einige stationäre radar- und rechnergestützte Kanonensysteme MANTIS gegen Flugzeuge , Flugköper und Granaten erhalten. Das PATRIOT-Nachfolgesystem MEADS soll auch “billigere” Flugkörper geringerer Reichweite gegen weniger hochwertige Ziele einsetzen können. Die Zukunft der Nahbereichsflugabwehr zu Lande bleibt ungewiss und das Heer hätte bei einem größeren Einsatz kein eigenes Dach. In den Nachbarstaaten ist die Entwicklung ähnlich, auch Belgien und die Niederlande haben ihre GEPARD aus den Arsenalen gestrichen. Einige Flugabwehrsysteme wurden an die neuen Bündnispartner im Osten abgegeben. Angesichts der Verbreitung von kleinen unbemannten bewaffneten Fluggeräten (Drohnen) dürfte der Verzicht auf eine Heeresflugabwehr mit Fragezeichen versehen zu sein.


Von den Fernmeldern zur Führungsunterstützung
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Einen besonders rasanten technischen Wandel erlebte die Fernmeldetruppe. Sie war im Feldheer und Territorialheer gleichermaßen vertreten und hatte die Führungsfähigkeit der nationalen und internationalen Stäbe auf dem Gebiet der Bundesrepublik ebenso sicherzustellen wie die Kommunikation der Brigaden, Korps, Divisionen und Bataillone auf dem Gefechtsfeld. Fernmeldekräfte und Pionierkräfte, deren Bataillone Regimentsstäben unterstellt waren, machten das Gros der aktiven Einheiten im Territorialheer aus.  Die Fernmeldekräfte mussten unabhängig von einer Mobilmachung in Krise und Krieg sofort einsatzfähig sein, so dass die Kaderung hier Grenzen hatte,  Auf dem Höhepunkt der Heeresorganisation in der Struktur IV umfasste die gelbe Waffenfarbe unter Einschluss der elektronischen Kampfführung, psychologischen Verteidigung und zweier nicht aktiver Einheiten knapp 40 Bataillone. Im Feldheer besaß jede Division  ein Fernmeldebataillon. Die drei Korpsfernmeldekommandeure verfügte über je ein Fernmeldebataillon für den Betrieb von Fernmeldezentralen und des Funkbetriebs  (Nr.110, 210, 310, 610) und ein Bataillon für den Aufbau eines Netzes von Richtfunkverbindungen, das alle Teilnehmer im Korpsbereich miteinander verband (Nr. 130, 230, 330, 620). Dieses automatisierte Korpsstammnetz  (AUTOKO) wurde kontinuierlich weiterentwickelt. Äußeres Merkmal dieser Fernmeldebataillone waren Kabinen auf LKW 5 t tmil oder UNIMOG und Richtfunkantennenmasten auf Anhängerfahrzeugen. Die elektronische Kampffführung im Feldheer wurde von den Fernmeldebataillonen 120, 220 und 320 der Korps betrieben, die auch die Divisionskompanien führten. Gegen Ende der Struktur IV begann ein Prozess,  bei dem der Fernmeldedienst mit dem Gefechtsstandsbetrieb der Stabseinheiten zum Bereich Führungsunterstützung zusammenwuchs. Die in Riesenschritten voranschreitende Kommunikations- und  Datentechnologie veränderte die Truppenführung und Informationsvernetzung. Monitore ersetzten  in der Gefechtsstandtechnik die Lagekarten.

Die Trennung von Fernmeldebetriebsbataillonen und Verbindungsbataillonen fiel zunehmend weg und beide Bereiche wurden in Führungsunterstützungseinheiten  integriert. Neben den bisherigen Verbindungsmitteln Kabel, Richtfunk und Funk eröffneten Satellitenkommunikation und Lichtwellenleiter mehr Flexibilität  und höhere Übertragungsleistungen, die eine Beschränkung auf Fernschreib-, Telefon-,  Tast- und Sprechfunkbetrieb nicht mehr erforderten. So sind auch Videokonferenzen möglich und enorme Datenmengen können zwischen Sensoren, Wirkmitteln und den Terminals der Stäbe ausgetauscht werden. Es stellt sich hier natürlich sofort das Führungsproblem der Auswertung und Gewichtung einer großen Informationsflut.

Es erübrigt sich zu sagen, dass in jeder Einheit einen eigener Truppenfernmeldedienst die Kommunikation zwischen den Teileinheiten und den Anschluss an die übergeordnete Führungsebene garantiert. Je weiter man nach unten kommt, desto größere Bedeutung gewinnt der Funk, aber auch das alte Kabel von der „Bongotrommel“ mit dem Feldfernsprecher behält seinen Platz in überschaubaren Einsatzräumen. Da auf den unteren Führungsleisten Befehle in der Regel unmittelbar ausgeführt werden, ist die bei aller Verschleierung und Verschlüsselung des Funkbetriebes nicht auszuschließende Aufklärung durch den Gegner von geringerem Gewicht. Der Zeitbedarf für eine Auswertung und Reaktion kann bei schneller Führung zu groß sein. Die besondere Bedeutung der Fernmeldemittel für die Einheiten mit nuklearen Einsatzaufträgen sei noch einmal unterstrichen. Letztlich ging die Kommandokette bis zum US-Präsidenten.

Auch nach der Fusion von Feldheer und Territorialheer 1969 gab es eine eigene Fernmeldestruktur im Organisationrahmen des Territorialheeres, die natürlich mit dem Feldheer, Luftwaffe, Marine und den Partnern vernetzt war. Unmittelbar der Bundesregierung, dem BMVg und den Hauptquartieren der Teilstreitkräfte zugeordnet war die Führungsfernmeldebrigade 900 mit drei Fernmeldebetriebsbataillonen für die Kriegshauptquartiere im Ahrtal, Kastellaun und Gerolstein (Nr. 910, 920, 930) und zwei Verbindungsbataillonen zum Aufbau einer Richtfunkkette nach Norden und Süden (Nr. 960, 970). Dazu gehörte auch eine Verband für elektronische Kampfführung in Daun und an anderen Standorten im Bundesgebiet (Nr. 940). Die Territorialkommandos verfügten ebenfalls über je ein Betriebs- und Verbindungsbataillon für den Eigenbedarf und Bündnisaufgaben (Nr. 810, 820, 860, 870). Die Bataillone 840 (Essen) und 890 (Mannheim) unterstützten den Fernmeldebetrieb der NATO, gehörten aber zum Territorialheer.

Die Wehrbereiche hatten für den eigenen Stabsbetrieb nur eine Fernmeldekompanie, waren aber über die Bereichsfernmeldeführer für das stationäre Grundnetz der Bundeswehr mit vielen Fernmeldestellen an den Standorten verantwortlich. Dieses Netz war ein eigener militärischer Teil des Postnetzes und stützte sich auf ca. 34 geschützte Grundnetzschalt- und Vermittlungsstellen ab, die weitgehend  Zivilpersonal  einsetzten , im Falle einer Mobilmachung aber von Kombattanten aus dem Mobilmachungsaufwuchs betrieben und gesichert wurden. Zu diesem Netz gehörten auch zahlreiche übers Land verteilte und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Anschlusskästen, wo sich die Truppe im Gelände an das Netz anbinden konnte.

Nach der Auflösung des Territorialheeres bis 1994 fasste das Heer seine Führungsunterstützungskräfte in eigenen Brigaden und Regimentern zusammen, in die auch das Feldjägerwesen integriert wurde. Die Transformation überführte den Fernmeldeweitverkehr in die Streitkräftebasis, die auch große Teile der Luftwaffenfernmeldetruppe übernahm. Es blieben aber noch einige Führungsunterstützungsbataillone beim Heer, die den Brigaden und Divisionen zugeordnet wurden.

Mit der Neuausrichtung wird es im Heer nur noch Stabs-/Fernmeldekompanien  für Brigaden und Divisionen geben. Darüber hinaus hat der Truppenfernmeldedienst ebenfalls eine umfangreiche eigene Führungsaustattung erhalten, der die Führungsleistung der Bataillone erhöht. Die sechs Führungsunterstützungsbataillone des Führungsunterstützungskommandos der SKB (Bonn) können in jedem Einsatzgebiet eine breite Palette von Fernmelde-, Datenverarbeitungs-  und Gefechtsstandstechnologie für die Einsatzführung,  Vernetzung der Kontingente und Anbindung an die übergeordneten Führungsleistung und Heimatbasis anbieten. Diese Einheiten sind in der Bundeswehr die mobilen Dienstleister für Informationstechnik.





Pioniere –  Breites Spektrum mit Prioritäten
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Ähnlich wie die Fernmeldetruppe waren auch die Pioniere ursprünglich gleichermaßen im Feld- wie im Territorialheer vertreten. Der Grundauftrag lautete Hemmen der Bewegungen des Gegners und Sicherstellung der Bewegungen  eigener Truppen. Vor allem im Territorialheer kam noch die Beseitigung von Schäden dazu und für einige Sonderaufgaben gab es Spezialpioniere.

Die Grundgliederung im Feldheer bestand aus einer Panzerpionierkompanie in den Brigaden mit Brückenlege- und Pionierpanzern und Sperr- und Räummitteln. Auf Divisionsebene gab es ein Bataillon mit umfangreicher Geräteausstattung für Sperr-, Bau und Brückenaufgaben. Eine Kompanie war dabei für den Kriegsbrückeneinsatz mit Schlauchbootbrücken und später Faltschwimmbrücken verantwortlich. Bei den Korpspionierkommandos gab es neben zwei bis drei aktiven und einem nichtaktiven Pionierbataillon ein amphibisches Pionierbataillon mit Radfahrzeugen, die im Wasser zu Brücken oder Fähren zusammengefügt werden konnten (Nr. 130, 230,330). Dazu kamen ein bis zwei teil- und nichtaktive Schwimmbrückenbataillone, die eingelagertes Pontongerät (Hohlplatten) im rückwärtigen Korpsbereich einsetzen konnten. Das erste Pionierbataillon jedes Korps hatte auch eine Teileinheit für den Einsatz nuklearer Sprengladungen (ADM).

In der Terrritorialverteidigung war in den sechziger Jahren eine größere Zahl von Pionierverbänden aufgestellt worden, die vor allem die Gewässerübergänge über die größeren Ströme bei Ausfall der Brücken für die NATO-Kräfte ermöglichen sollten. Neben dem standardmäßigen Hohlplattengerät gab es auch einige spezielle  Schwimmbrückengeräte, bei denen Schwimmkörper und Brücken schon montiert waren. Zusätzlich lagen am Rhein und kurze Zeit auch an der Weser bei Bremen vier Flußpionierkompanien mit Pionierfähren (MANNHEIM. BODAN). Es gab auch TV-Pionierbataillone mit allgemeinem Gerät für Baueinsätze und als Sonderformation zwei Bataillone für die Instandsetzung der NATO-Pipelines und Aufbau von Ersatzleitungen und Feldtanklagern. Diese waren Kader für insgesamt sieben Pipelinepionierbataillone nach Mobilmachung.  Die Strukturen im Bereich des Territorialkommandos Schleswig-Holstein waren ähnlich, bestanden aber in gekürzter Form.

In der Strukturen III und IV wurden die aktiven Pioniere des Territorialheeres schrittweise in das Feldheer überführt. Die Pionierkommandos 800 und 850 behielten aber die Pipelinepioniere und eine größere Zahl von nicht aktiven Schwimmbrückenbataillonen. In Schleswig-Holstein gab es neben Geräteeinheiten zwei aktive Divisionspionierbataillone (Nr. 6, 61)und ein aktives Bataillon des Territorialkommandos (Nr. 620).

Die Wehrbereiche stellten zur Schadensbekämpfung nicht aktive Pionierbataillone auf, die bei der Mobilmachungsergänzung das  Gerät der Bauindustrie einplanten.

Eine besondere aktive Pionierkomponente des Territorialheeres waren die Wallmeister,  die in den VBK und VKK die vorbereiteten Sperranlagen an der Verkehrsinfrastruktur überwachten.
Ähnlich wie die Führungsunterstützungskräfte wanderten im Heer für neue Aufgaben die  verbliebenen aktiven und nichtaktiven Pionier – und Schwimmbrückenbataillone in die sechs Pionierbrigaden der Divisions-/Wehrbereichskommandos. Diese führten auch die ABC-Bataillone und einzelne Pipelinepionierkompanien.

In der Transformation ab 2002 wurden einzelne Pionierbataillone den Brigaden unterstellt  und wie bei anderen Kampfunterstützungstruppen eine Pionierbrigade des Heerestruppenkommandos gebildet (aktiv: Nr 12, 130, 140, 701 nicht aktiv: Nr. 160, 704, 722, 741, 810, 861). Innerhalb der Streitkräftebasis entstanden zwei Spezialpionierbataillone für den Feldlagerbetrieb und Pipelineaufgaben. Die Heerestruppenpionierbrigade wurde im „Neuen Heer“ nach 2006 wieder aufgelöst. Neben vier Brigadepionierbataillonen blieben noch zwei Bataillone im Pionierregiment 100 der 1. Panzerdivision, das unter anderem die verbliebene amphibische Pionierfähigkeit abbildete. Die Neuausrichtung sieht nur noch sechs Panzerpionierbataillone der Brigaden und einen Ergänzungstruppenteil Typ 1 (Nr. 901)mit je einer amphibischen und einer Faltschwimmbrückenkompanie vor. Dazu kommt ein Ergänzungstruppenbataillon Typ 2 (Nr. 905) und zwei selbstständige Kompanien in der Luftlande- und der deutsch-französischen Brigade. Die Spezialpionierkomponente der SKB wird auf ein Bataillon im Rahmen des Logistikkommandos gekürzt. Für Hilfsaufgaben im Katastrophenfall hält die Pioniertruppe an Pionierstandorten in ZMZ-Stützpunkten zusätzliches Gerät bereit (Husum, Havelberg, Minden, Holzminden, Gera, Ingolstadt, Bogen)

Die Pioniertruppe wird auf Sperraufgaben verzichten müssen und ihren Schwerpunkt bei der Sicherstellung der eigenen Bewegung  und den Schutz der eigenen Kräfte setzen. Nur die Artillerie mit ihren MARS-Werfern wird noch großflächige Minensperren schnell verlegen können(?). Unter dem Eindruck der Bedrohung bei den Auslandseinsätzen hat die Bekämpfung von Minen und Sprengfallen besonderes Gewicht bekommen.  Die zeitweise an die SKB übertragenen Fähigkeiten zur Kampfmittelbeseitigung (Explosive Ordnance Disposal). kehren in die Pioniertruppe des Heeres zurück.

Der Minenkampf als Mittel der Verteidigung hatte in der Rüstungsplanung nach 1980 durch „intelligente“, programmierbare Minen und Richtminen durchaus eine Perspektive entwickelt, die aber aufgrund einer veränderten sicherheitspolitischen Lagebeurteilung und des allgemeinen Ressourcenabbaus nicht voll realisiert wurde.



Sanitätsdienst im Spannungsfeld zwischen Fürsorge im Frieden und Vorsorge für den Krieg.
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Wenn man die heutige Leistungsfähigkeit des zentralen Sanitätsdienstes mit der sehr lückenhaften Kriegsvorsorge für Soldaten und Bürger in früheren Strukturen vergleicht, wird deutlich, dass der eigentliche  Ernstfall damals ein Tabu darstellte, dessen Eintreten man sich nicht wirklich vorstellen konnte und wollte.  Ähnliche Gedanken gehen durch den Kopf, wenn man die umfangreichen Schutzpakete für Fahrzeuge in Auslandseinsätzen betrachtet und mit den Kunststoffscheiben der früheren MAN, MAGIRUS und FAUN vergleicht,  die im “Verteidigungsfall” abgenommen werden sollten und die Soldaten dann in offenen Führerhäusern hätten fahren müssen. Damals lag die Priorität auf dem Funktionieren der Technik für die Abschreckung und die Innere Führung zur Demokratisierung der Streitkräfte im Frieden. Den Krieg zu denken war ein Tabu.

Natürlich gehörten auch Sanitätstruppen von Anfang an zum Aufbau der deutschen Streitkräfte.
Es gab wie bei anderen Waffengattungen auch einen truppeneigenen Dienst, wo die Sanitäter ihren Einheiten zugeordnet waren, bei Übungen begleiteten und im Friedensstandort den Betrieb des Sanitätsbereichs unterstützten. Mangels Fachpersonal musste dort die Versorgung zum Teil auch mit zivilen Vertragsärzten geleistet werden. Bundeswehrkrankenhäuser ergänzten die Versorgung in den Standorten, die für den Grundbetrieb natürlich ausreichte.

Anders sah es bei der Planung für den Einsatz im Kriege aus. Das Versorgungsbataillon jeder Brigade verfügte über eine Sanitätskompanie für Bergung, Erstversorgung und Abtransport zum Hauptverbandsplatz.  Diese wurden 1971 den Divisionsbataillonen unterstellt.  Aufgestellt wurden schrittweise je ein Sanitätsbataillon in den Divisionen und drei Bataillone unterschiedlicher Gliederung für die Korpssanitätskommandeure, zum Teil auch Lazarette.  Diese Bataillone waren aber von Anfang an stark gekadert und auf sehr viele Mobilmachungsreservisten angewiesen. Vor allem fehlte medizinisches Fachpersonal. Mit der Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968 lagen die rechtlichen Voraussetzungen vor, medizinisches Personal beider Geschlechter für den Dienst in Lazaretten des Militärs und Zivilschutzes einzuziehen.

Die chirurgische Erstversorgung war auf den Hauptverbandsplätzen der Division vorgesehen bevor die weitere Betreuung in dem stationären Sanitätsdienst des Territorialheeres im westlichen Teil der Bundesrepublik und benachbarten Ausland erfolgen konnte. Die Sanitätskette hatte dementsprechend einen hohen Transportbedarf. Luftwaffe und Marine hatten einen eigenen Truppensanitätsdienst.

Die eigentliche Versorgung der zu erwartenden hohen Zahl von Verletzten sollte in der mobilmachungsabhängigen Lazarettorganisation des Territorialheeres erfolgen.  Kasernen und andere öffentliche Gebäude sollten als Hilfskrankenhäuser genutzt und durch das Gerät und mobilgemachte Personal der Reservelazarettgruppen betrieben werden. Mobilgemachte Krankentransporteinheiten, welche Busse der Streitkräfte oder aus der Zivilwirtschaft nutzten oder Züge der Bahn zu Sanitätszügen umwanden konnten,  gehörten zum Betrieb der medizinischen Rettungskette.  Im Territorialheer gab es eine geringe Zahl von aktiven Sanitätsbataillonen, später Sanitätsausbildungszentren, zur Ausbildung des Personals. Der Personalbedarf war sehr hoch und der aktive Bestand im Feldheer und noch mehr im Territorialheer sehr gering, so dass Zweifel aufkamen, ob die große Zahl nicht aktiver Einheiten wirklich rechtzeitig einsatzbereit gewesen wäre. In den Weißbüchern lag das Hauptaugenmerk auf der Struktur des Friedensanitätsdienstes, der vor allem durch die Bundeswehrkrankenhäuser einen guten Ruf erworben hatte. Ein Teil der Ärzte in der Truppe kam aus den Kreisen von Wehrpflichtigen, die erst ihre Ausbildung zum Mediziner abschließen durften, um dann ihren Wehrdienst als Stabsarzt abzuleisten.

Der zivile Bevölkerungsschutz hatte ähnliche Probleme wie der militärische Sanitätsdienst im Kriege, weil die Aufstellung einer eigenen stark paramilitärischen Zivilschutzorganisation des Bundes nicht recht vorankam, bis man schließlich die Kapazitäten des Bundes mit denen der Länder und Kommunen verknüpfte unter Beachtung der unterschiedlichen Kompetenzen von Bund und Ländern im Frieden und im Krieg. Das Thema hatte sicher nicht die größte politische Priorität, weil man sich auf das Funktionieren der nuklearen Abschreckung für eine unbedingte Kriegsvermeidung verließ.

In den Folgestrukturen gab es Verbesserungen bei der Organisation des Kriegssanitätsdienstes durch eine zunehmende Zahl von ausgebildeten Reservisten und Übungen, auch durch eine engere Kooperation der Lazarettorganisation mit zivilen Krankenhäusern. Sicherlich profitierte die Bundeswehr hier auch vom Wachstum der Gesundheitsindustrie und ihrer Arbeitsplätze.

Die Transformation bündelte die Sanitätskräfte aller Teilstreitkräfte in einem eigenen Organisationsbereich von ca. 20.000 Soldaten und Soldatinnen.  Das Personalproblem des Sanitätsdienstes wurde auch durch den Dienst von Soldatinnen entschärft.

Mit dem Wegfall der Mobilmachungsorganisation (Auflösung der Reservelazarettgruppen  bis 2008)  kann sich der Sanitätsdienst heute auf eine optimale Friedensversorgung konzentrieren, die in der Neuausrichtung einem eigenen Kommando für regionale Sanitätsunterstützung untersteht. Das Kommando für die Einsatzsanitätsunterstützung kann sich mit künftig fünf mobile Verbänden (drei Sanitätsregimenter, Lehrregiment, Kommando schnelle Sanitätseinsatzkräfte,) auf die Organisation einer gut ausgestatteten Erstversorgung und abgestuften Rettungskette für sehr viel weniger Soldaten einstellen, als das bei einer Kriegsstärke von über 1,3 Millionen Soldaten vor 1992 der Fall gewesen wäre. Damals musste die Effizienz glücklicherweise nicht unter Beweis gestellt werden. Das ist bei der heutigen Einsatzarmee anders. Sanitäter sind im Einsatz unmittelbar vor Ort und werden ohne Einschränkungen zur Selbstverteidigung mit Handwaffen ausgebildet. Gepanzerte Radfahrzeuge für den Verwundetentransport (FUCHS, ENDURO)  und für bewegliche Arzttrupps (EAGLE)  haben die leichten Kettenfahrzeuge ersetzt. Man hat sich auch daran gewöhnen müssen, dass die irregulären Kämpfer in den Kriseneinsätzen die internationalen Schutzzeichen nicht respektieren und diese ggfs. auch abgelegt werden müssen. Die Sanitäter haben in der Einsatzwirklichkeit ihre frühere Sonderrolle verloren und sind, unter Beachtung der völkerrechtlichen Regeln, Teil der kämpfenden Truppe geworden, für deren Einsatzmoral sie von großer Wichtigkeit sind.
Für Hilfsaufgaben im Katastrophenfall hält der Sanitätsdienst in ZMZ-Stützpunkten zusätzliches Gerät bereit (Leer, Berlin, Weißenfels, Rennerod, Koblenz, Dornstadt, Feldkirchen).


Panzeraufklärer - vom vierten Manöverelement der Division zum technischen Spezialverband
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Ein selbstbewusste Waffengattung  waren die Panzeraufklärer, die sich in der Tradition der früheren Kavallerie sahen. Sie sollten mit beweglichen gepanzerten Spähtrupps durch Erdaufklärung die Absichten des Gegners durch Beobachtung erkunden und melden. In der Grundgliederung bis zur Heeresstruktur IV besaß jede Division ein Panzeraufklärungsbataillon, dem im Laufe der Zeit auch die Panzerspähzüge (später Panzeraufklärungskompanien)  der Brigaden unterstellt wurden. Sie sollten den Kampf vermeiden, wurden aber auch mit Kampfpanzern in der Stärke eines halben Panzerbataillons ausgestattet, um Aufklärungsergebnisse ggfs. “erzwingen” zu können. Dies führte die Brigadekommandeure “in Versuchung” in dem Bataillon einen geschlossenen Verband zu sehen, den man auch für Kampfaufgaben einsetzen könne.  Als “viertes Manöverelement” neben den drei Brigaden eignete sich das Panzeraufklärungsbataillon zum Beispiel zur Verzögerung oder zur Überwachung von Lücken und Flanken in einem Divisionsgefechtsstreifen. Panzeraufklärungsbataillone waren möglichst grenznah stationiert, um bei einem Angriff unverzüglich die Bewegungsrichtung des Aggressors aufklären zu können. Für den Aufklärungsauftrag verfügten sie bis weit in die siebziger Jahre über den “Schützenpanzer kurz” HOTCHKISS. Er wurde durch den für Aufklärungszwecke entwickelte Spähpanzer LUCHS abgelöst. Dieser war extreme leise und schwimmfähig und hatte einen großen Fahrbereich. Mit einem eigenen Rückwärtsfahrer konnte er sich schnell vom Gegner lösen.  Wie der HOTCHKISS war er aber nur mit einer 20 mm - Maschinenkanone bewaffnet, die für eigenständige Kampfaufträge gegen schwere Kräfte nicht ausreichte. Von Anfang gehörten auch schon technische Aufklärungsmittel zum Bestand eines Panzeraufklärungsbataillons in Form von Radargeräten, die auf HOTCHKISS, später Radpanzern FUCHS,  verlastet waren und in der Tiefe des Raums Bodenziele und Hubschrauber erkennen und verfolgen konnten.

Mit dem Umbau der Bundeswehr wurden aus den Aufklärungsbataillonen der Panzeraufklärungstruppe  technische Spezialverbände der Heeresaufklärungstruppe, die mit dem deutsch-niederländischen SpähPanzer FENNEK ein mit Sensoren, Drohnen, Rechnern und elevierbarer Beobachtungsplattform bestücktes Radfahrzeug erhielten. Der FENNEK kann zum Beispiel Bodensensoren ausbringen und damit durch Truppenbewegungen ausgelöste Vibrationen aufnehmen und orten. Darüber hinaus setzt ein Aufklärungsbataillon Drohnen (ALADIN, MIKADO, LUNA, KZO) und Radargeräte auf dem geschützten Fahrzeug DINGO  zur Überwachung des Gefechtsfeldes ein. Die Radargeräte bedürfen allerdings einer Ablösung, die noch aussteht. Zusätzlich übernahm man die kleine Frontnachrichtentruppe, um die Erdaufklärung durch Befragung von Personen zu verdichten. Die Heeresaufklärungstruppe hat auch die Fernspähtruppe integriert, die weit außerhalb des eigenen Gebietes mit kleinen verdeckten Trupps im feindlichen Gebiet beobachten und aufklären soll.

Die Bedeutung der Heeresaufklärer ist durch die Auslandseinsätze in unübersichtlichen Lagen gestiegen. Seit der Umwandlung zum “Neuen Heer” nach 2004 verfügen die Brigaden über ein eigenes Aufklärungsbataillon. In der Struktur der Neuausrichtung sind das  sechs Bataillone, dazu kommen zwei Kompanien in der Luftlandebrigade. Bei der Aufstellung eines neues Jägerbataillons( Nr. 291) der deutsch-französischen Brigade in Illkirch (F) entstand ein aus  Jägerkompanien und einer  Aufklärungskompanie (FENNEK) gemischter Verband. Derartige Formationen sind aus den Erfahrungen der Einsätze in Bürgerkriegsgebieten entstanden, wo die Überwachung großer Geländeteile ein wesentlicher Bestandteil des Kampfauftrages ist.


      Qualität statt Quantität?  – Die vernetzte Operationsführung
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Für das Konzept der vernetzten Operationsführung waren in der Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten einige Grundlagen gelegt worden, lange bevor die USA mit dem zweiten Irakkrieg dieses Konzept demonstrierten und  mit relativ begrenztem Truppeneinsatz die irakischen Streitkräfte ausschalteten und zumindest militärisch erst einmal erfolgreich waren. Eine vernetzte Gefechtsführung soll knapp bemessene Kräfte durch Aufklärungs- und Führungsüberlegenheit zu optimalem Waffeneinsatz und Gefechtserfolg befähigen.  Eine umfassende Aufklärung und überlegene Führung soll den Waffeneinsatz der verschiedenen Systeme koordinieren und die Zielbekämpfung dem System zuweisen, dass lageabhängig den größten Erfolg verspricht.  Panzerziele könnten dann zum Beispiel sowohl einem  Artilleriegeschütz, einem Kampfpanzer, einem Luftfahrzeug oder einem Panzerabwehrlenktrupp zugewiesen werden. Die Verteidigung wäre damit nicht mehr allein in der Verantwortung einer Einheit, die in einem begrenzten Raum ihren Kampfauftrag wahrnimmt.

Grundvoraussetzung ist ein Aufklärungsverbund aller Kräfte im Heer und anderer Teilstreitkräfte, die Informationen über den Gegner sammeln, ein zur Informationsübermittlung  leistungsfähiges, mobiles und redundantes Fernmeldenetz, ein Führungsinformationssystem in Stäben, welche die Aufklärungsdaten bewerten und die Bekämpfung den „Wirkmitteln“ (Waffensystemen) zuweisen. Qualität geht hier vor Quantität, auch wenn angesichts der Finanzlage Zweifel an der umfassenden Realisierung erlaubt sein dürften. Das Heer hatte in den Waffengattungen schon in der Struktur IV an der Vernetzung von Waffensystemen und Einheiten in rechnergestützten Führungsinformationssystemen  begonnen und für die vernetzte Stabsarbeit der Großverbände mit dem System HEROS eine erste Lösung realisiert.

Das bekannteste Führungswaffeneinsatzsystem (FÜWES) war der Führungsinformationsverbund der Artillerie im System ADLER.  Das Konzept des INFANTERISTEN DER ZUKUNFT (GLADIUS), der mit einer variablen  Ausrüstung auch über eine umfangreiche Aufklärungs- und Kommunikationsausstattung verfügt, bindet auch die Kämpfer zu Fuß in diese Vernetzung von Führung und Einsatz ein.

Eine Liste im Taschenbuch “Deutsche Bundeswehr 2006/7”(CPM, St Augustin) weist fünfzehn verschiedene Subsysteme von FÜWES  für Heer und SKB von ADLER der Artillerie bis ORION bei der Operativen Information aus (a.a.O. S. 487).  Der “Wildwuchs” von  älteren“Insellösungen”  ist allerdings ein großes Problem für die Integration  in ein übergeordnetes FÜHRUNGSINFORMATIONSSYSTEM HEER als kontinuierliche Weiterentwicklung von HEROS und eines Netzwerkes für das FÜHRUNGSINFORMATIONSSYTEM STREITKRÄFTE , das den Führunginformationssystemen von Heer, Luftwaffe, Marine,  SKB und zentralem Sanitätsdienst  übergeordnet ist und mit den Führungsnetzen der alliierten Partner und dem logistischen und administrativen SASPF-Fachinformationssystem  verknüpft.  Für einen übergreifenden Führungsverbund müssen an den Schnittstellen zu schon vorhandenen Subystemen der Waffengattungen, Teilstreitkräfte und Bündnispartner Lösungen für den Datenaustausch gefunden werden. Die Komponenten der Führungsinformationssyteme der Bundeswehr sind nur zu einem Teil mobil ausgelegt und “geländegängig”.  Die hohe Abhängigkeit von der Technik und der Grundsatz, dass im Kriege meist nur das Einfache Erfolg hat, lässt Zweifel aufkommen, ob eine derartiges Gefechtsfeldmanagement im Einsatz so gut funktionieren würde, dass man die Reduktion von Waffeneinsatzsystemen in Kauf nehmen kann. Das Führungspersonal im Heer war gewohnt, seine Aufgaben im Rahmen der Auftragstaktik mit hoher Eigenverantwortung vor Ort wahrzunehmen.

Einige zum Teil schon länger vorhandene , in jüngerer Vergangenheit eingeführte  oder begonnene Projekte, die zur vernetzten Gefechtsführung beitragen können, sind z.B. IFAB (integrierte Feuerleitmittel Artillerie), Drohnensysteme wie KZO (Kleinflugeräte zur Zielortung) und LUNA (Luftgestützte unbemannte Nahaufklärungsausstattung), BIGSTAF (Breitbandiges-Integriertes-Gefechtsstand Fernmeldenetz ), AUTOKO 90 (Automatisiertes Kommunikationsystem ab Brigade aufwärts), FAUST (Führungsausstattung Taktisch für Einheitsführer), HEROS 2/1 (stationäres oder mobiles rechnergestütztes System zur Unterstützung der Operationsführung im Heer) und das oben schon erwähnte FÜinfoSysH (Führungsinformationssystem Heer),  das angeschlossene Teilnehmer und Stäbe vernetzt und auch die Führungswaffeneinsatzsysteme (FÜWES) der Truppengattungen einbindet. Zur Datenübermittlung dienen neben Kabel- und Richtfunkverbindungen, HF- und VHF-Funk, Satellitenkommunikation auch Lichtwellenleiter zur Vernetzung der Komponenten von Gefechtsständen.

In der Waffentechnologie trägt natürlich auch die Fähigkeit zur Punktzielbekämpfung durch “intelligente” 155 mm-Suchzündermunition SMArt der Rohrartillerie und die GLRMS-Rakete der MARS-Raketenwerfer bei, die über bis zu 85 km nur eine Streuung  von 5 m haben soll. Auch konventionelle Munition kann durch neuere Systeme zur Artilleriebeobachtung,  Feuerleitung, Vermessung und Ortung viel präziser eingesetzt werden. Zu dieser Ausstattung gehört zum Beispiel das Artillerieortungsradar COBRA der gemischten Artilleriebataillone.

In diesen Zusammenhang gehört natürlich auch die Diskussion um die Einführung bewaffneter Drohnen bei der Bundeswehr, die von den Ministern de Maizière und von der Leyen angekündigt wurde.  Dies ist keine primär von den USA zu verantwortende “aufgezwungene” Einsatzoption, denn das Heer plante schon für die neunziger Jahre zur Panzerbekämpfung die Einführung der Kampfdrohne TAIFUN auf der Basis der Drohne KZO. (>> Kampfdrohnen für die Bundeswehr?  )

Jede Diskussion um die beschriebenen Einsatzoptionen ist immer wieder durch Berichte über  Opfer in der Zivilbevölkerung in den außereuropäischen Krisen- und Kriegsgebieten belastet, bei denen aus der Entfernung nur durch ferne Kommandozentralen kontriollierte Waffensysteme ihr Ziel verfehlten. Der im Militär schon länger gebräuchliche Begriff der “Kollateralschäden” ist so auch schon zu einem Unwort des Jahres geworden. Die negative Berichterstattung unterstreicht die Bedeutung, die dem Verbund von Aufklärung und Führungsinformation und der Zuverlässigkeit der Systeme zukommen, und dass Einführung und Betrieb besonders kritischer Begleitung bedürfen. Echte oder in den Medien übertriebene Waffenskandale begleiten die Geschichte der Bundeswehr und dienten nur zu oft der Infragestellung des Auftrages ohne wirkliches Interesse an funktionierenden Streitkräften.
Jüngster Beitrag der Artillerie im Rahmen ihres teilstreitkräfteübergreifenden Konzepts für indirektes Feuer ist die Realisierung von umfassend vernetzten Artilleriebeobachtern auf dem Radpanzer FENNEK (joint fire support teams), die sowohl das Feuer Boden-Boden (Heer, Marine) als auch Luft-Boden (Heeresflieger, Luftwaffe) leiten können.
Damit ist die Luftwaffe, die während der Reduktionen der neunziger Jahre die Rolle der Luftnahunterstützung aufgegeben hatte, wieder mit dem Gefecht des Heeres verknüpft. Sie arbeitet mit einer allerdings in der Stückzahl sehr begrenzten Zahl von nur noch 140 EUROFIGHTERN und 85 TORNADO  im Rahmen des umfassenden AIRSURFACE Konzepts an einem Teilbeitrag zur Bodenkriegführung. Die Realisierung einer Mehrzweckrolle des EUROFIGHTERS kommt allerdings nur langsam voran. Der TORNADO, der in den achtziger Jahren mit dem Streuwaffenbehälter MW-1 auch einen Beitrag zur Panzerbekämpfung geleistet hatte, steht nur noch in einem Taktischen Luftwaffengeschwader für die Luft-Bodenrolle für den Rest seiner Nutzungsdauer zur Verfügung und hat auch immer noch die Aufgabe der nuklearen Teilhabe wahrzunehmen.
Dass natürlich die Feuerkraft und die zahlreichen Unterstützungsleistungen aller Truppengattungen des Heeres, nicht nur die der Artillerie und Luftwaffe, zur vernetzten Gefechtsführung gehören und sicher auch die Hauptlast zu tragen hätten, sei hier noch einmal am Schluss unterstrichen. Die “Befähigung zum Kampf” gehört zum Hauptauftrag des Heeres als Instrument einer Politik, die sich der Vermeidung oder, wenn es sein muss, auch Eindämmung von Gewalt verpflichtet fühlen muss.

Vorneverteidigung an der Grenze oder operative Führung im Raum? >> Inhalt

Eine sehr grundsätzliche Frage für die deutsche Sicherheitspolitik war die Frage, wo der Verteidigungskampf im Falle des Versagens der Abschreckung geführt werden sollte. Vielen älteren Bürgern waren Bombenkrieg und Abwehrkämpfe auf deutschem Boden im letzten Kriegsjahr in unauslöschlicher Erinnerung, dazu kam das Damoklesschwert eines Nukleareinsatzes. Der Zivilschutz, vor allem der Schutzbau, konnte mit den in den geheimen Planübungen (WINTEX)  gedachten Bedrohungsszenarien nicht mithalten, und war auch unpopulär. Die politische Öffentlichkeit mied das Thema, auch wenn Presse und  die öffentlichen Sender sich damit durchaus  befassten. Das Nachrichtenmagazin  „Spiegel“ hatte mit dem Artikel „Bedingt abwehrbereit“ 1962 diese Tabus berührt und eine heftige politische Reaktion ausgelöst, die sich dann aber mehr um das unangemessene Verhalten der Regierung , Rechtsbrüche und die Pressefreiheit, weniger um die sensiblen Sachfragen des Artikels drehte. Hier wurde neben dem berechtigten politischen Protest leider eine Chance zu einer ehrlichen sicherheitspolitischen Debatte vertan.

Die militärische Planung Deutschlands und der NATO konnte sich nicht hinter dem Dogma einer absoluten Kriegsvermeidung durch Abschreckung verschanzen und musste  für den „Verteidigungsfall“ detaillierte Vorbereitungen ausarbeiten. Die Kräfteverhältnisse der fünfziger und frühen sechziger Jahre ließen eine nachhaltige Verteidigung in Grenznähe nicht zu. In günstigem Fall wäre ein Angriff allenfalls an der Rheinlinie zu einem vorläufigen Stillstand zu bringen gewesen. Die in den Niederlanden getroffen Vorbereitungen, durch Sprengungen an den Wasserbauwerken große Landstriche an Rhein und Ijssel unter Wasser zu setzen, dokumentieren die militärische Einschätzung der fünfziger Jahre.

Im Laufe der sechziger Jahre sah die NATO mit dem Ausbau der Bundeswehr die Option einer Verteidigung an der Weser-Lech-Linie vor. Das stellte aus der Sicht Deutschlands auch keine wesentliche Verbesserung dar, da der gedachte Kriegsschauplatz quer durch die Bevölkerungszentren der Bundesrepublik verlaufen wäre. So setzten die Bundesregierungen mit dem wachsenden Gewicht eines eigenen deutschen Militärbeitrages das Konzept der Vorneverteidigung durch. Die Verteidigung sollte so weit östlich wie möglich an der Grenze zum Warschauer Pakt aufgenommen werden.  Das war nur mit ausreichenden Kräften bei frühzeitiger Aufklärung und rechtzeitigen politischen Entscheidungen zur Erklärung des Spannungsfalls möglich und stellte hohe Anforderungen an das Mobilmachungssystem. Der General Defence Plan der NATO sah eine genaue Aufgabenverteilung und Planung in den Gefechtsstreifen der nationalen NATO-Korps parallel zur Grenze zum Warschauer Pakt vor („Schichttorte“).

Die Bundeswehr sollte in der Lage sein, binnen 48 Stunden in ihren vier Korpsgefechtsstreifen und zum Teil auch schon in der Territorialverteidigung einsatzbereit zu sein. Die deutsche Stationierung erfüllte diese Voraussetzung im Großen und Ganzen und wurde in Einzelfällen auch korrigiert. So wurden durch Unterstellungswechsel im Rahmen der Reorganisationen zur Einnahme neuer Heeersstrukturen um 1970 bzw. 1980 die Panzergrenadierbrigade 16 von Flensburg in den Raum östlich Hamburg und die Panzerbrigade 33 von der Ems in die Heide verlegt.  Für die 7.Panzerdivision in  Westfalen und die Masse der 10.Panzerdivision in Schwaben war die rückwärtige Stationierung wegen ihrer Rolle als Reservekräfte vertretbar. Die 12.Panzerdivision in Mainfranken befand sich seit ihrem Wechsel zum III.Korps (Koblenz) 1970  mit der Masse nicht in dessen Gefechtsstreifen, war aber ohnehin zum Einsatz im Rahmen des V. US-Korps gegenüber dem „Thüringer Balkon“ mit dem berüchtigten „Fulda-Gap“ vorgesehen. Auch die beiden US-Korps und das britische Korps lagen in der Masse in der Nähe ihrer Einsatzräume. Die Kanadier gaben ihre Standorte östlich des Ruhrgebiets im Umfeld der Rheinarmee auf und  formierten eine Brigade in der Nähe ihrer Luftwaffenstützpunkte in Baden.
(>> Überlegungen zu Einsatzoptionen abweichend von der truppendienstlichen Unterstellung in: http://bw-duelmen.de/data/documents/60-Jahre-Bw-Msld-Bild-u-Text-20.1.pdf )

Die Masse des I. niederländischen Korps  befand sich im Mutterland und das  I. belgische Korps nutzte bei der Stationierung noch die Standorte aus der Besatzungszeit im südlichen Nordrhein-Westfalen und hatte Teile seiner Streitkräfte ins Mutterland abgezogen. Die französische Armee in Südwestdeutschland war seit dem Austritt aus der Militärorganisation unter Präsident de Gaulle 1966 nur noch als Reserverband anzusehen und nicht verbindlich für die Vorneverteidigung in Bayern einzuplanen. Sie war aber aufgrund deutsch-französicher Abkommen nicht abgezogen worden. Die Beteiligung der dänischen Jütlanddivision an der Grenzverteidigung zwischen Lübeck und Hamburg unter dem Dach des Korps LANDJUT war in der dänischen Öffentlichkeit  umstritten.

Die Voraussetzungen des von der NATO gebilligten Konzepts der Vorneverteidigung waren nicht überall günstig. So wiesen die Pläne im Falle einer kurzen Vorwarnzeit der 3.Panzerdivision zusammen mit der 41.niederländischen Brigade (Seedorf, Bergen) die Deckung des Gefechtstreifens südlich der Elbe bis zum Eintreffen des niederländischen Korps zu. Die 7.Panzerdivision konnte bei Bedarf das I. belgische Korps bis zu dessen voller Einsatzbereitschaft im Oberweserraum unterstützen.

Große Sorgen bereiteten den NATO-Planern die Überdehnung der Kräfte des II.Korps (Ulm) in Süddeutschland bis zur Alpengrenze und die Möglichkeit einer Verletzung der österreichischen Neutralität. Aus diesem Grund war die Kontinuität der Gebirgstruppe nicht nur Folklore, auch wenn man die Gebirgsbrigade 22  in Oberbayern zu einer Panzergrenadierbrigade für die Vorneverteidigung umstrukturierte und die Gebirgsbataillone in der Brigade 23 zusammenfasste.

In jedem Fall gehörte zu Beginn einer Vorneverteidigung ein erfolgreicher Aufmarsch der eigenen Kräfte, die als fester Bestandteil zu den Manöveranlagen der jährlichen Korpsübungen gehörte. Die Manövertruppen versammelten sich in der Regel in Bereitstellungsräumen in Entfernungen von 100 km und mehr vom eigentlichen Übungsgebiet. Der Aufmarsch von Verstärkungskräften, unter Überwindung der grossen Flüsse mit Pionierunterstützung des Territorialheeres, war auch Bestandteil der allierten Streitkräfte. Bei den regelmäßigen REFORGER* -Übungen der Amerikaner kamen Verstärkungskräfte aus den USA zum Einsatz und die britischen Streitkräfte erprobten bei LIONHEART 1984 in der größten britischen Übung der Nachkriegsgeschichte die Verstärkung der Rheinarmee aus dem Mutterland. Das in den zahlreichen Manövern in der Zeit des Kalten Krieges erworbene Know How für diese Aufmarschphase ging nach 1990 zum Teil verloren und muss jetzt im Rahmen der NATO-Übungen zur Rückversicherung ihrer neuen Bündnispartner im Osten wieder erworben werden. (*Return of Forces to Germany)

Die Versorgung der Kräfte in der Vorneverteidigung sollte sich auf vorgeschobene Depots in den vorgesehenen Einsatzräumen abstützen können (Forward Storage Sites, Korpsdepots), die in immer größerer Zahl seit Mitte der sechziger Jahre entstanden. Die Endpunkte der NATO-Pipelines erreichten das rückwärtige Gebiet der NATO-Korps.

Die Vorneverteidigung entsprach der Interessenlage der Bundesrepublik und auch der NATO  aus zwei Gründen. Der Abwehrkampf sollte nach Möglichkeit von den Bevölkerungszentren ferngehalten werden und ein Angreifer musste von Beginn an mit intensiven Kämpfen und dem Risiko einer Eskalation rechnen. Dies war wieder Grundvoraussetzung der Abschreckung.
Andererseits gab es begründete Zweifel, ob angesichts der immer noch ungünstigen Kräfteverhältnisse ein Erfolg der Vorneverteidigung realistisch war und kriegsgeschichtliche Erfahrungen nicht unbedingt für starre Abwehrlinien sprachen. Angreifende Truppen des Warschauer Paktes hätten mit der Wahl der Schwerpunkte ganz andere operative Maßnahmen erzwingen können als sie der General Defence Plan vorsah.

Es stellte sich auch nicht nur die Frage der Verteidigung, sondern die der Kriegsbeendigung auf konventionellem Wege, die nur nach erfolgreichen Operationen gegen den Angreifer realistisch war. Die Befürworter der Vorneverteidigung hielten dagegen, dass es sich nicht um einen statischen Abnutzungskampf an der Grenze handeln dürfe, sondern um eine mobiles Gefecht in einem Verteidigungsraum mit einer Reihe von kleineren Gegenoperationen, die den Angreifer aus dem Gleichgewicht bringen sollten.

Im Laufe der achtziger Jahre wurde in Militärkreisen eine Belebung des operativen Denkens gefordert. Die Verteidigung sollte sich auf eine beweglichere Gefechtsführung in größeren Räumen einstellen, um durch umfassende Gegenoperationen den Angreifer zu schlagen. Das setzte die Bereitschaft voraus, Teile des eigenen Raums zeitweise aufzugeben und auch das Territorium des Gegners einzubeziehen. Die „Cross Border Erlaubnis“ durch die politische Führung war eine heikle Frage und für offizielle Heeresplanungen tabu, war aber vor allem auch für die Luftwaffenkriegführung  zu Beginn eines Konflikts von großer Bedeutung. Das operative Denken orientierte sich auch an der deutschen Kriegführung im II. Weltkrieg und war in den Köpfen der Militärführung in den Anfangsjahren noch präsent. Das war in der politischen Öffentlichkeit  sicher keine Empfehlung, obwohl westalliierte Militärschulen da keine Berührungsängste hatten. Der spätere Generalinspekteur Heusinger empfahl in einer frühen Studie,  gestützt auf zwei unbedingt zu haltende Verteidigungsräume im Norden und Süden der Bundesrepublik im Falle eines Angriffs durch den Warschauer Pakt zwei Gegenoffensiven in Richtung Thüringen und entlang der Elbe in die Flanken des Angreifers zu führen.  Heusinger ging allerdings noch von einer deutlich höheren Zahl von NATO-Divisionen aus.

Interessanter weise wurde vor allem von britischen NATO-Militärs eine Renaissance des operativen Denkens gefordert und auch von deutscher Seite in der Militärpublizistik aufgegriffen. Die britische Rheinarmee hatte ganz im Sinne der Vorneverteidigung eine zähen und beweglichen Abwehrkampf in ihrem Abschnitt auf der Bewegungslinie Berlin-Ruhrgebiet mit kleineren „Combat Teams“ geplant, der aber auch den Rückzug auf weiter hinten liegende Linien einbezog. Die britischen Militärs planten die Verteidigung in größerer Tiefe des Abwehrraums und auch die deutsche Heeresführung legte bei den Gefechtsübungen zunehmend eine größere Tiefe zugrunde, wenngleich auch eine Operationsführung in größeren Räumen im Sinne Heusingers mit den politischen Vorgaben nicht vereinbar war.

Vor allem von amerikanischer Seite wurde immer mehr gefordert, den Verteidigungskampf mit technischen Mitteln in die Tiefe des gegnerischen Raumes zu tragen. Das war immer schon einer der Aufträge der Luftstreitkräfte gewesen, die den Kampf gegen die Reserveformationen des Warschauer Paktes durch Zerstörung von Brücken, Depots und Hauptquartieren und Panzerbekämpfung aus der Luft im Hinterland der sowjetischen Satellitenstaaten führen sollten. In der deutschen Luftwaffenplanung erreichte der TORNADO seit den achtziger Jahren mit dem Behälter MW 1  für den Abwurf von Streumunition gegen Startbahnen  und Panzerformationen eine deutliche konventionelle Kampfwertsteigerung und an der Entwicklung eines abstandsfähigen Luft-Boden-Flugkörpers gegen Hochwertziele wurde gearbeitet. Er gehört heute unter dem Namen TAURUS zum Arsenal des TORNADOS.

Zum sogenannten Follow-on-Forces Attack -Konzept der US-Streitkräfte (FOFA) gehörte eine Reihe von konventionellen Waffenprojekten die mit Flugkörpern gegen aufgeklärte Ziele weit im Hinterland mit Präzisionsmunition wirken sollten. Dieser nach dem US-General Rogers benannte Plan war wegen der Kosten und Zweifel an der Wirksamkeit im Bündnis umstritten, hatte aber eine Reihe von Waffenentwicklungen zur Folge, die auch nach der Veränderungen der neunziger Jahre in die Rüstungsplanung eingingen (GLRMS-FK für MARS, Präzisionsmunition, Drohnen).

Für die Bundeswehr hatte naturgemäß die Abwehr der ersten Angriffsstaffeln in den ersten Stunden Priorität. Dies löste aber nicht das Problem der konventionellen Kriegsbeendigung gegenüber einem Gegner mit überlegenen Reservekräften einer militarisierten Gesellschaft.

In der Neuformulierung der NATO-Strategie in den 90er Jahren löste man sich vom Denken in festen Abwehrfronten und ging zum Konzept der „Strategischen Gegenkonzentration“  über, bei dem im Raum eines bedrohten Bündnispartner eigene multinationale Kräfte zusammengezogen werden sollten, ohne eine genaue Festlegung auf einen Einsatzraum. Wenn man will, kann man darin eine Rückkehr des operativen Denkens ausmachen.

Ununterbrochen im Einsatz – Kampfdrohnen für die Bundeswehr? >> Inhalt

Unbemannte Luftfahrzeuge (Unmanned Aerial Vehicle) sind bei der Bundeswehr seit den siebziger Jahren im Einsatz. Es begann mit der Aufklärungsdrohne CL 89, die in der Artillerie zur Aufklärung gegnerischer Ziele in größerer Tiefe des Raumes eingesetzt wurde, und zur Verbesserung des Lagebilds beitrug. Ihr Nachfolger die CL 289 ist durch die Einsätze auf dem Balkan bekannt geworden, als Berichte über die Eskalation des Konflikts zum Völkermord für die militärische und politische Führung verifiziert werden mussten. Dabei gingen auch einige Exemplare durch Waffenwirkung verloren.

Die CL 289 ist seit ca 10. Jahren nicht mehr im Dienst und wurde durch ein breiteres Spektrum von Aufklärungsdrohnen verschiedener Größenordnungen ersetzt, die vom Kleinflugkörper für die kleine Infanteriegruppe und das Aufklärungsfahrzeug vor Ort bis zur Überwachung und Zielaufklärung des gesamten Einsatzgebietes eines Großverbandes reicht (ALADIN, MIKADO, LUNA, KZO). Diese Systeme tragen zur Aufklärung mit Luftbildern bei. An der Spitze der Einsatzskala stand  die auf einem amerikanischen Modell beruhende strategische Drohne EuroHawk zur weiträumigen elektronischen Aufklärung, welche die wenigen in dieser Rolle eingesetzten, außer Dienst gestellten  Marineaufklärungsflugzeuge Atlantic (SIGINT) ablösen sollte. Das weit fortgeschrittene Projket scheiterte 2011 erst einmal  weil die Frage des unbemannten Einsatzes luftrechtlich in Frage gestellt wurde, so dass eine Einsatzlücke bleibt. Die deutsche Beteiligung an einem vor allem  im Mittelmeeraum zu realisierenden NATO-Projekt zur strategischen Aufklärung (Allied Ground Surveillance ) auf der Basis des gleichen Luftfahrzeugs Global Hawk wurde aber noch nicht aufgegeben und für den unbemannten  Drohnenflug  im zivilen Luftraum außerhalb von Truppenübungsplätzen gibt es Entwicklungsvorschläge für Begleitflugzeuge, um den luftrechtlichen Einschränkungen bei unbemannten Flügen in unserer Region Genüge zu tun . Auf dem Gebiet ziviler Flugsicherheit dürfte es bei dem Wildwuchs von privaten Hobbydrohnen größeren Handlungsbedarf geben als bei der Kontrolle  eines durch Führung und Normen geordneten zahlenmäßig begrenzten militärischen Flugbetriebes!

In den Einsatzgebieten spielen diese Einschränkungen ohnehin keine Rolle. Dort setzt die Luftwaffe für die weiträumige Überwachung von Israel geleaste HERON ein, die auch in einer bewaffneten Version im Gespräch ist. Die Entscheidung für HERON ist in Militärkreisen umstritten und es kann aber vermutet werden, dass eine deutsch-israelische Kooperation in Politik und Öffentlichkeit leichter zu vermitteln ist als eine Beteiligung an der im kritischen Fokus  der Medien stehenden amerikanischen PREDATOR.

Ursprüngliche Konzepte mit vorprogrammierten Flugbahnen und klassischer Luftbildauswertung nach Rückkehr sind durch die Weiterentwicklung der Kommunikationstechnologie unter Einbeziehung von Satelliten zu ferngelenkten Drohnen weiterentwickelt worden, deren Bediener sich gar nicht mehr im Einsatzgebiet, sondern auf einer Heimatbasis befinden. Aufklärungsbilder können in Echtzeit übermittelt werde, so dass der Schritt zur  Kombination von Aufklärungs und
Waffeneinsatz nicht mehr weit ist. Drohnen können sich ohne Risiko für Leib und Leben der Bediener sehr viel länger und kostengünstiger als Flugzeuge über dem Kampfgebiet aufhalten,  es überwachen und bei Bedarf ohne Zeitverzug mit gelenkten Flugkörpern Ziele bekämpfen.

Es gab in der Vergangenheit auch Modelle für das Kriegsbild klassischer Großkonflikte mit autonomer Auslösung von Waffen bei der Bekämpfung großer angreifender Panzerformationen. Dabei sollten  Drohnen in großer Zahl in den Luftraum entlang der Vormarschstraßen einfliegen und auf erkannte Panzerziele automatisch Wirkkörper abfeuern (Suchzündermunition).  Die Kampfdrohne TAIFUN war in den Planungen für die neunziger Jahre als Feuerunterstützungs-waffe der Korps vorgesehen, wurde aber nicht realisiert. Dies wäre eine risikolosere Alternative zum Angriff von Lufwaffenverbänden auf diese Formationen gewesen, ist aber mit dem gezielten gelenkten Einsatz der Kampfdrohnen amerikanischer Herkunft nicht zu vergleichen. Eine unbewaffnete Varinate des Basisflugkörpers wird heute als Aufklärungsdrohne KZO (Kleinflugkörper Zielortung) genutzt.

Einwegdrohnen, die nach der Aufklärung des Zieles dieses Ziel anfliegen und zerstören sind eine weitere Option. Dazu gehört das von der Bundeswehr erprobte System  WABEP (Wirkmittel zur abstandsfähigen Bekämpfung von Einzel- und Punktzielen), eine Kombination der KZO mit der israelischen Kampfdrohne HAROP.

Minister de Maizière bekundete 2012 die deutsche Absicht zur Beschaffung von Kampfdrohnen.
Der Bedarf ist militärisch nicht umstritten und die Bundeswehr muss hier auch im Interesse der Soldaten im Einsatz den internationalen Ausrüstungsstandards entsprechen. Die Entwicklung einer europäischen Drohne ist beabsichtigt.Der internationale Maßstab bei den westlichen Partnern sind vor allem die US-Kampfdrohnen PREDATOR und die größere REAPER, an deren Nutzung und Erfahrungsgewinn sich eine Reihe europäischer Partner beteiligen. So trainieren britische und italienische Soldaten in den USA den Einsatz ihrer PREDATOR.

Die Absichtsbekundungen des BMVg haben erwartungsgemäß zu Gegenreaktionen geführt.
Die Bedenken werden vorwiegend aus den Kreisen geäußert, die generell große Distanz zum Militär als Teil staatlicher Sicherheitsvorsorge zeigen.  Für Zündstoff in der Diskussion sorgen die vor allem in der Präsidentschaft von Obama ausgeweiteten US-Einsätze in den asiatischen Krisengebieten und Rückzugsgebieten von Aufständischen in den Nachbarstaaten, bei denen durch unbeteiligte zivile Opfer die Grenzen derartiger Systeme vor Augen geführt werden. Hinzu kommt die berechtigte kritische Auseinandersetzung mit den gängigen widerlichen Kriegsspielen in einer virtuellen Computerwelt, die unreflektiert auf die Einsatzkräfte in den Bodenkontrollstationen der Drohneneinheiten übertragen werden. Da machen Bilder von  beliebig tötenden „Joystick“-Bedienern in Containern die Runde, die hinterher mit großen psychologischen Problemen zu kämpfen haben.

Ethische Bedenken gegen „Krieger,“  die aus sicherer Distanz töten, erinnern etwas an das Bedauern über den Untergang der Ideale des Rittertums und den Verlust des ehrenhaften Kampfes „Mann gegen Mann“ durch die neuzeitliche Kriegführung.  Abgesehen davon, dass dieses Bild vom ritterlichen Kampf auch im Mittelalter schon nicht stimmte, unterscheidet den Drohnenbediener fern vom Gefechtsfeld wenig  vom geschützbedienenden Kanonier oder Kampfpiloten, der sich beim Fehlen eines gleichwertig ausgerüsteten Hochwertgegners auch in relativer Sicherheit wiegen kann. Wenn sich die Bodenstation im Einsatzgebiet befindet, teilt der Drohnenbediener mit anderen Kontingentsoldaten das gleiche Risiko. Natürlich führt das Bild von Drohnenpiloten in den USA, die Personen und Ziele in fernen Gebieten an den Bildschirmen ausschalten und dann zu ihren Familien nach Dienstschluss zurückkehren zu Irritationen.  Die Einsätze gegen Terrorgruppen in Pakistan sind völkerrechtlich umstritten,  aber die Bedrohungen der Gegenwart durch Anschläge global agierender nichtstaatliche Gruppen sind häufig nicht mehr in juristischen Begriffen des bisherigen  Kriegsvölkerrechts zu fassen.  Völkerrechtlich legitime Verteidigung ist nach der Definition eine Reaktion auf gesteuerte Gewalteinwirkung von außen, sofern man den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit beachtet.

Kampfdrohnen verleihen bei asymmetrischen Kriegsbildern den in diesen Auseinandersetzungen oft hilflos wirkenden technisierten Armeen des Westens ein „eigenes asymmetrisches“ Wirkmittel gegen „Aufständische“,  die dagegen kein wirksames „symmetrisches“ Gegenmittel haben. Drohneneinsätze sind nicht mit dem für westliche Armeen grundsätzlich immer schwierigen Fragen von Verlusten durch Tod und Verwundung der eigenen Soldaten verbunden., die bei entsprechender Reaktion der Öffentlichkeit den vorzeitigen Abbruch von Einsätzen herbeiführen können. Erfolgreiche Drohneneinsätze gegen Kämpfer und Führer von irregulären Kräften lösen die Probleme des Hasses nicht, könnten aber  auf lange Sicht den asymmetrischen Kräften doch Grenzen ihrer Waffengewalt bei der Kontrolle von Territorien aufzeigen und auch  ihnen trotz aller Verblendung die Bereitschaft zu politischen Lösungen näher bringen .

Jeder Waffenbediener in der Bundeswehr unterliegt den strengen Regularien des Waffeneinsatzes durch politische Mandatierung und ununterbroche Kontrolle durch die politische und militärische Führung. In der Bodenstation sind in der Regel sogar mehr Soldaten an der letzten Einsatzentscheidung beteiligt als das bei den heute in Regel nur mit einem Kampfpiloten besetzten Jets. Die Kontrolle des Waffeneinsatzes liegt auch hier bis zum Schluss bei Menschen als Bedienern und Führern. Die Vorstellung von sich verselbstständigenden Kampfrobotern wäre technisch sicher realisierbar, ist aber politisch wenig wahrscheinlich und bleibt (hoffentlich) Science Fiction.

Die ethische und politische Bewertung eines Einsatzes bei dem das Töten eines Gegners in Kauf genommen wird, unterscheiden sich bei einem Panzersoldaten und Drohnenbediener nicht. Es handelt sich um die gleichen Legitimationsfragen zum Soldatenberuf, welche die Bundeswehr seit den Aufbaujahren begleiten.
Abgesehen von der ethischen Diskussion ist der Einsatzwert bewaffneter Drohnen im Hinblick auf Wirkung und Zuverlässigkeit ständig zu prüfen. Der Einsatz unbemannter Systeme in einem großen, weitgehend leeren Raum stellt hohe Anforderungen an das Aufklärungs- und Führungssystem. Bekämpfung falscher Ziele aufgrund unzureichender Aufklärung und Führung oder technischem Versagen ist unbemannten Systemen ebenso eigentümlich wie allen klassischen Waffen des direkten oder indirekten Feuers. Drohnen tragen zu einer größeren Skalierbarkeit (Dosierung des Waffeneinsatzes) bei als die bisherigen Luft-Bodensysteme der Flugzeuge. Die fatalen Opferzahlen bei der Zerstörung eines Tanklastwagens durch eine Flugzeugbombe aufgrund der Führungsentscheidung eines deutschen Kommandeurs im afghanischen Kunduz 2009  unterstreichen die Notwendigkeit, Waffen in ihrer Wirkung einsatzgerecht  zu dosieren und sehr präzise lenken zu können. Der deutsche Kommandeur hatte nur ein eingeschränktes Instrumentarium an Wirkmitteln zur Verfügung und nur begrenzte Aufklärungsinformationen, um die Bedrohung zu bewerten. Die Kontrolle des Waffeneinsatzes war aber durch die Kommunikations- und Führungsmittel dauerhaft gesichert.

Sollte die Einführung bewaffneter Drohnen erfolgen, stellt sich die Frage der organisatorischen Einbindung, die sicher von der Luftwaffe beansprucht werden wird, aber gleichermaßen im Rahmen der eng in die Bodenaufklärung eingebundene Artillerietruppe oder Heeresaufklärungstruppe denkbar ist, zumal diese schon über Erfahrungen im Einsatz von Aufklärungsdrohnen verfügen. Auch ein „Poolen“ von Kampfdrohnen in multinationalen Verbänden wäre denkbar.

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Hybride Kriegführung: Mischung von offenen und verdeckten Aggressionen mit militärischen und nicht militärischen Mitteln, um den Gegner möglichst ohne Gefecht zu bezwingen. Dabei spielt der Einfluss auf öffentliche Meinung und politische Willensbildung,  der Wechsel von Eskalation und Deeskalation, das gezielte Auseinanderdividieren von Partnern („Salami-Taktik“) und der Einsatz von subversiven Kräfte („Fünfte Kolonne“) in den Staaten und Gesellschaften des vom Aggressor ausgesuchten „Opferstaates“ eine besondere Rolle, von Russland in der Uraine-Krise praktiziert, eigentlich ein uraltes Konzept und schon vom chinesischen Militärtheoretiker Sun Tzu vor 2500 Jahren beschrieben. Kennzeichnend auch für die Politik Hitlers vor 1939, vor allem in der von ihm provozierten „Sudetenkrise“. Zur Bekämpfung reichen militärische Mittel allein nicht aus.Hier sind alle Verantwortungsträger einer politischen Willensbildung gefragt. Die eingefordert Reslienz von Gesellschaften soll das Rezept gegen diese Form der Aggression sein.

Level of Ambition: Die Bundesregierung legt eine Größenordnung von Truppen und Leistungen fest, die sie in internationalen Organisationen (allen voran NATO und EU, aber auch UN und OSZE) für militärische Einsätze durchhaltefähig (!) zur Verfügung stellen wird.  In der Vergangenheit wurde dabei schon einmal die Stärke von 15.000 Soldaten erreicht, gegenwärtig kann man von bis zu 10.000 Soldaten ausgehen, die in Einsatzverpflichtungen ununterbrochen gebunden sind und für den Grundbetrieb nicht zur Verfügung stehen.

strukturierte Zusammenarbeit : Zusammenarbeit von einzelnen Staaten in der EU oder NATO, die bei der Integration voranschreiten wollen und bereit sind, dabei weiter zu gehen als andere Partner, kann auch als “Koalition der Willigen” umschrieben werden.

Resilienz:  Widerstandsfähigkeit ,  die Fähigkeit einer Gesellschaft,  Schäden auszuhalten und gemeinsam abzuwenden,  neues “Zauberwort” der Sicherheitspolitik

Rückversicherung: seit dem NATO-Gipfel von Wales und der Ukraine-Krise von der NATO durchgeführte militärische Maßnahmen im osteuropäischen Beitrittsgebiet durch Übungen und Depots hohe Präsenz zu demonstrieren und die militärische Sicherheit der neuen Partner zu erhöhen. Der in der NATO-Russland-Akte zugesicherte Verzicht auf dauerhafte Stationierungen von internationalen NATO-Kontingenten wird durch Rotation der Truppen eingehalten.

vernetzte Operationsführung : ein zusammenhängend organisierte Gefechtsführung durch einen Verbund von Aufklärung, Führung und Wirkung (Waffen), Voraussetzung ist ein funktionierendes System von Führung und Kommunikation (command, control, communication,intelligence)

vernetzter Ansatz : das Bemühen, alle Handlungsträger in ein gemeinsames Konzept einzubinden; so ist Sicherheitspolitik eine Angelegenheit der Bundesregierung, des Auswärtigen Amtes, des BMVg, der Entwicklungspolitik und vieler anderer Ressorts, Interessenverbände und  nicht-staatlicher Organisationen. Bei Stabilisierungsoperationen spricht man auch vom “Comprehensive Approach”, eines Zusammenwirkens von Militär, Behörden, Wirtschaft, Glaubensgemeinschaften  und nicht-staatlichen Organisationen (“non-governmentals”). Vernetzt sollte auch die Koordination der Handlungsträger der helfenden Entsendestaaten sein, allen voran das Zusammenwirken des Auswärtigen Amtes, Verteidigungsministeriums, Innenministerien von Bund und Ländern (Polizeiausbildung) und des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, was aber nicht immer selbstverständlich ist.

dynamisches  Verfügbarkeitsmangement: Die Truppe muss auf eine Vollausstattung verzichten und bekommt Gerät für ihre Aufträge zugewiesen. Bei Ausbildungsvorhaben im Grundbetrieb und zur Einsatzvorbereitung muss sich die Truppe oft Gerät von anderen Einheiten ausleihen. Der eloquente Begriff ist ein typisches Beispiel für die sprachliche Verschleierung von Defiziten.

Outsourcing : Auslagerung von Aufgaben in die Zivilwirtschaft

fähigkeitsorientierter Ansatz  : das militärische Aufgabenspektrum wird nicht nach überlieferter klassischen Strukturen und Traditionen verteilt, sondern dem zugewiesen, der das am besten kann und dort konzentriert. So wurden zum Beispiel die auf Lufwaffe, Marine und Heer verteilten Einheiten zur elektronischen Kampfführung und Aufklärung in der SKB in einem Kommando zusammengeführt und die Artillerie entwickelt für alle Teilstreitkräfte ein Konzept der indirekten Feuerunterstützung (joint fire support). Die gesamte bodengestützte Luftverteidigung ist nach 2011 bei der Luftwaffe gebündelt usw.

joint:   teilstreitkräfteübergreifend

Redundanz:  Fähigkeit, Ausfälle durch mehrfaches Vorhandensein von Systemen und Strukturen auszugleichen

Rekonstitution:  langfristige Wiederherstellung der vollen Verteidigungsfähigkeit, laut der verteidigungspolitische Richtlinien von 2003  in ca 10 Jahren bemessen


Impressum
Autor aller Texte und Materialien
Jürgen Dreifke , Dülmen
Beauftragter Sicherheitspolitik VdRBw – Kreisgruppe Münster
www.bw-duelmen.de
jd@bw-duelmen.de

Die den Informationen zugrundeliegenden Quellengrundlagen
sind oben in Auszügen aufgelistet. (>>Autor und Quellen) Da es sich hier um keine wissenschaftliche Arbeit handelt, wurde auf aufwändige Einzelnachweise verzichtet.

      





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